Vietnamesen in Berlin: Stress, Sucht und Skorbut

Von Marina Mai

Die Globalisierung frisst ihre Kinder: Einst profitierten die vietnamesischen Kleinstunternehmer in Berlin von den spottbilligen Textilien aus ihrer Heimat. Doch das Preisdumping der Discounter treibt viele in den Konkurs. Ein Großteil der Immigranten steht mit dem Rücken zur Wand. Ein dramatischer Appell kommt nun aus Marzahn.

Berlin - Es ist die Macht der Gewohnheit, die Minh* jeden Morgen in seinen Laden treibt. Kunden kommen kaum noch in den Textilladen des 49-jährigen Vietnamesen im Berliner Bezirk Lichtenberg. Hinten im Lager stapeln sich Briefe, die er nicht öffnen mag. Sie stammen von früheren Vermietern, Behörden, Inkassounternehmen und Anwälten. "Alle wollen nur Geld von mir", brummt der Mann, dem schon mehrere Zähne fehlen. "Aber ich habe eben keins. Sie können meine Pullover pfänden." Die hatte er vor drei Jahren in großen Stückzahlen zu einem Schnäppchenpreis aus Vietnam bezogen. Damals liefen Minhs Geschäfte noch besser.

Vietnamesisches Textilgeschäft: Immer mehr Vietnamesen stehen vor dem Konkurs
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Vietnamesisches Textilgeschäft: Immer mehr Vietnamesen stehen vor dem Konkurs

Minh ist einer von vielen vietnamesischen Kleinunternehmern in Berlin, der derzeit vor dem Konkurs steht und seine Situation noch nicht wahrhaben will. 1988 kam er als Vertragsarbeiter in die DDR. Sein Deutsch ist heute noch schwer verständlich. "Die Inhaber von Asialäden sind dem Preisdumping der Discounterketten nicht gewachsen", sagt ein Unternehmensberater, der seinen Namen nicht sagen will.

So paradox es klingt, aber es ist gerade der Aufschwung der Textilindustrie in Vietnam und der immer bessere Zugang vietnamesischer Billigtextilien zum Weltmarkt, die den Vietnamesen in Deutschland die Lebensgrundlage nehmen. Bisher war der Verkauf der Billigprodukte "made in Vietnam" eine Nische einer ganzen Kette vietnamesischer Familienunternehmer vom Importeur über den Großhändler bis hin zum Inhaber eines Tante-Emma-Ladens.

Nach der Wende hatten die arbeitslos gewordenen ehemaligen Vertragsarbeiter sich eine ethnisch geschlossene Handelsstruktur aufgebaut und damit das wirtschaftliche Überleben gesichert. Für sie war das die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. Seit man fernöstliche Jeans, Schuhe und T-Shirts genauso billig und in einem angenehmeren Verkaufsumfeld auch bei den großen Handelsketten kaufen kann, bleiben den Vietnamesen die Kunden aus. Immer mehr Vietnamesen stehen wie Minh vor dem Konkurs. "Die Gruppe der Vietnamesen ist eine ethnisch geschlossene Gruppe, die nicht gewohnt ist, sich Hilfe von ihrem deutschen Umfeld zu holen, sondern sich die ausschließlich aus der eigenen Gruppe holt", klagt Elena Marburg, die Migrationsbeauftragte des Berliner Bezirkes Marzahn-Hellersdorf.

"Verschuldung, Probleme mit Vermietern und Sucht"

In ihrem Bezirk und im benachbarten Lichtenberg zusammen wohnt mehr als die Hälfte der 11.000 Berliner Vietnamesen. Beide Bezirke haben erkannt, dass die Situation der Vietnamesen schwierig ist und wollen die Integration und die öffentlichen Angebote verbessern. Ein Konzept ist aber erst in Arbeit. Der Migrationsbeirat Marzahn-Hellersdorf spricht in einer dramatischen Analyse von einer gescheiterten Integration der Gruppe der Vietnamesen. Das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft sei eher ein "im Alltag im Wesentlichen friedliches Nebeneinander von Unbekannten, die sich gegenseitig immer noch testen". So steht es in dem Papier vom vergangenen Oktober, das erst jetzt bekannt wurde. Die sozialen Probleme der ehemaligen Vertragsarbeiter seien dem Papier zufolge heute oft "Verschuldung, Probleme mit Vermietern und Sucht".

Daraus resultiere dann oft Gewalt innerhalb Familien. Seit Jahren hätten die Händler einen 14-Stunden-Tag gehabt - ohne Urlaub und oft auch ohne Wochenende. Diese Dauerbelastung zolle ihren Tribut: "Dauerhafte Übermüdung, Stress und einseitige Ernährung führen zu diversen Erkrankungen, die häufig zu spät oder gar nicht erkannt werden", steht im Analysepapier.

Mangelerscheinungen wie in der Dritten Welt

Die Rede ist von psychosomatischen und psychischen Erkrankungen, Spiel-, Alkohol- und Drogensucht, von pathologischen Organbefunden, TBC und sogar von einzelnen Fällen von Skorbut. Das ist eine Mangelerkrankung, die es sonst nur in Hungergebieten in Staaten der Dritten Welt vorkommt. Und geht man doch zum Arzt, dann scheitert eine erfolgreiche Behandlung oft an der mangelnden Verständigung.

Vietnamesische Ärzte gibt es in Berlin nicht, und für Dolmetscher zahlen die Krankenkassen kein Geld. So würden Medikamente oft nicht sachgerecht eingenommen werden. Denn anders als unter Türken und Russen helfen sich Vietnamesen untereinander selten kostenlos. Wer einen Dolmetscher für den Arztbesuch braucht, muss in der Regel dafür zahlen. Da gerade Vietnamesen nur zum Arzt gehen, wenn es gar nicht mehr anders geht, dreht sich damit die Schuldenfalle weiter. Viele Selbständige hätten zudem weder Rentenbeiträge gezahlt, noch hätten sie eine Krankenversicherung.

Minh etwa hat keines von beidem. Als sein Geschäft noch brummte, kaufte er von den Ersparnissen lieber in Vietnam drei Häuser. Schließlich hatte ihn seine Familie einst in die DDR geschickt, damit er ihr hilft, zu überleben. In den Häusern, um die das ganze Dorf seine Eltern und Geschwister beneideten, wohnen seine Verwandten, und es galt als ausgemacht, dass er dort seinen Altenteil verlebt und die Kinder seiner Geschwister für den reichen Onkel aus Deutschland sorgen, der auch nicht mit leeren Händen zurückkehren wollten.

Inzwischen sind zwei der drei Häuser an seine Neffen verkauft, weil Minh das Geld zum Überleben brauchte - und hoffte, mit immer neuer Verkaufsware seinem Geschäft wieder einen Neustart zu geben. Eine Krankenversicherung hatte Minh schon Mitte der neunziger Jahre für überflüssig gehalten, weil er fast nie krank wurde. Inzwischen nimmt ihn keine Krankenkasse mehr auf, und Minh könnte sich auch die Beiträge nicht leisten. Gegen die dauerhaften Zahnschmerzen helfen ihm allerlei Mundwasser. Und viele Landsleute, denen es ebenso geht, empfehlen sich gegenseitig die Mundwassersorten.

"Er ist gescheitert wie ich"

"Mich hat an dem Analysepapier des Migrationsbeirates vor allem erschreckt, welchen Belastungen die Kinder ausgesetzt sind," sagt Bezirksbürgermeister Uwe Klett (Linkspartei). "Wir diskutieren derzeit mit dem Jugendamt, wie wir da helfen können." Weil die Eltern oft nicht vor 21 Uhr von der Arbeit kommen, so heißt es in dem Papier, müssten selbst Kinder in der ersten und zweiten Klasse schon selbständig den Haushalt der Eltern führen. Kinder betreuen jüngere Geschwister und helfen im Geschäft der Eltern mit. Kleinere Kinder werden nach Kita-Schluss und am Wochenende ins Geschäft der Eltern mitgenommen. "Dort erfahren sie keinerlei Betreuung." Oder die Kinder werden von Asylsuchenden beaufsichtigt und gefüttert, die sich damit ein wenig Geld verdienen.

"Den Schulen bleibt oft verborgen, dass die leistungsstarken vietnamesischen Schüler sehr oft einer dauerhaften Überforderung ausgesetzt sind," schreibt der Migrationsbeirat. Denn vietnamesische Eltern üben auf ihre Kinder oft auch einen hohen Leistungsdruck aus, ohne dass sie ihnen bei der Bewältigung ihrer schulischen Aufgaben helfen könnten.

Minh hat zwei Kinder. Sein 19-jähriger Sohn gehört zu den leistungsstarken Schulabbrechern, die es laut Migrationsbeirat zunehmend unter vietnamesischen Berlinern gibt, weil sie der Dauerbelastung nicht standhalten. Er hat in der elften Klasse die Schule hingeschmissen und ist zu Hause ausgezogen, schlägt sich in Essen mit Aushilfsjobs durch. "Er ist gescheitert wie ich", sagt Minh. "Aber meine Tochter soll es besser haben."

Sie besucht jetzt die achte Klasse eines Gymnasiums. Ihre Zeugnisse sind der ganze Stolz des Vaters. Dass die Tochter nicht zum Arzt gehen kann, weil dem Vater das Geld fehlt, müsse sie hinnehmen. "Als Deutsche würde sie das sicher nicht schaffen. Aber wir haben sie wie eine Vietnamesin erzogen", sagt Minh stolz. Und die Tochter ist es auch, derentwillen Minh und seine Frau nicht längst nach Vietnam zurückgekehrt sind. Doch eigentlich würde er sich auch schämen, dorthin zurückzukehren: Mit Schulden, ohne Geld und mit nur noch wenigen Zähnen im Mund.

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*Name geändert

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