BND-Akten Weltkriegsveteranen bauten geheime Armee auf

Ehemalige Wehrmachts- und Waffen-SS-Offiziere haben ab 1949 eigenmächtig eine Armee in Deutschland installiert. Das offenbaren jetzt freigegebene Unterlagen des BND. Nach Informationen des SPIEGEL sollte die Truppe 40.000 Mann umfassen.

Wehrmachtsoldaten 1941 in Russland: Veteranen gründeten ab 1949 eine neue Armee
Corbis

Wehrmachtsoldaten 1941 in Russland: Veteranen gründeten ab 1949 eine neue Armee


Rund 2000 ehemalige Offiziere der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS betrieben nach Informationen des SPIEGEL ab 1949 den Aufbau einer Armee von rund 40.000 Mann. Die Aktion fand hinter dem Rücken von Bundesregierung und Öffentlichkeit statt. Hauptorganisator war der spätere Heeresinspekteur der Bundeswehr, Albert Schnez. Waffen sollten im Ernstfall aus Beständen der Bereitschaftspolizei kommen; ein Mitstreiter von Schnez hatte Zugriff darauf, weil er im Innenministerium arbeitete.

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Das Netzwerk von Schnez warb Spenden bei Unternehmen ein, besprach mit Speditionen, welche Fahrzeuge diese zur Verfügung stellen konnten, und betrieb einen sogenannten Abwehrapparat. Dieser bespitzelte angeblich oder tatsächlich linke Bürger und Politiker wie den späteren SPD-Fraktionschef Fritz Erler.

Die konspirative Schnez-Truppe wollte sich den SPIEGEL-Informationen zufolge bei einem sowjetischen Angriff zunächst ins Ausland absetzen und dann von dort aus die Bundesrepublik freikämpfen. Zugleich bereitete sie sich auf einen Einsatz im Inland gegen Kommunisten vor, für den Fall eines Bürgerkriegs.

Adenauer war ab 1951 informiert

Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer erfuhr spätestens 1951 von der Schnez-Truppe und beauftragte die Organisation Gehlen – den Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit der "Betreuung und Überwachung" der Schattenarmee. Es ist unklar, warum Adenauer nicht schärfer reagierte. Scheute er den Konflikt mit den Veteranen? Beim westdeutschen Geheimdienst gab es jedenfalls Bedenken dieser Art.

Schnez hatte Verbindungen zum ehemaligen SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny, der ein ähnliches Projekt plante. Ein Abteilungsleiter der Organisation Gehlen warf die Frage auf, ob man es sich "leisten könne", den Kampf gegen Skorzeny aufzunehmen. Der Geheimdienstler schlug laut SPIEGEL-Informationen vor, zunächst "die SS" zu fragen: "Sie ist ein Faktor, und wir sollten vor einem Entschluss die dortigen Auffassungen eingehend sondieren." Offenbar übten Netzwerke von Alt- und Exnazis Anfang der Fünfzigerjahre erheblichen Einfluss aus.

Die Informationen stammen aus freigegebenen Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes, die der Historiker Agilolf Keßelring beziehungsweise der SPIEGEL eingesehen haben. Keßelring ist Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission, die die Frühgeschichte des BND erforscht.



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insgesamt 248 Beiträge
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alexanderschulze 11.05.2014
1. TOP-STOFF für einen
Historien-Verschwörungsthriller erster Ordnung. Philip Kerr und Bernie Gunther, übernehmen Sie!
chiefseattle 11.05.2014
2. Chefsache
Gehlen, der Nazi und Adenauer Freund, nahm seine Jungs in Schutz. Nichts ungewöhnliches für das Deutschland der 50er, in dem Nazis noch immer zu der Elite gehörten. Die CDU könnte hier mal ihre Vergangenheit aufarbeiten.
det70 11.05.2014
3. optional
Mit der Betreuung und Überwachung... Übernahme der Führungsrolle also. Wieder eine wahre Verschwörungs"theorie".
celsius234 11.05.2014
4. auch die alten quellen bspw in der ukraine
wurden geschützt und weiter versorgt wenn möglich. die usa hat es gefreut dass es so gute leute in der sowjetunion gab
Ty Coon, 11.05.2014
5.
Zitat von alexanderschulzeHistorien-Verschwörungsthriller erster Ordnung. Philip Kerr und Bernie Gunther, übernehmen Sie!
Dann gibt es sie also doch, die Nazis auf der dunklen Seite des Mondes. :)
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