Visa-Affäre Tödliches Ende einer Schleuser-Karriere

Mitten in die Debatte um die laxe Visa-Vergabe platzt die Meldung von einem Mord im Schleuser-Milieu. Der Fall Nikolaj B. gibt tiefe Einblicke in das Geschäft der Menschenschmuggler und zeigt, wie einfach die Politik den Kriminellen ihre lukrativen Deals machte.

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Menschenschlangen vor der deutschen Botschaft in Kiew (2001): Viel Geld für ein Visum

Menschenschlangen vor der deutschen Botschaft in Kiew (2001): Viel Geld für ein Visum

Berlin - Die steile Karriere von Nikolaj B. endete in einem nassen Grab. Erst einem Tauchkommando der Polizei im westfälischen Beckum gelang es in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 2005, den Körper des zuvor als vermisst geltenden Russlanddeutschen am Boden eines kleinen Sees nahe eines Betonwerks im kleinen Nest Oelde zu bergen. Der Vermisste war nicht irgendwer: Nikolaj B. war angeklagt wegen Menschenschmuggels.

Ohne die Hilfe des Täters wäre der Fund wohl nie gelungen. Erst die Einlassungen des Leibwächters von B. führten die Ermittler zu der Leiche seines 45-jährigen Opfers. Gregor Z. hatte das Opfer dort Anfang November verscharrt. Laut dem Geständnis des Bodyguards hatte dieser seinen ehemaligen Dienstherrn nach einem Streit ums Geld mit vier Schüssen in den Rücken und ins Herz getötet.

Der Leichenfund im Schleuser-Milieu sorgt nun bundesweit für Schlagzeilen und weit reichende Spekulationen. Sicherheitshalber noch mit einem Fragezeichen philosophierte "Bild" schon mal, ob mit B. vielleicht "der wichtigste Zeuge" im politischen Visa-Skandal umgebracht worden sei? Angeblich habe er einem nicht namentlich genannten Anwalt vor seinem Tod neue Beweise angekündigt, welche die Hintermänner des Schleuser-Rings enttarnen sollten.

"Ich habe nie mit 'Bild'gesprochen"

Wer diese Hintermänner sein könnten, ließ "Bild" offen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE jedenfalls bestritt Nikolaj B.s Rechtsanwalt Klaus Manefeld jegliche Äußerung. Sein Mandant habe lediglich angekündigt, dass er weitere Unterlagen für einen anstehenden Prozess bereitstellen wollte. "Es gab weder Andeutungen noch irgendetwas anderes", betonte der Jurist. Von der Meldung der "Bild" war Manefeld reichlich überrascht, denn laut eigener Aussage hatte er nie mit Reportern der Zeitung über den Fall geredet.

Die Union nahm diesen Happen trotzdem gern auf. Ohne den Fall genau zu kennen, sprang am Donnerstagmorgen sogleich der Obmann im Visa-Untersuchungsausschuss auf den vermeintlichen Skandal-Zug. "Es handelt sich hier um einen mysteriösen Mord, der viele Fragen aufwirft", munkelte Eckhart von Klaeden andeutungsreich, "wenn B. tatsächlich hätte auspacken wollen, wäre er ein wichtiger Zeuge gewesen". Worüber der vermeintliche Zeuge Auskunft geben sollte, sagte von Klaeden nicht.

Doch auch wenn die Fakten aus dem Fall die Aufregung um vermeintliche Hintermänner oder gar politisch relevante Enthüllungen des Toten in keiner Weise untermauern, wäre Nikolaj B. ein guter Zeuge für den Ausschuss gewesen. Seine Geschichte und die Karriere als professioneller Einreisehelfer beschreibt geradezu idealtypisch, wie einfach die Schleuser danke der laxen Visa-Regelung profitable Geschäfte machen konnten.

Großzügige Visa-Politik

Im Urteil gegen seinen Komplizen Franz-Josef K. (AZ 3 KIs 42 Js 84/02), der bereits im Dezember zu dreieinhalbjähriger Haft verurteilt wurde, machen die Richter die politische Verantwortung deutlich. "Zu Gunsten des Angeklagten spricht letztlich auch", so die Richter aus Münster, "dass ihm die Taten angesichts politisch angeordneter, großzügiger Handhabung bei der Visa-Erteilung leicht gemacht worden war". Im Klartext: Ohne die freizügige Visa-Politik wären die Straftaten erst gar nicht möglich gewesen.

Die Erkenntnisse der Fahnder beschreiben Nikolaj B. als eine zentrale Figur beim jahrelang praktizierten schwunghaften Visa-Handel. Eine ganze Seite widmete das Bundeskriminalamt (BKA) dem Ex-Versicherungsmakler B. in seinem Geheimbericht "Wostok" über die Schleuser-Geschäfte. Demnach agiere B. im Bereich der Organisierten Kriminalität. Weit über 12.000 Menschen soll er laut BKA mit Franz-Josef K. geschleust haben, mehr als 4000 Ukrainer sollen nach Portugal und Italien weiter gefahren sein.

Das lukrative Geschäft der beiden Männer entspricht genau dem Muster, das Tausende in den Jahren nach dem "Volmer-Erlass" aus dem Jahr 2000 nutzten. Über fingierte Reiseeinladungen von extra gegründeten Scheinfirmen und getürkten Tourismusprogrammen erschlichen sich B. und sein Komplize die Visa an der Botschaft in Kiew. Für jedes der begehrten Papiere kassierten sie um die 100 Euro. Woche für Woche rollten ab dem Jahr 2000 die Busladungen aus der Ukraine nach Deutschland. Immer waren um die 40 Personen an Bord.

Alle paar Tage ein Bus nach Dresden

Von Juni 2000 an lief das Geschäft prächtig. Nachdem die Behörden im westfälischen Warendorf das Reisebüro formal anerkannt hatten, gingen die ersten Visa-Anträge am 28. Juni 2000 an die Botschaft. Schon vier Tage später waren alle 40 Pässe mit Visas versehen. Von da an begannen B. und seine Komplizen, das Verfahren zu standardisieren. Mindestens sechs Firmen wurden laut BKA in Deutschland gegründet, um die Einladungen zu schreiben. In der Ukraine wurden weitere Reiseveranstalter kontaktiert, um noch mehr Kunden zu gewinnen.

Nach Darstellung von B.s Anwalt wusste sein Mandant nichts von dem kriminellen Hintergrund der Schleusungen. "Mein Mandant ging davon aus, dass alle Ukrainer nach dem Aufenthalt in Deutschland wieder zurückkehren wollten", sagt Klaus Manefeld heute. Genau dies sollte auch die Verteidigungsstrategie werden. "Wir hätten vom Gericht gefordert, dass sie uns erst mal einen Fall nennen sollen, der in Deutschland geblieben ist", sagte der Jurist. Nach seinen Angaben habe sein Mandant lediglich 1600 Visa beschafft.

Zu dem anberaumten Gerichtstermin in Münster kam es jedoch nie. Einen Tag nach dem letzten Anwaltstermin am 2. November 2004 verschwand Nikolaj B. spurlos. Wenige Tage später fand man seinen Alfa Romeo in Berlin. Damals vermutete man, dass sich B. wegen des anstehenden Gerichtstermins nach Osteuropa abgesetzt haben könnte. Erst nach Wochen ergab sich eine ganz andere Spur. In mehreren Verhören verwickelte sich B.s Bodyguard Gregor Z. zunehmend in Widersprüche, als ihn die Kripo-Beamten zu seinem Verhältnis zu seinem Arbeitgeber befragten. Immer wieder schilderte er Situationen anders - vor allem, wo und wann er seinen Chef das letzte Mal gesehen hatte.

Drohungen der tschetschenischen Mafia

Schließlich gestand Z., dass er selbst seinen Chef in seinem Büro erschossen hatte. Zum einen habe B. ihm mehrere Monatseinkommen von je 4000 Euro geschuldet. Außerdem hätte die tschetschenische Mafia den Bodyguard und seine Familie bedroht, damit er bei Nikolaj B. Schulden von 700.000 Euro eintreibe. Nachdem B. allerdings nicht auf die Fragen des Bodyguards reagiert habe und die beiden heftig zu streiten anfingen, habe er mit seiner umgebauten Gaspistole viermal auf ihn geschossen und die Leiche in der Nähe des Sees vergraben. Um den Mord zu vertuschen, habe er die Waffe zerlegt, in einzelnen Teilen weggeworfen und das Auto nach Berlin gefahren, um eine falsche Fährte zu legen.

Die Mordgeschichte gibt einen ersten Anhaltspunkt, dass Nikolaj B. in der Tat in kriminellen Kreisen unterwegs war, die ihm am Ende sehr gefährlich wurden. Mittlerweile gehen die Fahnder davon aus, dass er über Kontakte aus dem Schleuser-Ring weitere Geschäftsideen und Partner kennen lernte. Bisher aber konnten die Fahnder die Geschichte von der tschetschenischen Mafia nicht belegen - vermutlich werden sie das auch in Zukunft nicht können, denn der wichtigste Zeuge ist tot.

Gleichwohl gibt es keinen Hinweis darauf, dass B. irgendetwas Bedeutsames oder politisch Brisantes vor Gericht aussagen wollte. Selbst die Enttarnung einiger seiner kriminellen Geschäftspartner wäre kaum ein Skandal mit politischer Dimension geworden. Doch der Union reichte die "Bild"-Schlagzeile aus, um die rot-grüne Regierung erneut in die Nähe von Schleusern und Kriminellen zu rücken.

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