Selbstbewusster Sigmar Gabriel Ein bisschen Kanzler

Angela Merkel ist im Urlaub, Sigmar Gabriel kostet seine Rolle als Vizekanzler aus. Der SPD-Chef präsentiert sich als selbstbewusster Allrounder - und wird seiner Chefin immer ähnlicher.

Vizekanzler Sigmar Gabriel: Meldet sich bei jeder Gelegenheit zu Wort
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Vizekanzler Sigmar Gabriel: Meldet sich bei jeder Gelegenheit zu Wort

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Berlin - Die Bundeskanzlerin ist in den Osterferien, auf dem Programm stehen Ausgrabungsstätten in Pompeji und Wanderpfade in Ischia. Seit einigen Tagen ist Angela Merkel nun schon fort. Ihre Abwesenheit fällt aber nicht sonderlich auf. Sogar in einer Phase, in der die Bundesregierung wegen der Ukraine-Krise unter permanentem Reaktionsdruck steht.

Dass man von Merkels Pause kaum etwas mitbekommt, mag an Sigmar Gabriel (SPD) liegen. Während die Kanzlerin in der Ferne ausspannt, punktet der Vizekanzler zu Hause als dauerpräsenter Allrounder. Ob Rüstungsexporte, Unruhen in der Ostukraine oder das Weltklima, kein Themenfeld scheint vor Gabriel sicher. Er mischt mit, meldet sich bei jeder Gelegenheit zu Wort.

Am Dienstag demonstrierte Gabriel so offensiv wie nie, dass er seine Position als Merkels Stellvertreter voll auszufüllen gedenkt. So sollte er in Berlin die sogenannte Frühjahrsprojektion kommentieren. Die Prognose zum Wirtschaftswachstum gibt es einmal im halben Jahr, der Termin taugt nicht gerade zur Schärfung des eigenen Profils. Es sei denn, man heißt Sigmar Gabriel und nutzt die Bühne für eine einstündige One-Man-Show.

Während die Vorgänger Guido Westerwelle und Philipp Rösler (beide FDP) meist wie Merkels Assistenten wirkten, will Gabriel offenkundig klarmachen: Ich kann auch Chef. Rösler holte sich noch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zur Seite, Gabriel lässt sich allein befragen. Er hält sich auch nicht lange mit Bruttoinlandsprodukt, Binnenkonjunktur und Inflation auf, sondern widmet sich rasch den Weiten der Weltpolitik.

Überblick behalten, sprechfähig sein

Gabriel verurteilt den Ukraine-Konflikt, droht Russland mit neuen Sanktionen und warnt vor "psychologischen Folgen" für die Stimmung in Europa. Er plädiert für transparentere Rüstungsexporte, verteidigt den Mindestlohn und wirbt für den Europa-Wahlkampf. Für den Emissionshandel, Menschenrechte in China, die Steuerfahndung und den Whistleblower Edward Snowden nimmt er sich auch noch Zeit. Nach gut einer Stunde ist alles vorbei, die Nachrichtenagenturen quellen über mit Gabriels Zitaten.

Natürlich wurde Gabriel zu all diesen Themen gefragt, und als Bundesminister, SPD-Chef und Vizekanzler muss er ohnehin den Überblick behalten und sprechfähig sein. Doch man sieht Gabriel an, dass er sich in der Rolle des universellen Welterklärers am wohlsten fühlt. Er spricht lieber über das große Ganze als über Zahlen und Zehntelprozente des Wirtschaftsaufschwungs. Am Dienstag holt er aus, zieht Schleifen und liefert ungefragt zusätzliche Aspekte.

Kanzlerhafte Züge

Dafür zeigt er auch einige kanzlerhafte Züge, die fast schon an Merkel erinnern. Bei seiner Rundreise durch die Themenwelt vermeidet er Sätze, die anecken könnten. Er bleibt haarscharf auf der in der Koalition abgestimmten Linie. Niemand soll sich über ihn aufregen, weder in der Koalition noch im Wahlvolk.

Gabriel gibt sich staatstragend. "Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem soliden Aufschwung", meint er. Oder: "Klar ist, dass Deutschland keine Angst davor hat, einer weiteren Eskalation deutlich entgegenzutreten." Da klingt der Vizekanzler beinahe wie seine Chefin. Mit der er, wie Gabriel betont, trotz Urlaubs in engem Kontakt steht.

Ein paar Sticheleien kann sich der Vizekanzler zwar nicht verkneifen. Die Debatte um steigende Strompreise sei "schräg", die Einladung an Snowden, nach Deutschland zu kommen, "wohlfeil", sagt er. Doch das Unbeherrschte, Polterhafte, mit dem man Gabriel oft verknüpft, scheint einer demonstrativen Gelassenheit gewichen.

Zum Beispiel übte er am Dienstag vorsichtige Kritik an der Verlässlichkeit von Wirtschaftsprognosen. Die Vorhersage auf ein Zehntelprozent in einer fragilen Weltwirtschaftslage, meint Gabriel und sucht nach Worten, "das ist, sagen wir einmal, mutig". Im Ernstfall besser auf Zwischentöne setzen als zu Poltern, das ist eine Strategie, mit der Merkel seit Jahren gut fährt. Und nun offenbar auch Sigmar Gabriel.

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Seite 1
k70-ingo 15.04.2014
1.
Soll er doch machen, was er will. Durch die Ranschmeißerei an die PDS hat er für mich die SPD unwählbar gemacht.
THINK 15.04.2014
2.
Zitat von sysopDPAAngela Merkel ist im Urlaub, Sigmar Gabriel kostet seine Rolle als Vizekanzler aus. Der SPD-Chef präsentiert sich als selbstbewusster Allrounder - und wird seiner Chefin immer ähnlicher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/vizekanzler-sigmar-gabriel-springt-fuer-angela-merkel-ein-a-964558.html
Hoffentlich fängt er er nicht an, Merkels Hosenanzüge zu tragen.
m. yorck blecher 15.04.2014
3. Herr und Hund
Zitat von sysopDPAAngela Merkel ist im Urlaub, Sigmar Gabriel kostet seine Rolle als Vizekanzler aus. Der SPD-Chef präsentiert sich als selbstbewusster Allrounder - und wird seiner Chefin immer ähnlicher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/vizekanzler-sigmar-gabriel-springt-fuer-angela-merkel-ein-a-964558.html
wäre das falsche Bild hier: eine Kanzlerin, die sich zum Zeitpunkt der Wende nicht sicher war, ob sie zur CDU oder zur SPD gehen soll, und dann aus Opportunität zur CDU ging; und ein SPD-Chef, der Genosse der Wirtschaftsbosse ist - wo soll da inhaltlich ein Unterschied entstehen? Und in der Kommunikation haben die beiden sich eh abgestimmt, und wahrscheinlich die gleichen Rhetorik-Lehrer.
m.henseler 15.04.2014
4. Sprachlos!
Das unsere Kanzlerin einfach in den Urlaub fährt, angesichts der Spannungen in der Ukraine und bei der ach so wichtigen Rolle die ihr dabei zugesprochen wird, ist unglaublich... Da fährt Frau Merkel einfach mal ein paar Fabergé-Eier suchen.
carolian 15.04.2014
5. Der Panzerroller
Gabriel sieht Gespenster: "Die Russen kommen." Wie Klempnermeister Schurich. Und so was ist in diesem Lande Vizekanzler.
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