Videobotschaft Al-Qaida droht Deutschland

Die Propaganda-Abteilung des Terrornetzwerks al-Qaida hat ein ausschließlich an Deutschland adressiertes Video veröffentlicht. Sprecher ist ein mysteriöser Mann, der sich "Abu Talha, der Deutsche" nennt. In seiner 30-minütigen Botschaft beschuldigt und bedroht er die Deutschen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das Video, das am Samstagabend im Internet veröffentlicht wurde, ist das erste aus der Werktstatt der offiziellen Produktionsfirma al-Qaidas, das sich direkt und ausschließlich an Deutschland richtet. Einziger Sprecher ist ein junger Mann, der mit einem hellen Gewand und einem schwarzen Turban bekleidet ist, und dessen Gesicht durch ein schwarzes Tuch unkenntlich gemacht wird.

In der Videoansprache mit dem Titel "Das Rettungspaket für Deutschland" droht der Mann, der sich "Abu Talha, der Deutsche" nennt, mit Anschlägen gegen deutsche Soldaten: "Eure Soldaten sind nirgends sicher", sagt er. Aber er stößt auch allgemeinere Warnungen aus, zum Beispiel: "Sollten die Deutschen glauben, dass sie ungeschoren davonkommen, dann sind deutsche Politiker leider fehl am Platz." Allerdings werden keine konkreten Terroranschläge in Deutschland oder anderswo angekündigt, die Warnungen bleiben abstrakt.

Das Video, das fast genau eine halbe Stunde lange ist, wurde am Samstagabend auf einer arabischsprachigen islamistischen Website veröffentlicht, die al-Qaida und verwandte Organisationen seit Monaten regelmäßig zur Absetzung ihrer Propaganda und Bekennerschreiben nutzen. Das Video kursiert auch auf YouTube. "Abu Talha" spricht in dem Band vorwiegend Deutsch, es gibt aber arabische Untertitel. In das Video eingeprägt ist das Logo von "al-Sahab", der Produktionsfirma und Propagandabteilung al-Qaidas, die zum Beispiel auch das Mitte dieser Woche publizierte Tonband mit der jüngsten Rede Osama Bin Ladens produzierte.

Echtheit ist schwer einzuschätzen

"Unsere Atombombe ist die Autobombe", erklärt "Abu Talha" in dem Video. "Jeder Muslim kann eine sein, und wenn er heute keine ist, kann er morgen eine sein." Deutschlands Sicherheit läge in der Hand der Bevölkerung. Solange aber die Bundeswehr in Afghanistan stationiert sei, stehe Deutschland im Fadenkreuz.

Das Video ist auf den Oktober 2008 datiert. Aktuelle Ereignisse, die darin erwähnt werden, sind zum Beispiel die Landtagswahl in Bayern und das erste Aktionspaket der Bundesregierung gegen die Weltwirtschaftskrise.

Die Authentizität des Bandes ist schwer einzuschätzen. Das "al-Sahab"-Logo, gekoppelt mit dem einschlägigen Veröffentlichungsort, sprechen eher dafür, dass es echt ist. Andererseits bleibt völlig unklar, wer "Abu Talha" eigentlich ist. Ob er sich al-Qaida angeschlossen hat, und wenn ja wann, erwähnt er nicht - lediglich, dass es sein Ziel seit 1993 sei, sich "in die Luft zu sprengen".

Unter anderem behauptet der Sprecher, vom Bundesamt für Verfassungsschutz kontaktiert worden zu sein. Zwei Beamte hätten versucht, ihn über seinen Aufenthalt im Irak auszuhorchen, er habe sich geweigert. Wann dieser Aufenthalt gewesen sein soll, bleibt freilich ebenfalls offen.

Wirre Passagen

Deutschland habe "al-Qaida nichts entgegenzusetzen", tönt "Abu Talha" in dem Video. "Was euch noch nicht bewusst geworden ist, ist, dass ihr es mit Allah aufgenommen habt". Und weiter: "Ihr könnt diesen Krieg nicht gewinnen, auch wenn wir euch militärisch und materiell unterlegen sind."

In dem Video gibt es neben den Drohungen auch lange und ziemlich wirre Passagen, in denen "Abu Talha" zum Beispiel über die Weltwirtschaftskrise schwadroniert - oder über die angebliche Eigenheit der CDU, sich mit fremden Federn zu schmücken. Insgesamt hinterlässt das Video dadurch einen merkwürdig zerfahrenen Eindruck; nicht alles ist schlüssig und der Sprecher offensichtlich sehr von sich eingenommen.

Andererseits könnte der Umstand, dass offenbar "al-Sahab" das Video produziert hat, im schlimmsten Fall ein Hinweis darauf sein, dass Deutschland verstärkt ins Visier der Terroristen geraten ist.

Es ist sehr selten, dass "al-Sahab" ganze Videos produziert, die sich explizit gegen ein einzelnes Land richten; ein Beispiel dafür sind die Ansprachen von Adam Gadahn, auch bekannt als "Adam, the American", einem Amerikanern, der von vielen Analysten und Terrorexperten mittlerweile als einigermaßen ranghohes Qaida-Mitglied eingeschätzt wird.

Deutschland im Fadenkreuz?

In der vergangenen Woche ist bereits ein anderes Terrorvideo mit Deutschland-Bezug aufgetaucht, und zwar von der "Islamischen Bewegung Usbekistan", die gleich mehrere angeblich aus Deutschland stammende Kämpfer präsentierte.

Bis zum frühen Sonntagmorgen hatten sich deutsche Behörden noch nicht zu dem Band geäußert. Das Washingtoner "IntelCenter", ein privates Terrorforschungsinstitut, das auch für die US-amerikanische und andere Regierungen tätig ist, meldete jedoch zunächst keine Zweifel an der Echtheit an und sprach von der bislang "bedeutsamsten" Ansprache al-Qaidas an Deutschland und "möglicherweise an überhaupt ein europäisches Land".

Nach Erkenntnissen deutscher Behörden halten sich derzeit wahrscheinlich einige Dutzend deutscher und eigentlich in Deutschland wohnhafter Islamisten bei Terrorgruppen in Afghanistan oder Pakistan auf.

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