Kauder-Abwahl Union in Auflösung

Wo sie inhaltlich stehen, ist in den Unionsparteien schon lange nicht mehr klar - das gemeinsame Band war bis zuletzt der eiserne Machtwille. Mit der Revolte in der Bundestagsfraktion ist jetzt auch dieses zerrissen.

Merkel, Seehofer, Kauder
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Merkel, Seehofer, Kauder

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Als Helmut Kohl im Oktober 1997 auf dem CDU-Bundesparteitag in Leipzig ankündigte, erneut als Kanzlerkandidat anzutreten, reagierten die Delegierten mit lang anhaltendem Beifall. In manchen Umfragen war die SPD in den Monaten zuvor schon vor der Union gelandet, die Schwesterparteien und das Land zeigten sich nach 15 Jahren Kohl'scher Kanzlerschaft ermattet, der Wunsch nach Erneuerung wuchs.

Dennoch zogen CDU und CSU nochmals mit Kohl in die Bundestagswahl im Jahr darauf. Sie endete mit einer krachenden Niederlage gegen die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder.

Es konnte nichts mehr werden - und trotzdem war eine echte Revolte gegen Kohl abermals ausgeblieben.

Um die Dimension des Vorgangs zu verstehen, muss man daran am Tag nach der Abwahl von Volker Kauder, dem engen und langgedienten Vertrauten von Kanzlerin Angela Merkel, als Chef der Unionsbundestagsfraktion nochmals erinnern. So war das noch vor zwei Jahrzehnten bei CDU und CSU: Man stellte sich nicht gegen den eigenen Kanzler - zumal nicht gegen eine so verdiente politische Figur wie Kohl, der den Unionsparteien über eineinhalb Jahrzehnte die Macht garantiert hatte.

Angela Merkel garantiert der Union immerhin schon seit knapp 13 Jahren die Macht. Und nach wie vor gibt es niemanden in den Reihen von CDU und CSU, der sich als natürlicher Nachfolger anbietet. (So wie es seinerzeit Wolfgang Schäuble war, den Kohl zuerst als Kronprinz installierte, dies später aber korrigierte.) Und trotzdem hat sich die Mehrheit der Unionsbundestagsabgeordneten nun offen gegen die Kanzlerin gestellt, in dem sie sich ihrem ausdrücklichen Wunsch verweigerte, Kauder im Amt des Fraktionschefs zu bestätigen.

Ein beispielloser Affront in der Geschichte von CDU und CSU - und ein Zeichen dessen, dass die Unionsparteien inzwischen so gut wie nichts mehr verbindet.

Inhaltlich sind CDU und CSU weitestgehend entkernt. Atomwende, Familienpolitik, Ende der Wehrpflicht, Frauenquote, zuletzt die Flüchtlingspolitik - da ist nur noch wenig übrig von dem, was einst in den Schwesterparteien galt. Merkel hat, wenn es nötig wurde, ideologische Positionen abgeräumt. Um an der Macht zu bleiben.

Nur damit hielt die Kanzlerin den quietschenden Laden noch zusammen. Und sie vertraute darauf, dass man ihr dafür - wie weiland Kohl - weiter Kredit gibt. Auf den eisernen Machtwillen ihrer Leute. Dass man im Zweifel noch mal die Zähne zusammenbeißt.

Aber damit ist es vorbei. Zu viel ist offenbar kaputtgegangen in der Union in den vergangenen Jahren. Die Motivation, den Kanzlervertrauten an der Spitze der Fraktion abzuwählen, war am Dienstagnachmittag deshalb vielschichtig: Kauder-Gegnerschaft, Merkel-Gegnerschaft, beides, Lust auf etwas Neues, Überzeugung für den Gegenkandidaten Ralph Brinkhaus, Protest, Spielerei.

Aber was bleibt dann noch übrig von einer Union, die selbst im Abmeiern der Kanzlerin diffus bis zur Unkenntlichkeit erscheint?

Genau: fast nichts.



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haarer.15 26.09.2018
1. Nur noch eiserner Machtwille
Klar nervt das jetzt immer mehr Leute - nur noch Kanzlerwahlverein. Und sonst ? Inhaltlich sieht es in der Tat richtig trübe aus bei der Union. Für was steht sie denn ? Die C-Partei muss ihren Kompass jetzt erst mal finden und personell steht diese Union auch erst am Anfang. Kommt davon, wenn man die Zeichen der Zeit lange ignoriert hat bzw. die Entwicklung grandios verpennt hat. Danke für die treffenden Worte Herr Gathmann - endlich mal deutlich !
dirkcoe 26.09.2018
2. Wohl wahr
Merkel hat seit ihrem Wahldesaster 2017 eigentlich keinen Fuss mehr auf den Boden gekommen. Desaströse Koalitionsverhandlungen gefolgt von einem Seehofer, der seit seiner Vereidigung frei dreht. Nachdem klar war, dass Merkel der Mut und der Rückhalt fehlt um ihn einfach zu feuern, war es vorbei mit Merkel. In der EU schon lange isoliert, ist sie nun auch bei uns nur noch eine tragische Figur.
Tonicek 26.09.2018
3. Geehrter Herr Gathmann ...
... wenn Sie wüßten, wie Recht Sie haben! Es ist nichts geblieben, das Porzellan ist zerschlagen, und es wird Jahre dauern, es wieder zu kitten.- Und diese Jahre werden den Deutschen zeuer zu stehen kommen. Natürlich hat Kauder eine Menge Schuld, er hat das Dilemma auch zu einem Großteil zu verantworten.- Auf alle Fälle: Es wird spannend - warten wir ab, wie es weiter geht. Haben Sie vielen Dank für Ihre treffsicheren Worte.
fat_bob_ger 26.09.2018
4. Union in Auflösung, etwas übertrieben
Mit ihrem schweren Politikfehler 2015 hat unsere Kanzlerin sich selbst überschätzt und damit das Fundament ihrer Kanzlerschaft ausgehöhlt. Ich stimme zu, dass sie wichtige inhaltliche Positionen der CDU bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen hat und ihre potentiellen Gegner entweder in den Politruhestand (Merz), oder hochgelobt (Wulf) oder vergrault hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sich in Auflösung befindet. Es fehlt einfach der Nachfolger von Merkel. Aber die SPD hat auch niemanden: Nahles ist machtbewusst aber umstritten, manche schauen immer nur missmutig drein und manche haben nicht mehrheitsfähige Konzepte. Das gleiche Bild in der CSU, bei den Grünen und der Linken. Auch die AfD hat sich bisher nur durch laute Sprüche und interne Querelen hervorgetan. Wenn schon, dann befinden sich alle Parteien in Auflösung.
romeov 26.09.2018
5. Die CDU wird geführt wie eine Pommesbude
..seit Jahren scheint es nicht den Ansatz einer Strategie zu geben. Das Schlimme ist nur, dass sie die politische Verantwortung in diesem Land haben und die sprudelnden Steuermehreinnahmen einfach verplempern. Wehe es kommt mal ein wirtschaftlicher Einbruch.
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