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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Feminisierung des Autos

Eine Kolumne von

VW-Autos in den USA: Druckventile statt BahnCard 100 Zur Großansicht
AP/dpa

VW-Autos in den USA: Druckventile statt BahnCard 100

Sind Abgase das Hauptproblem bei Volkswagen? Keineswegs, es sind die alten weißen Männer, heißt es. Wäre der Konzern irgendwie weiblicher, er stünde jetzt viel besser da. Nur halt mit weniger Kunden und weniger Arbeitsplätzen.

Jede Krise verlangt nach Deutung. Je schwerer die Krise, desto größer das Deutungsbedürfnis.

Wenn es stimmt, was zu lesen ist, dann erschüttert die Abgasschummelei bei VW nicht nur Deutschlands größten Autokonzern, sondern ist auch geeignet, das Ansehen von "Made in Germany" insgesamt zu ramponieren. Wer nach einer Erklärung sucht, wie es so weit kommen konnte, wird auf die patriarchalische Führungsstruktur in Wolfsburg verwiesen. Es heißt, dass sich bei Volkswagen ein Klima der Angst entwickelt habe, in dem Widerspruch verpönt gewesen sei. VW zeige, wohin männliche Hybris einen Konzern bringen könne.

Martin Winterkorn, der Inbegriff des angsteinflößenden Patriarchen, hat das Unternehmen in acht Jahren doppelt so groß und mächtig gemacht. Jedes achte Auto, das in der Welt verkauft wird, stammt heute von VW, 600.000 Beschäftigte zählt der Konzern. Aber solche Zahlen können nur Leute beeindrucken, die nie etwas von der Wende zum Weniger gehört haben. Die große Chance für VW sei jetzt, dass es endlich die Angstkultur überwinde, steht in den Zeitungen. Die Hoffnung ist, dass mit dem Abgang der Überväter alles offener, freundlicher, nachhaltiger - mit einem Wort: weiblicher - wird. Die Berufung von Matthias Müller als Winterkorn-Nachfolger hat deshalb enttäuscht. Wieder nur ein Mann, sagen viele. Außerdem kommt der neue VW-Chef von Porsche, dem Inbegriff der männlichen Motorenwelt.

Frauen werden das nie wirklich verstehen

Der Abgasskandal bestätigt alle, die schon immer der Meinung waren, dass die Ära des Autos vorbei sei. Das Auto ist so etwas wie der zornige, weiße Mann des Verkehrs, von dem es ebenfalls heißt, dass er nicht mehr in die Zeit passe. Der Begriff "angry white men" wurde von dem Soziologen Michael Kimmel geprägt. Kimmel glaubt, dass die Welt ein schönerer Platz wäre, wenn Männer mehr wie Frauen würden, also irgendwie entspannter und weniger zornig. Auf das Auto übertragen heißt das, dass wir besser dran wären, wenn das Auto kleiner und sparsamer, also insgesamt umweltverträglicher wäre. Es ist vermutlich kein Zufall, dass gerade alte, weiße Männer die teuren, schweren Autos bevorzugen, für die die deutsche Autoindustrie berühmt ist.

Tatsächlich muss man den Trend zur Umweltverträglichkeit als Zähmungs- und Einhegungsleistung verstehen. Früher galten PS und Hubraum als entscheidende Kennzahlen, heute zählt statt des Beschleunigungsmoments der Schadstoffausstoß. Dessen Schädlichkeit ist zwar wie im Fall des Feinstaubs eher Glaubenssache denn Gewissheit. Man darf ohnehin nicht so genau nachrechnen, was die Nachhaltigkeit angeht. Das hochgelobte Elektroauto zum Beispiel rentiert sich ökologisch gesehen heute erst ab dem 100.000 Kilometer, bis dahin ist jeder normale Benzinmotor dem Elektroantrieb überlegen. Aber das ändert nichts daran, dass die Tage des Einspritzmotors als gezählt gelten.

Frauen konnten nie wirklich verstehen, was Männer am Auto finden. Schon im Kindergarten verläuft hier die Geschlechtergrenze. Während Jungens stundenlang mit großem Getöse kleine Blechautos über den Boden schieben, streicheln Mädchen brav die Haare ihrer Puppen. Außerdem ist Autofahren furchtbar unvernünftig. Man sitzt viel entspannter im Zug, wie einem jeder Anhänger der Grünen darlegen kann, wo die Aversion gegen die Motorisierung im Einklang mit der selbst verordneten Genderneutralität am weitesten fortgeschritten ist. Aber alle Appelle, auf die Bahn umzusteigen, verhallen fruchtlos. Statt sich eine BahnCard 100 zu kaufen, investieren Männer lieber in die neuesten Druckventile von Bosch.

Die Liebe zum Auto ist stärker als alle Appelle an die Vernunft

Dass jetzt das alte patriarchale System beim Diesel an seine Grenze gestoßen ist, passt ins Bild. Wenn eine Autotechnik für überholte Männlichkeit steht, dann der Dieselmotor mit seiner rostigen Country-Romantik. Die Erfindung des "Clean Diesel" war der Versuch, vom alten Trucker-Image loszukommen und sich der neuen Zeit anzupassen. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, man hätte zu dem gestanden, was man ist, statt mit ein paar Softwaretricks die Abgasbilanz schönzurechnen. Paradoxerweise ist der Kampf gegen den Feinstaub schuld daran, dass aus dem Auspuff mehr giftige Abgase kommen. Wie es aussieht, sorgen ausgerechnet die Rußpartikelfilter dafür, dass die Menge an Stickoxid steigt.

Wer die Feminisierung der Autowelt konsequent fortsetzt, landet beim selbstfahrenden Wagen. Bevor der VW-Skandal alles überschattete, war das vernünftige Auto das große Thema der Branche. Alles geschieht hier automatisch, vom Einfädeln bis zum Parken. Weil sich das selbstfahrende Auto immer an die Regeln hält, gibt es auch keine Unfälle mehr und keine Staus. Leider sind die Käufer noch nicht ganz so weit für so viel Vernunft. Wer sich für 50.000 Euro seinen Autotraum erfüllt, will nicht auch noch am Steuer gesagt bekommen, wann er zu bremsen und zu beschleunigen hat.

Es ist die Frage, wie eine Industrie überleben will, die nur noch Kleinwagen mit großen Knopfaugen baut. Was wahnsinnig süß aussieht, wirft leider wenig ab. Bislang hat Deutschland sehr gut davon gelebt, dass es die Welt mit Limousinen versorgte, bei denen eine makellose Ökobilanz zweitrangig war. Aber so ist es mit dem Abschied vom Patriarchat: Besser keine Arbeitsplätze als die falschen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 280 Beiträge
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1. reflexe
uksubs 29.09.2015
nicht jeder reflex gegen etwas von ihnen beudeutet auch, dass es wahr wäre, was dabei rauskommt. es wurde hier schon ohne rücksicht auf verluste, welcher art auch immer, getäuscht und betrogen, die gier war der motor. ob das in einem feministischen system gänzlich anders wäre, bleibt spekulativ. ich habe jedoch selten soviel dummheit zum thema gelesen wie eben jetzt. das verwundert sogar bei herrn fleischhauer
2.
rieberger 29.09.2015
Interessant, wie Geschlechterkampf und Betrug verknüpft werden. Als wäre Betrug eine männliche Domäne und Ehrlichkeit weiblich (grammatikalisch ist es ja so!). Es werden Thesen aufgestellt, die vom gesunden Menschenverstand her hanebüchen sind.
3. Aggression
dingodog 29.09.2015
Das Auto als das aggressiv männliche, der Verzicht darauf als das schwache Weibliche? Meine Folgerung daraus ist, dass der Kampf gegen das Auto nicht mehr lieb und nett geführt werden kann, sondern ebenso aggressiv, um sich den Lebensraum wieder zurück zu erobern.
4. Herrlich
Ultras 29.09.2015
Ein herrlich böser Artikel, sie sprechen mir aus der Seele, Herr Fleischhauer.
5. Der typische Dummfug von Herrn Fleischhauer
nikoniac 29.09.2015
"Früher galten PS und Hubraum als entscheidende Kennzahlen, heute zählt statt dem Beschleunigungsmoment der Schadstoffausstoß. Dessen Schädlichkeit ist zwar wie im Fall des Feinstaubs eher Glaubenssache denn Gewissheit. " Wer wissenschaftliche Fakten über gesundheitsschädliche Partikel ignoriert, kann das natürlich so sehen - Herr Fleischhauer. Die Autoindustrie erkennt oder ignoriert wissentlich die Zeichen der Zeit. Lieber noch schnell den Trend zu größeren Autos (SUVs) forcieren, um jetzt noch das Maximum an Profit herauszuholen. Dies entspricht offensichtlich wirklich der Denke der alten weißen Männer. Nur ist das sehr kurz gedacht. Mit allen Mitteln wird versucht, große schwere Autos vollgestopft mit unsinniger Tehcnik zu verkaufen, anstatt sich den zukünftigen Technologien zu widmen (deren Entwicklung man sich sogar vom Staat mitfinanzieren lässt). Leider lässt sich dabei die Regierung selbst einspannen und winkt Augenwischereien wie "Effizienzklassen" oder "Flottendurchschnitt" einfach durch. Bei letzterem werden sogar E-Cars mit Faktor zwei eingerechnet, obwohl diese quasi nicht verkauft werden. Das ganze Gebahren erinnert mich an die Musikindustrie mit aufkommenden Mp3 aus dem Internet oder die Stromkonzerne mit beginnenden Möglichkeiten, privat Strom einzuspreisen. Auch das sollte über Jahrzehnte mit allen Mitteln verhindert werden. Nur weiter so, dann werden in wenigen Jahren Hersteller wie Google, Apple oder andere aus Indien oder Asien mit attraktiven, kleinen, effizienten E-Cars kommen. Preis um die 10.000€, Reichweite 500km, voll vernetzt. Das Geheule wird groß sein, weil man es ja nicht hatte kommen sehen.... Mein Mitleid für VW hält sich insofern sehr in Grenzen, von den Mitarbeitern mal abgesehen.
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