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Versorgungsnotstand: Pflege verbessert – Probleme bleiben

"Die Pflege-Schande", titelt die "Bild"-Zeitung heute und prangert die skandalösen Missstände in deutschen Altenheimen an. Die Prüfer der Krankenkassen sind überrascht: Denn seit ihrem letzten Bericht hat sich die Lage fast überall verbessert – auch wenn die Probleme bleiben.

Berlin/Hamburg – Eigentlich sollte der neue Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) offiziell erst heute um 11 Uhr auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt werden. Wie das aber mit solchen Berichten ist, irgendwie sickern die Informationen doch schon vorher durch. Und so titelte die "Bild"-Zeitung heute in riesigen Lettern vom "offiziellen Schock-Bericht" und der "Pflege-Schande".

Besser betreut, aber noch nicht gut genug: Seniorin in einem Pflegeheim
AP

Besser betreut, aber noch nicht gut genug: Seniorin in einem Pflegeheim

Beim MDS in Bonn war man am Morgen verärgert über die verlorene Interpretationshoheit. Denn so erschreckend die Zahlen auch sind – seit dem letzten Bericht der Krankenkassen-Prüfer im Jahr 2004 hat sich die Lage immerhin verbessert. "Im Vergleich zum ersten Bericht vor drei Jahren gibt es bei allen Versorgungskriterien Verbesserungen", sagte MDS-Geschäftsführer Peter Pick SPIEGEL ONLINE. Dennoch räumte er ein: "Aber es gibt immer noch Einrichtungen mit Problemen."

Nach Angaben einer Sprecherin des MDS hat die "Bild"-Zeitung die Zahlen aus dem vorab bekannt gewordenen Prüfbericht korrekt wiedergegeben. Demnach bekommt jeder dritte Pflegefall nicht genug zu essen und zu trinken - in Heimen sind es 34,4 Prozent, bei der ambulanten Pflege sind es 29,6 Prozent. Mehr als 35 Prozent der Heimbewohner und mehr als 42,4 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause würden nicht häufig genug umgebettet und sich deshalb wund liegen.

Bei 15,5 Prozent der Heimbewohner und bei 21,5 Prozent der ambulant Versorgten diagnostizieren die Kassenprüfer keine angemessene Inkontinenzversorgung. Besonders Demenzkranke würden nicht ausreichend betreut (Heime: 30,3 Prozent, ambulant: 26,1 Prozent). Für den Bericht wurde die Situation von mehr als 40.000 Pflegebedürftigen in Heimen und zu Hause untersucht.

Der Bund der Pflegeversicherten gab dem Medizinischen Dienst eine wesentliche Mitschuld an den Missständen. Zugleich verlangte der Vorsitzende des Bundes, Gerd Heming, im Südwestrundfunk für die Pflege eine bundeseinheitliche Aufsichtsbehörde nach dem Vorbild der Lebensmittelüberwachung.

Der Präsident des Pflegeverbandes, Rolf Höfert, mahnte im RBB-Inforadio eine Reform der Pflegeversicherung an. Die Rahmenbedingungen in der Pflege hätten sich verschlechtert, sagte Höfert. Es gebe auf der einen Seite seit 1995 gedeckelte Pflegesätze und auf der anderen Seite eine steigende Zahl von Pflegebedürftigen. Pfleger seien an den Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die Erhöhung der Pflegebeiträge sei nicht ausreichend. "Die grundlegende Frage ist, was ist uns die Würde, die pflegerische Versorgung der Menschen in Deutschland wert?"

phw/AFP/AP/ddp/dpa

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Forum - Pflege in Deutschland - schlimme Zustände?
insgesamt 660 Beiträge
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1. Pflege
Kulle, 31.08.2007
Ich selber war auf der such nach einem Heimplatz für meine Mutter, falls Sie ein Pflegefall wird, was glücklicherweise nicht eingetreten ist. Sie könnte in Ihrer eigenen Wohnung bleiben. Was ich aber bei der Suche so gesehen habe war schon bedenklich. Die Pflegeheime, die akzeptabel waren, können sich die meisten Rentner nicht leisten, Pflegegelt und Rente reichen nicht aus. Wer hat schon 2000 Euro Rente. Das ganze System ist ein Sklandal. Jeder wird mal alt, und was dann? Vegitieren in einem Altenheim?
2.
Hans Bergmann, 31.08.2007
Zitat von sysopDie Diskussion über die aktuellen Zustände in deutschen Pflegeheimen schlägt hohe Wellen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Pflegeversicherung und Heimen? Herrscht wirklich Unterversorgung vor? Oder sind viele Heime eher gut geführt?
Also, ehrlich gesagt, ich verstehe diese plötzliche Aufregung nun gar nicht. Ich verfolge seit mehreren Jahren in den Medien, wie skandalös die Verhältnisse in der Pflege zum Teil sind. Mit Filmbeiträgen und Aussagen von beteiligten Personen wurde und wird dies immer wieder dokumentiert. Und es gibt ein Gesicht dazu: Claus Fussek wird nicht müde, diese Mißstände so oft es nur geht, öffentlich anzuprangern. Und jetzt kommt plötzlich dieser "überraschende" Bericht. Wo sind wir denn eigentlich? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
3. Verstoß gegen die Menschenwürde!
joaka 31.08.2007
Verstoß gegen die Menschenwürde! Es ist ein Schande was sich in den Pflegeheimen abspielt. Aus eigener Anschauung gesehen.Die Schuld haben nicht die Pflegeheime alleine , sondern auch der Staat. Sicherlich gibt es viele Pflegeheime, als auch ambulante Pflegedienste die nicht nur die Pflege im Sinn haben, sondern schlicht gesagt nur das große Geld verdienen wollen. Das Geld alleine aus der Pflegekasse reicht nicht aus. Die Frage die sich stellt hat der Staat nicht die Pflicht für diese Leute zu sorgen? Ich meine ja, das bedeutet hier müssten Steuergelder zum Einsatz kommen. Das Geld ist da, wenn ich sehe jedes Jahr werden bis 50 Milliarden Euro vom Bundesrechnungshof als Fehlausgaben des Bundes, der Länder und Kommunen angemahnt. Diese Geld kann nützlicher eingesetzt als das der Bund, die Länder oder Kommunen diese Milliarden verschleudert. Es muss auch ein Umdenkungsprozess bei den Politikern einsetzen. Die Frage die sich stellt ist dieser menschenunwürdige Umgang mit den Pflegebedürftigen kein verstoß gegen das Grundgesetz, ich finde hier wird die Menschwürde auf gröbster Art und Weise verlet
4. Pflege in Deutschland
herberger 31.08.2007
Mein demenzkranker Vater befindet sich seit einem halben Jahr im Pflegeheim. Es geht ihm gut und es gefällt ihm dort, denn es kümmert sich jemand um seine Erfordernisse. Jedem, der über schlechte Pflege klagt, möchte ich empfehlen, einmal nur einen Tag in einem Pfegeheim zu verbringen. Menschen, die nicht mehr alleine Ihre Notdurft verrichten können, nicht mehr in der Lage alleine zu essen, durch Alterverwirrtsein wirre Laute von sich geben und nicht mehr wissen, wo sie sind und was sie den ganzen Tag machen sollen, weil sie nicht mehr auf irgendetwas konzentrieren können. Die, die sich am meisten über die schlechte Pflege beklagen, kümmern sich am wenigsten um ihre Angehörigen, verlangen aber vom Pflegepersonal eine 24 Stunden-Rundumbetreuung ihres Angehörigen. Ob es aber erstrebenswert ist, unter diesen Umständen, mit allen Mitteln, sehr alt zu werden, möchte ich nur für mich selber entscheiden.
5.
Gerhard60 31.08.2007
Zitat von sysopDie Diskussion über die aktuellen Zustände in deutschen Pflegeheimen schlägt hohe Wellen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Pflegeversicherung und Heimen? Herrscht wirklich Unterversorgung vor? Oder sind viele Heime eher gut geführt?
Die Pflege gehört zur öffentlichen Daseinsfürsorge, doch immer mehr Kommunen flüchten durch Privatisierung aus der Verantwortung. Finanznot wird als Argument angeführt. Pflegeheime sind soziale Einrichtungen und keine Wirtschaftsunternehmen, werden aber durch die Privatisierung als solche geführt. Wenn mit dem geringsten Einsatz von Mitteln der größtmögliche Gewinn erzielt werden soll, bleibt zwangsläufig die Qualität der Betreuung auf der Strecke. MitbürgerInnen, die zunehmend in Altersarmut leben, können sich qualifizierte private Pflegeheime nicht leisten. Eine frühzeitige private Vorsorge ist durch die persönlichen Lebensumstände oft nicht möglich. Eine Reduzierung von Sozialabgaben ist gleichbedeutend mit einer Reduzierung von Sozialausgaben, wie es seit Jahren zu beobachten ist. Es ist an der Zeit, daß der Lobbyismus in der Politik unterbunden wird.
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