Berlin - Am Freitagabend trafen sich die beiden mächtigsten Männer der SPD zu einem vertraulichen Gespräch: Nach einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung in Braunschweig sprachen Parteichef Sigmar Gabriel und der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nach Informationen von SPIEGEL ONLINE und "Welt am Sonntag" unter vier Augen über die schlechte Lage der SPD.
Wie die "Welt am Sonntag" berichtet, sei das Treffen am Donnerstagabend verabredet worden, weil in der Partei die Zweifel an einem rot-grünen Wahlsieg bei der Landtagswahl in Niedersachsen am Sonntag wachsen. In der SPD wurde allerdings der Deutung widersprochen, es habe sich um ein Krisengespräch gehandelt. Es sei lediglich darum gegangen, mögliche Sprachregelungen für Sonntagabend abzustimmen.
Klar ist aber, dass in der SPD große Nervosität vor dem Urnengang in Niedersachen herrscht. Noch hoffen die Genossen, dass die Steinbrück-Debatte der vergangenen Wochen sich nicht allzu negativ auf das Wahlverhalten der Niedersachsen auswirkt. Und doch ist die Zuversicht zuletzt geschwunden.
Sollte die Wahl schiefgehen, sei nichts ausgeschlossen, hieß es aus SPD-Kreisen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Deutung, dass allein Steinbrück die Niederlage zu verantworten habe, sei absehbar und könne in der Partei und in der Öffentlichkeit eine entsprechende Dynamik in Gang setzen. Zwar wird nicht damit gerechnet, dass prominente Stimmen aus der SPD im Falle einer Schlappe Steinbrück offen zum Rücktritt auffordern. Möglicherweise biete dieser aber von selbst seinen Rückzug an, hieß es.
Keine Alternative zu Steinbrück
Ob Steinbrück sich im Falle einer Niederlage tatsächlich dazu entschließen würde, ist allerdings höchst fraglich. So umstritten Steinbrücks Verhalten bisher war, so wenig wünschen sich die Genossen seinen Rückzug. Selbst der linke Parteiflügel hat Steinbrück intern seine Solidarität ausgesprochen. Ausgerechnet sein langjähriger Widersacher Ralf Stegner, SPD-Chef in Schleswig-Holstein, verteidigte den Kanzlerkandidaten am vergangenen Donnerstag in der Sendung "Anne Will".
Die Loyalität zu Steinbrück erklärt sich auch dadurch, dass vielen in der Partei klar ist, dass es kaum Alternativen gibt. Hannelore Kraft hatte sich im Sommer vehement gegen eine Spitzenkandidatur gewehrt, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hat auch aus persönlichen Gründen abgesagt. Bei beiden gilt es, auch aufgrund der miserablen Lage, in der sich die SPD derzeit befindet, als äußerst unwahrscheinlich, dass sie ihre Entscheidungen revidieren.
Bliebe Parteichef Sigmar Gabriel. Auch ihm wird nicht nachgesagt, derzeit große Lust auf die Kandidatur zu verspüren. Und dass er wirklich der bessere Kandidat wäre - davon sind nicht einmal seine politischen Freunde überzeugt.
vme/nck
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH