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Mutmaßlicher Drogenfund: Kretschmann fürchtet Beck-Effekt

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Grüner Ministerpräsident Kretschmann

Die Grünen träumen von Platz eins bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg - doch nun gibt es Negativschlagzeilen wegen der Drogenaffäre des Bundestagsabgeordneten Beck. Was tun?

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Es sind Sätze, die angesichts der noch unklaren Sachlage bemerkenswert klar daherkommen: "Es ist ja schon ein schweres Fehlverhalten", sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Donnerstag im ZDF über seinen Parteifreund Volker Beck. Und Grünen-Chef Cem Özdemir, als Stuttgarter Bundestagsabgeordneter eine Art Kretschmann-Sprachrohr in Berlin, sprach von der "Schwere der Vorwürfe" gegen Beck. Andere Grüne, die sich zu dem Fall äußerten, klangen weit zurückhaltender. Das fällt auf.

Es ist offensichtlich: Kretschmann und Özdemir haben eine politische Brandmauer hochgezogen.

Selbst wenn noch nicht endgültig geklärt ist, ob es sich bei der betäubungsmittelverdächtigen Substanz, mit der Beck am Mittwoch erwischt wurde, um Crystal Meth handelt - Becks Drogengeschichte ist in aller Munde und schadet natürlich auch seiner Partei. Beck hatte umgehend seine Ämter als innen- und religionspolitischer Fraktionssprecher sowie den Vorsitz der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe niedergelegt, das Bundestagsmandat will er behalten.

Die spannendste Frage allerdings lautet: Wirkt sich das aus auf den Südwesten, wo Kretschmann nach der Landtagswahl am 13. März weiter regieren möchte und die Grünen mit Blick auf letzte Umfragen sogar von Platz eins träumen dürfen? Laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend kommt die Kretschmann-Partei sogar auf 32 Prozent, die CDU nur auf 28 Prozent - allerdings wurden die Zahlen vor dem Drogenfund bei Beck erhoben.

Kretschmann macht sich offenbar Sorgen

Die Sorge vor dem negativen Beck-Effekt ist da. Sonst würde sich einer wie Kretschmann, der noch 2013 in einem "taz"-Interview sein Unbehagen über die moralische Überhöhung von Politikern erläuterte, über seinen Parteifreund wohl nicht so hart auslassen. "Ich kann nur hoffen, dass jetzt solch ein einzelnes Fehlverhalten nicht auf alle übertragen wird", sagte Kretschmann. "Davon gehe ich mal aus."

Ist diese Annahme korrekt? Nachgefragt bei Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Der sagt: "Das Urteil der Wähler über Kretschmann wird durch die Beck-Affäre nicht beeinflusst." Er glaube "nicht, dass der Fall Beck irgendwelche Auswirkungen auf den Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg haben wird".

Die Parteifreunde Kretschmann und Beck könnten tatsächlich nicht unterschiedlicher sein: Der grüne Landesvater ist auch deshalb so beliebt, weil er konservativ wirkt und es in Teilen auch ist. Bundespolitiker Beck dagegen gilt als Ikone der deutschen Schwulenbewegung und Vertreter des linken Grünen-Flügels.

Demoskop Güllner sagt: "Kretschmann ist so unglaublich populär, an dem prallt das ab." Also selbst für den Fall, dass der politische Gegner im Wahlkampf versuchen sollte, Becks mutmaßliche Drogenaffäre auszuschlachten. Wird die CDU, die mit den Grünen um Platz eins bei der Landtagswahl kämpft, so weit gehen? Aus Sicht des Forsa-Chefs wäre es keine gute Idee: Er rate nicht dazu, "einen Zusammenhang mit Beck herzustellen und ihn deshalb anzugreifen - das wäre eher kontraproduktiv".

Die Sorgen bei den Grünen, dass die Affäre Kretschmann schaden könnte, haben wohl auch mit dem Trauma des vergangenen Bundestagswahlkampfes zu tun: 2013 gab es auf den letzten Metern neue Pädophilie-Vorwürfe gegen die Partei, auch konkret gegen Beck - das Wahlergebnis war miserabel. Doch erneut winkt Demoskop Güllner ab: "Damals war die Stimmung für die Grünen wegen der Veggie Day- und der Steuerdebatte ohnehin schon schlecht - und außerdem gab es konkrete Vorwürfe gegen den Spitzenkandidaten Jürgen Trittin selbst."

300.000-Euro-Spende an die Grünen

Es gibt allerdings noch eine Sache, die manchem Grünen auch mit Blick auf die Kretschmann-Kampagne Bauchschmerzen bereitet:Eine Riesenspende von 300.000 Euro kratzt an der Glaubwürdigkeit der Partei. Vor allem, weil ein Berliner Vermögensberater, der sein Geld mit Investitionen in nachhaltige Energien verdient, mit dem Geld gezielt Kretschmanns Wahlkampf unterstützt.

Seit Jahren hat keine Partei so eine hohe Summe am Stück als Spende erhalten. Nun brechen ausgerechnet die Grünen einen Geldregen-Rekord - dieselbe Partei, die regelmäßig eine Obergrenze für Parteispenden von 100.000 Euro pro Person fordert. Als die Quandt-Erben 2013 fast 700.000 Euro an die CDU spendeten, gab es empörte Reaktionen bei den Grünen. Erst im letzten Jahr sprach sich die Bundestagsfraktion erneut für eine Deckelung aus. Gleichzeitig eine Großspende zu akzeptieren, scheint da reichlich widersprüchlich.

Offiziell sieht man bei den Grünen kein Problem mit der Spende. Für die Bürger in Baden-Württemberg spiele der Vorgang keine Rolle, heißt es, auch unterstütze der großzügige Investor grüne Ziele.

Ein Beigeschmack bleibt dennoch zurück.

Und bei manchen Grünen möglicherweise auch angesichts des Umgangs mit dem Abgeordneten Beck. Wie es anders geht, zeigte am Donnerstag Ex-Spitzenkandidat Trittin - er plädierte für Milde gegenüber seinem Parteifreund: "Die Grünen haben immer Süchtige eher als Opfer, denn als zu verfolgende Täter angesehen."

Grünen-Politiker Trittin im Video über Beck:

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Zusammengefasst: Eigentlich dürfte sich die Causa Volker Beck, gegen den wegen Drogenbesitzes ermittelt wird, nicht auf die Grünen-Wahlergebnisse in Baden-Württemberg auswirken. Das sagt zumindest Demoskop Manfred Güllner. Doch Wahlkämpfer Winfried Kretschmann grenzt sich trotzdem ungewöhnlich heftig vom Parteifreund ab - ein Signal dafür, dass die Grünen durchaus einen Imageschaden fürchten.

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