Völkermord Herero und Nama verklagen Deutschland

Nachkommen der von der deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia ermordeten Herero und Nama haben die Bundesregierung vor einem US-Gericht verklagt. Sie fordern, direkt an Entschädigungsverhandlungen teilzunehmen.

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Von Christoph Schult und


Deutschland hat die Massaker deutscher Truppen an den Herero und Nama im Jahr 1904 als Völkermord bezeichnet, sich offiziell entschuldigt. Zehntausende Menschen wurden während der Kolonialzeit im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika, heute Namibia, ermordet.

Den Nachfahren der Opfer genügt eine Entschuldigung nicht. Sie dringen auf finanzielle Entschädigung für die Verbrechen - und ziehen nun gegen Deutschland vor Gericht. Vor einem US-Gericht haben sie Sammelklage eingereicht.

Zudem verlangen der Herero-Vertreter Vekuii Rukoro und der Nama-Vertreter David Frederick in der Klage, dass Repräsentanten ihrer Gruppen in Verhandlungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Namibias einbezogen werden müssen.

Die beiden Kläger berufen sich dabei auf die Uno-Erklärung der Rechte für indigene Völker, die seit 2007 eine Beteiligung an wichtigen sie betreffenden Entscheidungen durch selbst bestimmte Vertreter vorsieht. Die Bundesregierung hat bislang in fünf Verhandlungsrunden mit der namibischen Regierung über Wiedergutmachung verhandelt, individuelle Zahlungen aber stets ausgeschlossen. Stattdessen soll eine "Zukunftsstiftung" gegründet werden, die "Erinnerungsprojekte" finanziert.

Bundesregierung von Klage nicht überrascht

Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz, Unterhändler der Bundesregierung in Entschädigungsverhandlungen mit Namibia, sagte dem SPIEGEL zu der neuen Klage, sie komme nicht überraschend. Auch in der Vergangenheit habe es mehrere erfolglose Versuche gegeben, Entschädigungszahlungen vor Gericht zu erstreiten.

Laut Bundesregierung wurden Klagen früher nicht angenommen, weil es den Tatbestand des Völkermords während der deutschen Kolonialherrschaft 1904 noch nicht gab. Er entstand erst 1948 durch die Völkerrechtskonvention. "Das heißt aber nicht, dass die Massaker an den Herero und Nama nicht als Völkermord einzuordnen sind", so Polenz zum SPIEGEL.

Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, der sich eingehend mit dem Völkermord an den Herero und Nama befasst hat, sieht in der Klageschrift allerdings eine wichtige Neuerung: Der Bezug auf die Uno-Erklärung zu den Rechten Indigener, die von Deutschland und Namibia anerkannt wurde, könnte eine direkte Beteiligung der Vertreter an Verhandlungen rechtfertigen, sagte Zimmerer SPIEGEL ONLINE.

In der Klage heißt es, in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft sei zwischen 1885 und 1903 ein Viertel des Landes der Herero und Nama mit Einverständnis der Kolonialbehörden von deutschen Siedlern enteignet worden. Geduldet von den Kolonialbehörden hätten die Siedler Frauen und Mädchen vergewaltigt und der Bevölkerung Zwangsarbeit auferlegt. Bei einem 1904 einsetzenden Aufstand habe der deutsche General Lothar von Trotha einen Vernichtungsfeldzug geführt, in dem 100.000 Herero und Nama getötet worden seien.

Die Bundesregierung hatte das militärische Vorgehen der deutschen Truppen erstmals 2015 als Völkermord anerkannt und sich im vergangenen Jahr offiziell entschuldigt. Der Genozid an Herero und Nama gilt als erstes derartiges Verbrechen im 20. Jahrhundert.

Mit Material von AFP

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