CSU-Generalsekretär Scheuer Doktor Peinlich

Am Ende blieb nur die Flucht nach vorn: CSU-Generalsekretär Scheuer verzichtet nach einem kritischen Zeitungsbericht künftig auf seinen Doktortitel. Sein Start im neuen Job ist damit vergeigt, auch die Partei ist blamiert.

Von , München

CSU-Generalsekretär Scheuer: Verzicht auf Doktortitel
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CSU-Generalsekretär Scheuer: Verzicht auf Doktortitel


Es gibt Sätze, die wirken wie Giftpfeile. Wer meint, sie verwenden zu müssen, sollte aufpassen, dass sie nicht als Bumerang zurückkommen. Auf Andreas Scheuer fliegt derzeit ein mächtiges Geschoss zu. "Wer betrügt, der fliegt": Diesen umstrittenen Satz seiner CSU hatte der neue Generalsekretär noch vor wenigen Tagen bei der CSU-Klausurtagung in Wildbad Kreuth als einen Beweis der "klaren Sprache" seiner Partei gerechtfertigt. Jetzt ist der Satz plötzlich gegen ihn selbst gerichtet.

Ursprünglich war die Formulierung auf bulgarische und rumänische Zuwanderer gemünzt. Die CSU warnt damit vor einer angeblich drohenden Zuwanderungswelle von Migranten aus Rumänien und Bulgarien.

Seit einem am Donnerstagabend veröffentlichten Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Scheuers akademischen Titel hat der Satz eine Qualität, mit der der 39-Jährige wohl nicht gerechnet hatte. Die "FAZ" verwies darauf, dass er mit seiner Prager Promotion in Deutschland ausschließlich in Bayern und Berlin zur Führung des Titels "Dr." berechtigt sei - Scheuer hatte in Tschechien lediglich ein "kleines Doktorat" erworben. Zudem dokumentierte die Zeitung eine längere Textstelle, die Scheuer in seiner Arbeit offenbar aus einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung wörtlich übernommen hatte, ohne dies kenntlich zu machen. Überhaupt, so die "FAZ", wirke Scheuers Schrift "wie eine Collage von Seminararbeiten, die gedanklich nur notdürftig verbunden sind".

Daraufhin erklärte etwa die bayerische Landtagsfraktion der Grünen, dass es nur eine Konsequenz geben könne, sollten sich die Vorwürfe gegen Scheuer doch noch bewahrheiten: "Wer betrügt, der fliegt." Ähnliche Forderungen kursieren auf Twitter.

"Kaum handhabbare Praxis"

Scheuer ist erst ein paar Tage im Amt, aber sein Start als Generalsekretär ist schon jetzt vermasselt. Auch Parteichef Horst Seehofer, der bislang zu dem Fall schweigt, dürfte verärgert sein.

Scheuers Reaktion folgte gleich am Freitag: Der CSU-Politiker sagte der "Bild"-Zeitung, künftig auf die zwei Buchstaben "Dr." vor seinem Namen zu verzichten. "Um meine kaum handhabbare Praxis beim Führen des Titels zu vermeiden, habe ich mich entschieden, vom Führen des Titels künftig völlig abzusehen", ließ sich Scheuer zitieren. Das kam einer Notbremse gleich, auch wenn er betonte, dass er den Titel in Bayern und Berlin ohne Zusatz führen dürfe.

Mit dem Vorwurf, ein wissenschaftlicher Dünnbrettbohrer zu sein, muss Scheuer jetzt vorerst zurechtkommen - auch wenn es in der CSU vor allem heißt, die Sache mit der Doktorarbeit sei doch ein alter Hut.

Richtig ist, dass Scheuers Doktorarbeit schon vor Jahren in Medienberichten diskutiert wurde. Grund waren staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Titelmissbrauchs. Sie wurden 2005 eingestellt. Zuvor war Scheuer vom bayerischen Wissenschaftsministerium ein ordentliches Promotionsverfahren attestiert worden.

Offenbar sahen weder Scheuer noch die CSU-Führung in dem früheren Titel-Hickhack ein Problem, als der Niederbayer jetzt auf Wunsch von Parteichef Seehofer zum Generalsekretär aufstieg. Als die Ermittlungen liefen, war Scheuer lediglich einfacher Abgeordneter. Die Aufmerksamkeit für die Biografie eines Politikers steigt aber schlagartig, wenn er in ein wichtiges Parteiamt kommt - erst recht nach der für die CSU schmerzlichen Plagiatsaffäre ihres einstigen Politstars Karl-Theodor zu Guttenberg.

Noch erstaunlicher ist, dass der Generalsekretär erst jetzt zu dem Ergebnis kommt, das Führen seines Titels sei eine "kaum handhabbare Praxis". Die Jahre zuvor war bei ihm von solchen Problemen nicht die Rede. Auch seine neuen Visitenkarten ließ sich Scheuer samt Doktortitel bedrucken.

Neue Visitenkarten

Scheuer sitzt seit 2002 im Bundestag, 2009 wurde er Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. In dieser Eigenschaft war Scheuer vor allem dadurch bekannt geworden, dass er gegenüber Seehofer eine konträre Meinung zum Donauausbau bezog. Der Parteichef empfahl Scheuer damals ein "Praktikum".

Seine ersten Tage im Amt ging Scheuer vergleichsweise zurückhaltend an. Bei der Klausurtagung in Wildbad Kreuth verzichtete er weitgehend auf öffentlichkeitswirksame Auftritte vor den Fernsehkameras. Er nahm sich aber Zeit für ausführliche Hintergrundgespräche mit Journalisten. Dabei wirkte er offen und dialogbereit, ließ aber auch Zufriedenheit mit seinem Aufstieg in der CSU erkennen.

Ein Parteisprecher erklärte auf Anfrage, dass Scheuer die Universität Münster noch am Freitag um Auskunft über Autorenschaft und Entstehungsdatum des Textes bitten werde, der in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden war. In den Arbeitsunterlagen für die Promotion befinde sich kein entsprechendes Dokument. Scheuers Job als Generalsekretär stehe nicht zur Disposition, heißt es in CSU-Kreisen.

Er braucht jetzt nur neue Visitenkarten.

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insgesamt 165 Beiträge
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Seite 1
leser-fan 17.01.2014
1. Da gibt es eine Lösung
Jeder Promovierte unterzeichnet vor Antrittt seines Amtes, das 100prozentig ehrenhafte Promotion, bei Beweis Gegenteil 500.00 in die Staatskasse neben Aberkennung u nie wieder õffentliche Ãmter.
BettyB. 17.01.2014
2. Wer betrügt, Der fliegt
Das gilt doch aber nicht für Deutsche - und erst recht nicht für Bayern...
auch 17.01.2014
3.
zieht die Reißleine bevor er seine Pöstchen verliert! Ist das nicht beschämend und schmählich welche "GroKo" sich in Politik etablieren. NUN - was lernen wir und Verantwortliche daraus? NICHTS........
HansD 17.01.2014
4. Total peinlich
Ich frage mich viel mehr, warum die Medien nicht mal darüber berichten, was für eine Person das ist. Schließlich ist er bei der CSU. Da sollte man schon mal publik machen, dass er seine eigene Ehefrau mit einer anderen verheirateten Frau betrogen hat. Er hat erwiesenermaßen zwei Ehen zerstört. Fragen sie mal in seiner Heimat nach. Und so einer steigt in der Politik auf. In einer Partei, die das "C" im Namen trägt. Peinlich für die Medien!
Incognito 17.01.2014
5. Wo blieb ihre Empörung bei Annette Schavan?
Obwohl die Universität ihr den erschlichenen Doktor-Titel längst aberkannt hatte, firmierte Frau Schavan bei den Bundestagswahlen 2013 in ihrem Wahlbezirk immer noch unter dem Titel "Dr. Annette Schavan". Komisch: da störte es keinen. Hatte Friede Springer da ihre Händchen schützend über eine Geschlechtsgenossin gelegt, die dies keinesfalls verdient hätte?
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