Volksparteien Warum auch die Union in der Krise steckt

Alle reden über die Krise der SPD - dass es um die Union kaum besser bestellt ist, geht dabei völlig unter. In den erwerbsaktiven Jahrgängen ist auch die CDU keine Volkspartei mehr. Und die Zukunftsaussichten bieten keinen Anlass für Optimismus.

Von Franz Walter


Es ist ja richtig: Die Sozialdemokraten befinden sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Nichts ist im Jahr 2009 so gelaufen, wie das im ursprünglichen "Fahrplan" für einen erfolgreichen Wahlkampf verzeichnet war.

Zerbröselnde Partei: Profil von Angela Merkel
REUTERS

Zerbröselnde Partei: Profil von Angela Merkel

Der Auftakt in Hessen im Januar ging mit Aplomb daneben. Die eigene Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten schmiedete das altbürgerliche Lager aus Union und FDP erstmals fest zusammen. Und über den Ausgang der Europawahlen braucht man hier nicht mehr zu reden.

Und dennoch: Verwunderlich ist, dass kaum jemand darauf achtet, wie sehr die Christliche Union der Frau Merkel zerbröselt - auf höherem Ausgangsniveau als die SPD zwar, aber in ihrer Dynamik eher noch kräftiger als die Partei von Müntefering.

Bei den Europawahlen der letzten Dekade, also zwischen 1999 und 2009, büßten CDU/CSU 10,8 Prozentpunkte ein, die Sozialdemokraten "nur" 9,9 Prozentpunkte. Und gerade in ihren klassischen süddeutschen Hochburgen fielen die Verluste der als christlich firmierenden Parteien besonders drastisch aus: In Bayern waren es allein zwischen 2004 und 2009 9,3 Prozentpunkte, im Saarland und in Baden-Württemberg immerhin 8,7 Prozentpunkte. Der CDU jedenfalls gelang es am 7. Juni 2009 in keinem Bundesland mehr, auf Werte über 40 Prozent zu kommen.

In zwei der drei Bundesländer, in denen am 30. August Landtagswahlen stattfinden werden, führte die Europawahl arithmetisch zu rot-rot-grünen Mehrheiten, im Saarland und in Thüringen. Das müsste die CDU gewiss beunruhigen.

Beunruhigen müsste sie auch, dass in jenen Bundesländern, in denen am letzten Sonntag die Wahlbeteiligung an der Europawahl besonders hoch lag, da zeitgleich Kommunalwahlen stattfanden, die Verluste der Christlichen Union überproportional hoch ausfielen. Insofern dürfte auch die Bundestagswahl, mit einer ungleich höheren Wählerpartizipation als zuletzt auf Europaebene, in der Tat noch nicht gelaufen sein. Ganz und gar Zweckpropaganda betreiben Müntefering und Steinmeier also nicht.

Doch das ist es nicht allein. Die Europawahlen haben ein weiteres Mal deutlich gemacht, dass die CDU gerade in den erwerbsaktiven Jahrgängen der Republik als Volkspartei nicht mehr zu charakterisieren ist. Bei den Wählern, die unter 60 Jahre alt sind, erreicht die Union nicht einmal mehr ein Drittel der Voten.

Die jungen Frauen haben sich - trotz Ursula von der Leyen - noch ein Stück weiter von der Merkel-Partei abgewandt. Nur 25 Prozent der 18-24 Jährigen Wählerinnen gaben ihr am letzten Sonntag die Stimme, was ungefähr den Werten für die Grünen entspricht. Nimmt man den Indikator "Bildung", dann kommt die Union auf früher vertraute Spitzenwerte - von 46 Prozent - inzwischen allein bei den formal "niedrig Gebildeten". Bei den Bundesbürgern mit Abitur und Studium schafft die Union dagegen nur mit Ach und Krach soeben noch die 30-Prozent-Grenze.

Das Bildungsbürgertum bleibt die Problemgruppe für die sich bürgerlich nennende CDU - keine besonders gute Basis für die vielzitierte Wissensgesellschaft der Zukunft. Personen in der Ausbildung neigen nur in geringen Teilen zur Union; nicht einmal ein Viertel der Wähler dieser Kategorie hat ihr zuletzt in den Wahlkabinen das Vertrauen geschenkt.

Bemerkenswert ist, dass die Union in eine ähnliche Zangenbewegung geraten ist wie früher schon die Sozialdemokraten. Denn mit nahezu 10 Prozentpunkten am stärksten verloren CDU und CSU bei der Europawahl, wie im übrigen schon bei den Bundestagswahlen 2005, in der Gruppe der Arbeiter/Arbeitslosen auf der einen und im Lager der Selbständigen auf der anderen Seite. Eben das macht die politische Schlussfolgerung für die CDU-Führung so schwierig, macht den Kurs der Partei so inkonsistent. Denn solche Wahlergebnisse sind weder ein Signal für einen verstärkten Herz-Jesus-Sozialkatholizismus, noch für ein streng marktwirtschaftliches Ordnungsmodell à la Friedrich Merz.

Kurzum: Es sieht zweifellos düster aus für die SPD. Aber ganz so strahlend sind die Zukunftsaussichten für die CDU auch nicht. Im Gegenteil.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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OlafKoeln, 13.06.2009
1. ...
Zitat von sysopAlle reden über die Krise der SPD - dass es um die Union kaum besser bestellt ist, geht dabei völlig unter. In den erwerbsaktiven Jahrgängen ist auch die CDU keine Volkspartei mehr. Und die Zukunftsaussichten bieten keinen Anlass für Optimismus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,630302,00.html
... dem ist nichts hinzufügen. Und Leute wie Zensursula und andere Laien-Schauspieler mit ihrer offener Ignoranz sorgen ja dafür, potentielle Wähler massiv zu verprellen.
cobra77 13.06.2009
2. ....
Zitat von sysopAlle reden über die Krise der SPD - dass es um die Union kaum besser bestellt ist, geht dabei völlig unter. In den erwerbsaktiven Jahrgängen ist auch die CDU keine Volkspartei mehr. Und die Zukunftsaussichten bieten keinen Anlass für Optimismus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,630302,00.html
Ah ja, die erwerbsaktiven Jahrgänge. Um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Union ist eine Rentnerpartei, deren Basis ausstirbt. Nur Stockkonservative (die mit dem Koalitionspartner FDP so ihre Probleme haben dürften), Gewohnheitswähler, und jene, die sich von der Union einen "Besserverdienerbonus" erhoffen, wählen noch Merkel. Der Mehrheit der Bevölkerung bietet diese Partei auch wenig Grund zur Begeisterung. Mehr Steuern, mehr Schulden, weniger Rente. Sinnfreie Auslandsabenteuer (auch wenn allmählich am Kosovo Schluss ist, bietet die Lage in Afghanistan genügend Grund für Unmut). Das Grundgesetz bröckelt, die Wirtschaft fällt, und die Pleitegeier werden künstlich am Leben erhalten. Diesen Trend wollen immer weniger Bürger unterstützen. Nur ziehen viele daraus die Konsequenz, den Marktliberalen wie Guttenberg und Westerwelle zuzujubeln. Oder gar nicht mehr zu wählen. Beides ist paradox. Jene zu unterstützen, deren Ideologie maßgeblich an den Ursachen der Misere beteiligt ist, oder auch nur durch Nichtwahl zu tolerieren, ist wenig hilfreich.
praise 13.06.2009
3. *
Zitat von sysopAlle reden über die Krise der SPD - dass es um die Union kaum besser bestellt ist, geht dabei völlig unter. In den erwerbsaktiven Jahrgängen ist auch die CDU keine Volkspartei mehr. Und die Zukunftsaussichten bieten keinen Anlass für Optimismus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,630302,00.html
War ja klar, dass der Walter jetzt auch der Union eine mitgeben muss. Wobei ich ihm in weiten Teilen gar nicht widersprechen will. Ich denke, dass er aber eines vergißt: Die Unon verliert hauptsächlich ins bürgerliche Lager hinein, speziell an die FDP, während die SPD auch an Union und FDP Wähler abgeben muss. Ùbd das macht den Unterschied.
Iggy Rock, 13.06.2009
4. Nichts als die Wahrheit
Ein sehr guter Artikel, endlich einmal die Wahrheit, jenseits von Kauderismus oder Pofallas verbalen Verdrehungen. Es ist wohl kaum zu leugnen, die Große Koalition schadete der Union wie auch der SPD. Einen Fehler begeht dabei wahrlich derjenige, der glaubt noch auf einem hohen Ross der Selbstverständlichkeit zu sitzen. Die Bayern nannte man es nach der Landtagswahl Übermut, wahrscheinlich ist es einfach auch Größenwahn, Politiker die sich aufspielen, als hätten sie die Wahrheit mit Löffeln gegessen, während sie gerade grinsend in die Kameras lügen, leere Worthülsen unters Volk bringen, und sich vom eigens dafür herbestelltem Publikum besonders laut beklatschen lassen. Der Wähler durchblickt die Show, der ist cleverer wie manch ein Parteistratege und er merkt sich sowas. Es wird noch ein paar Jahre dauern, aber die Option einer Grün-Gelben Regierung hat etwas Zukunftsweisendes, was man bei den beiden Großen vergeblich sucht.
spitzbube 13.06.2009
5. Kein Wunder
Muß man sich wundern? Ich denke, CDU und SPD haben unterm Strich dasselbe Problem: man kann sie kaum noch unterscheiden. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen die Parteien für klar erkennbare Positionen eintraten, ihre Spitzenpolitiker Charaktere waren (was auch immer man von Leuten wie z.B. Strauß oder Wehner halten wollte). Dahin, vorbei. Gemeinsam wurschteln sie planlos vor sich hin, schielen nur auf die nächsten Wahlen, und was die Zukunft angeht: nach mir die Sintflut. Dabei glaubt doch kein Mensch mehr die das Blaue vom Himmel lügenden Wahlversprechen, und daß eines Tages die immer drückenderen Schulden bezahlt werden müssen, ist auch jedem klar. Aber es trifft ja nicht die jetzt regierende Generation... Und dann beklagen sie die grassierende "Politikverdrossenheit". Ja was erwarten sie denn? Sollen die "Leute draußen im Land" dazu hurra schreien? P.S.: Die F.D.P. und die Grünen sind auch nicht besser, von der Linkspartei ganz zu schweigen.
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