Volksaufstand vom 17. Juni 1953 Die Legende von den toten Russen

Als "Helden der Menschlichkeit" werden heute Nachmittag in Berlin offiziell 41 standrechtlich erschossene Offiziere und Soldaten der Sowjetunion geehrt, die am 17. Juni nicht auf Deutsche schießen wollten. Doch diese Russen hat es nie gegeben. Sie sind Phantome des Kalten Krieges.

Von Hans Halter


Gedenkstein für die russischen Soldaten in Berlin: Keinerlei Belege für ein Standgericht.
MARCO-URBAN.DE

Gedenkstein für die russischen Soldaten in Berlin: Keinerlei Belege für ein Standgericht.

Berlin - Am Morgen musste das 73. Schützenregiment die Waffen ablegen. Dann wurden die Sowjetsoldaten auf eine Waldlichtung in Biederitz bei Magdeburg geführt und tief gestaffelt aufgestellt. Bewaffnete des "Spezialkommandos einer Sondereinheit" sorgten für lautlose Disziplin. Das Massengrab am Waldrand war bereits ausgehoben. Jeder der abkommandierten Zuschauer sollte einen freien Blick auf die Richtstätte haben. Es war Sonntag, der 28. Juni 1953, ein sonniger Tag.

Die zum Tode verurteilten Soldaten und Offiziere wurden in Dreiergruppen an die Grube geführt und vom "Spezialkommando" mit Maschinenwaffen liquidiert. Insgesamt starben auf diese Weise 18 Mann. Darunter der Gefreite Aleksander Shcherbina, der Soldat Vasilj Djatkowskij und der Unteroffizier Nikolaj Tjuljakov.

In diesen Tagen liquidierte die Sowjetarmee außerdem im ehemaligen Schlachthof Berlin-Friedrichsfelde weitere 23 Rotarmisten. Ohne Zeugen, durch Genickschuss.

Allen 41 Hingerichteten wurde das gleiche Verbrechen vorgeworfen. Auf einem dunklen, mannshohen Granitstein, der zu Ehren der Opfer bereits 1954 im amerikanischen Sektor Berlins errichtet wurde, steht der Sachverhalt: "Den russischen Offizieren und Soldaten, die sterben mussten, weil sie sich weigerten, auf die Freiheitskämpfer des 17. Juni 1953 zu schießen."

Ranghohe Vertreter der Politik legen Kränze nieder

An diesem Gedenkstein werden sich am Vorabend des 17. Juni die ranghöchsten Vertreter des wiedervereinigten Berlin zu einem Totengedenken und zur Kranzniederlegung versammeln. Heute um 17.05 Uhr spricht zuerst 15 Minuten lang der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dann Christoph Stölzl (CDU), Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, danach Vertreter der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, der Bau-Gewerkschaft und der evangelischen Kirche.

Sie gedenken nicht nur der deutschen "Opfer und unerschrockenen Kämpfer für Menschenrecht, Menschenwürde für Wahrheit und Freiheit des 17 Juni 1953" - wie es auf der dem Stein gegenüberliegenden Tafel heißt - sondern wie seit Jahrzehnten auch der russischen "Helden der Menschlichkeit", die ihr Leben verloren, weil sie deutsche Freiheitskämpfer retteten.

Nur leider: Diese toten Russen hat es nie gegeben. Sie haben nie gelebt - und konnten schon deshalb nie erschossen werden. Sie sind Phantome des Kalten Krieges.

Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen nach russischen Panzern.
DPA

Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen nach russischen Panzern.

In die Welt gesetzt hat das Gerücht von den mit deutschen Freiheitskämpfern sympathisierenden Rotarmisten im Sommer 1953 der russisch-ukrainische Emigrantenbund NTS, der "Nationale Bund der Werktätigen". Er hatte damals Zuflucht in München gefunden, kooperierte eng mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA und bezog von dort auch sein Bargeld. NTS war eine kampferprobte Organisation des Kalten Krieges und unterhielt einen eigenen "Revolutionsstab", der die herrschenden russischen Kommunisten wieder davon jagen wollte ("Die Stunde der Vergeltung ist nahe").

Bis dahin betrieb man Propaganda im großen Stil: Bei Westwind transportierten Luftballons antisowjetische Flugblätter hinter den Eisernen Vorhang und zu allen Zeiten wurden die amerikanischen Rundfunksender mit Informationen aus dem Ostblock versorgt. Mit der Wahrheit nahm es der NTS nicht so genau. Desinformation - ein anderes Wort für Lügen - galt seinerzeit in West und Ost als völlig legitimes Kampfmittel.

Der Kronzeuge war gar nicht dabei

Bei den Einzelheiten verließ man sich, die Nachricht von den toten Russen beweist es, darauf, dass sie damals von niemanden nachgeprüft werden konnten. Deshalb avancierte der Sowjetmajor Nikita Ronschin zum Kronzeugen der Horrormeldung. Ronschin gab es wirklich und er ist auch 1953 via Westberlin zu den Amerikanern übergelaufen. Damals verband die Viersektorenstadt noch ein gemeinsames S- und U-Bahnnetz, mit dem täglich Hunderttausende (meist unkontrolliert) die Grenzen überquerten. Ronschin war ein Mann mit guten Nerven, er schaffte es.

Völlig unstrittig ist, dass der Sowjetoffizier jedoch bereits Ende April 1953 in Westberlin eintraf - drei Monate vor dem Volksaufstand. Er wurde sofort von den Amerikanern nach Westdeutschland ausgeflogen. Seine deutsche Freundin gerät bei der Flucht in Haft; sie hat ihren Russen nie wieder gesehen. Der überlebende Sohn erinnert sich noch immer lebhaft an die Einzelheiten.

In München avancierte Nikita Ronschin zum NTS-Kronzeugen, auch für die Einzelheiten der Exekution. Dabei kann der flüchtige Offizier weder auf der Waldwiese bei Magdeburg noch im Berliner Schlachthof dabei gewesen sein.

Bis zur Machtübernahme Michail Gorbatschows 1986 und der "Wende" in der DDR 1989 samt der ein Jahr später erfolgten Wiedervereinigung, den deutsch-russischen Verträgen und der Übernahme beziehungsweise Öffnung wichtiger Archive blieb die Helden-Saga ungeprüft. Seither bemühen sich zahlreiche Historiker und Regierungsstellen um verlässliche Aufklärung und Einzelheiten - immer mit dem gleichen Ergebnis: Außer der NTS-Ronschin-Story gibt es keinen einzigen Beleg.

Keine Zeugen, keine Hinterbliebenen, kein einziger Beleg

Weder haben sich russische noch deutsche Zeitzeugen gemeldet oder finden lassen, noch Angehörige - Eltern, Ehefrauen, Geschwister, Kinder. Nicht ein einziger. Dabei wurde und wird in Putins Russland die Frage der "Rehabilitation" ernsthaft betrieben; am Ende steht sogar eine bescheidene finanzielle Wiedergutmachung. Die Hinterbliebenen der erschossenen Russen könnten wohl auch mit deutschen Finanzhilfen rechnen.

 Menschliche Überreste in einer Baugrube in Magdeburg 1994: Sie gehörten nachweislich nicht zu den Männern des 73. Schützenregiments.
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Menschliche Überreste in einer Baugrube in Magdeburg 1994: Sie gehörten nachweislich nicht zu den Männern des 73. Schützenregiments.

Bedauernd hat J.J. Tjulpanow, der Leiter der Rehabilitationsabteilung der Militärstaatsanwaltschaft der russischen Föderation der Opfer-"Vereinigung 17. Juni 1953", im August 2000 mitgeteilt, dass bei den Informations- und Archivbehörden der Russischen Föderation keine Angaben über die Verfolgung oder Verurteilung sowjetischer Militärangehöriger im Zusammenhang mit dem genannten Fall - die 41 Exekutionen - aufgefunden wurden. Die drei Namen von angeblich Hingerichteten finden sich überhaupt nirgendwo. Sicher ist mittlerweile nur, dass das 73. Schützenregiment unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland wieder verlassen hat.

Auch die russischsprachigen Historiker, die aus dem Westen nach Moskau ausgeschwärmt sind, konnten nirgendwo den kleinsten Beleg entdecken. Obwohl russische Archivare grundsätzlich nichts wegwerfen. Nicht einmal in der minutiös geführten Hauptchronik des sowjetischen Generalstabs fand ein Wissenschaftler des bundesdeutschen "Militärgeschichtlichen Forschungsamtes" aus Potsdam irgendeinen Hinweis.

Gefundene Knochen in Magdeburg waren viel älter

Dabei mussten Standgerichte - wenn es sie gegeben hätte - eine bürokratische Spur hinterlassen haben. Die sowjetische Militärjustiz war ein Apparat im Apparat, gnadenlos und gleichzeitig ein Reich aus Papier. Jedes Standgericht musste streng zentralistisch in Moskau beantragt und genehmigt werden - damit nicht irgendein wilder General auf eigene Faust liquidiert. Auch bei der Militärjustiz: Fehlanzeige. Dort lassen sich nur die standrechtlichen Erschießungen deutscher Opfer finden.

Vergeblich hat der renommierte Historiker Christian J. Ostermann (er lebt in Washington) in den Akten der CIA und des amerikanischen Außenministeriums nach den verschwundenen Sowjetsoldaten gesucht. Die US- Regierung hat weder damals noch später irgendetwas von ihnen gehört. Auch die jahrelangen Recherchen der deutschen Gauck-Behörde verliefen völlig ergebnislos: Nirgendwo eine Spur von den toten Russen.

In Biederitz bei Magdeburg hat man Mitte der neunziger Jahre zwar Knochen in einem Massengrab entdeckt - doch sie gehörten nicht zu den Männern des 73. Schützenregiments. Womöglich ruhten diese Knochen seit Napoleons Zeiten in der deutschen Erde.

So lebt nur die zu Herzen gehende Saga von den toten Russen fort. Offiziell erfüllt sie vieler Menschen Bedürfnis - gute Russen, gute Deutsche, alles wird gut.

Nur Major Nikita Ronschin hat sich schon 1954 in Luft aufgelöst. Über ihn gibt es zwei Gerüchte: Böse Russen hätten ihn gekidnapped, er sei in Sibirien verschollen. Oder, besser für Ronschin: Gute Amerikaner gaben ihm eine neue Identität, als Texaner oder Lachsfischer in Alaska. Und wenn er nicht gestorben ist - er wäre mindestens 80 Jahre alt - dann angelt er noch heute.



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