Verstärkung in Afghanistan Nato-Partner verweigern Obama den Gehorsam

Das hatte sich Barack Obama vermutlich anders vorgestellt. Die Nato-Partner haben wenig Lust, der Forderung des US-Präsidenten nach mehr Truppen in Afghanistan nachzukommen: Frankreich will nur Ausbilder entsenden, Italien weniger Soldaten schicken als erwartet, die Türkei verzögert einen Beschluss.

US-Präsident Obama: Nato-Partner zögern
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US-Präsident Obama: Nato-Partner zögern


Rom/Istanbul/Den Haag - Seine Rede zur Afghanistan-Strategie sollte den großen Aufbruch signalisieren: "Jetzt müssen wir zusammenstehen", forderte US-Präsident Barack Obama an diesem Mittwoch. Die Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan verband er mit der Forderung nach weiteren Soldaten aus den anderen Nato-Ländern. Doch die Verbündeten reagieren jetzt verhalten.

Frankreich will seinen Einsatz nur zur Ausbildung der afghanischen Streitkräfte und zum Aufbau der Institutionen weiter verstärken. Verteidigungsminister Hervé Morin reagierte mit dieser Erklärung auf Berichte, wonach die USA im Rahmen ihrer neuen Afghanistan-Strategie Frankreich um die Entsendung von weiteren 1500 Soldaten gebeten haben. "Wenn Frankreich irgendeinen weiteren Beitrag leistet, dann wird es in der Form von Ausbildung der afghanischen Armee, Polizei und der Regierungsinstitutionen sein", sagte Morin am Donnerstag bei einem Besuch in Malaysia.

Die Entscheidung werde von der Afghanistan-Konferenz Ende Januar in London abhängen - auch die Bundesregierung will dieses Treffen abwarten, bevor Deutschland eine Aufstockung der Truppen bekanntgibt. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte am Mittwoch zwar die von US-Präsident Barack Obama bekanntgegebene Strategie als mutig und entschlossen begrüßt. Eine konkrete Zusage für eigene Beiträge machte er aber nicht.

Auch die Türkei zögert. Der Nationale Sicherheitsrat des Landes hat sich bereits gegen die Entsendung von Kampftruppen ausgesprochen. Verteidigungsminister Vecdi Gönül sagte, sein Land habe nach wie vor Vorbehalte in dieser Hinsicht. Das türkische Afghanistan-Kontingent widmet sich bisher vor allem der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und dem Wiederaufbau der Infrastruktur. Erst kürzlich hat die Türkei ihr Truppenkontingent in Afghanistan auf 1750 Mann aufgestockt. Die Türkei, die über die zweitstärkste Armee in der Nato verfügt, hatte vor kurzem das Regionalkommando der internationalen Streitmacht Isaf in Kabul übernommen.

Die US-Forderung nach türkischen Kampftruppen dürfte bei einem Treffen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit US-Präsident Barack Obama am kommenden Montag in Washington eine große Rolle spielen. Nach Presseberichten will Erdogan das türkische Argument bekräftigen, dass es für die westlichen Verbündeten mehr Schaden als Nutzen bringe, wenn die Türkei als muslimisches Land am Krieg gegen die islamistischen Taliban teilnehme.

"Wir bleiben unterhalb dieser Zahl"

Italien hat sich zwar bereit erklärt, im kommenden Jahr rund tausend zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. In einem Interview mit der Zeitung "Corriere della Sera" bezeichnete Verteidigungsminister Ignazio La Russa die in Medien kursierende Zahl von 1500 Soldaten jedoch als "Hypothese": "Das ist ein Maximalkontingent, das wir niemals erreichen würden. Wir sind unterhalb dieser Zahl."

Derzeit sind knapp 2800 italienische Soldaten in Afghanistan stationiert. Der genaue Beitrag seines Landes solle in den kommenden Tagen bei einem Treffen der Außenminister Italiens und der USA vereinbart werden. Eine deutliche Aufstockung der italienischen Truppen erwarte der Verteidigungsminister erst im zweiten Halbjahr 2010.

Ein Problem könnte für die USA zudem das niederländische Kontingent sein. Die holländische Zeitung "De Volkskrant" berichtet, aus Furcht vor einem negativen Signal für andere Nato-Verbündete drängten die Amerikaner die Niederlande, ihren Afghanistan-Einsatz nicht schon im kommenden Jahr zu beenden. Auch Kanada plant, in den kommenden zwei Jahren seine Truppen abzuziehen.

Furcht vor einem "Domino-Effekt"

Falls die Niederlande als erste "einen Schlussstrich unter ihre militärische Präsenz in Afghanistan ziehen", befürchte Washington "einen Domino-Effekt", berichtet das Blatt unter Berufung auf Regierungskreise in Den Haag. US-Vizepräsident Joe Biden habe am Mittwoch bei einem Telefongespräch mit Ministerpräsident Jan Peter Balkenende "die Hoffnung geäußert, dass die Niederlande auch nach 2010 in Afghanistan bleiben", teilte ein Regierungssprecher mit. Balkenende habe erklärt, sein Kabinett müsse noch beraten, was nach der geplanten Beendigung des Militäreinsatzes in der südafghanischen Provinz Urusgan bis Dezember 2010 möglich sei. Eine Entscheidung darüber wird Anfang des kommenden Jahres erwartet.

Auf treue Verbündete kann Obama immerhin noch zählen: Großbritannien und Polen begrüßten die Pläne der Amerikaner und kündigten die Entsendung zusätzlicher Kräfte an. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen stellte insgesamt mindestens 5000 zusätzliche Soldaten der europäischen Nato-Verbündeten in Aussicht. Bei 1500 davon handelt es sich um Truppen, die bereits in diesem Jahr zum Schutz der Präsidentenwahl als Verstärkung an den Hindukusch entsandt wurden.

kgp/dpa/AP/AFP/Reuters

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Seite 1
Rübezahl 02.12.2009
1.
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Nein ! Zum einen wird der Abzug wie bei den Engländern um 1843 blutig verlaufen, zum anderen wird es nicht zurück nach Amerika gehen sondern weiter nach Pakistan.
Bettelmönch, 02.12.2009
2. Kann der Plan die Wende bringen?
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Der Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Meckermann 02.12.2009
3.
In Afganistan geht es im Grunde nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Hätte man diesen Krieg von Anfang an mit einem klaren Konzept und den notwendigen Mitteln (zum Beispiel denen, die dann für den Irak drauf gingen) geführt, dann sähe es dort heute vielleicht ganz anders aus. So war es aber nunmal nicht und nun muss man aus dem vorhandenen das beste machen. Ich denke Obama geht hier den richtigen Weg: noch einmal eine richtige Kraftanstrengung aber mit Deadline bis zu der Ergebnisse vorliegen müssen.
Stefanie Bach, 02.12.2009
4.
Zitat von BettelmönchDer Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Kann man ohne Sprache denken? (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/) Wohl nicht, deshalb ist es gut, dass Obama sehr klar gesagt hat, dass dieser Krieg im vitalen amerikanischen Interesse ist - letzlich dient er der Stabilisierung der Atommacht Pakistan. Auch Deutschland sollte sich zügig von unrealistischen Begründungen seiner Kriegsbeteiligung verabschieden. Entweder wir stehen dazu, dass wir dort Krieg führen, weil wir den Amerikanern zur Bündnistreue verpflichtet sind, oder wir lassen es ganz.
leser75 02.12.2009
5.
Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu befrieden - deshalb wird auch diese Ankündigung eines amerikanischen Präsidenten wie eine Seifenblase zerplatzen - es ist das dritte Engagement mit vielen Gefallenen in den eigenen Reihen, das scheitert nach Vietnam und dem Irak. Europa muß lernen, sich eine eigene Meinung und Strategie im Vorfeld solcher "Abenteuern" zu bilden, wir sind kein Anhängsel.
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