Volkszählung in Deutschland Früher pfui, heute hui!

Deutschland will sich 2010 an der europaweit geplanten Volkszählung beteiligen. Heftige Proteste wie beim letzten Zensus 1987 werden aber nicht erwartet - die Gegner von damals sind zu Befürwortern geworden.

Von Moritz Küpper


Berlin - Ja, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig, sie könne sich noch an die vehementen Proteste erinnern: "Ich habe engagiert gegen diese Volkszählung gestritten." Die Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl in Berlin kommt gerade aus einer Sitzung. In Berlin tobt der Wahlkampf, doch von dem Beschluss der Bundesregierung, sich im Jahre 2010 an der europaweiten Volkszählung zu beteiligen, hat sie noch nicht viel gehört: "Ich weiß gar nicht, ob das ein Thema ist."

Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig: "Ideologische Kampfwelle"
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Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig: "Ideologische Kampfwelle"

Fast 20 Jahre nach der letzten offiziellen Volkszählung, werden in Deutschland wieder Bevölkerungsdaten erhoben. Für Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), auf dessen Ministerium die Initiative zurückgeht, ist es "eine lohnende und gebotene Investition, da ungenaue und unzuverlässige Daten zu kostspieligen Fehlplanungen und Fehlentscheidungen führen könnten". Auch Eichstädt-Bohlig begrüßt den Plan, ist neugierig auf "Zahlen aus der Bevölkerung und Wirtschaft".

Statt 82,5 Millionen Menschen, wie es die offizielle Statistik ausweist, könnten in Deutschland rund 1,3 Millionen weniger Bürger leben. "Diesen Trend haben wir bei einem Testversuch 2001 für die neue Methode herausgefunden", sagt Sabine Bechtold, Leiterin der Abteilung Wahlen, Bevölkerung, Bildung und Staat beim Statistischen Bundesamt. Es sei keine exakte Zahl, zeige aber deutlich, dass eine Neujustierung des Datenmaterials gebraucht werde.

Schlusslicht Deutschland

"Wenn wir 2010 an der EU-Volkszählungsrunde teilnehmen, sind die Daten aus Westdeutschland 23 Jahre, die aus Ostdeutschland gar 29 Jahre alt", rechnet die 50-jährige Statistikerin vor. Ein langer Zeitraum, in dem sich mit der Wiedervereinigung und darauffolgender Bevölkerungswanderung viel getan hat.

Im europäischen Vergleich ist das deutsche Datenmaterial einsames Schlusslicht: 2001, bei der letzten, alle zehn Jahre stattfindenden Zensusrunde haben alle EU-Mitgliedstaaten mit Ausnahme von Deutschland und Schweden ihre Bürger gezählt. Schweden hat die Volkszählung jedoch 2005 nachgeholt. "Damals hatte man wahrscheinlich Angst vor einer erneuten Debatte", vermutet Bechtold, "außerdem hat man im Kontext der Wiedervereinigung die hohen Kosten gescheut."

Rund 450 Millionen Euro soll das Vorhaben kosten. "Mit der konventionellen Methode hätten wir Kosten von rund 1,4 Milliarden Euro", sagt Bechtold, "unsere jetzige Methode ist nicht nur belastungsärmer für die Bevölkerung, sondern auch viel günstiger." Die konventionelle Befragung wurde 1987 durchgeführt, jeder Mensch sollte erfasst werden, Fragebögen wurden ausgeteilt.

Bedrohungszenarien à la "Big Brother" beschworen

"Wir Statistiker sprechen mittlerweile lieber von Zensus als von Volkszählung", erklärt Bechtold, "der alte Begriff stimmt einfach nicht mehr." Außerdem sei er auch emotional aufgeladen: In der Widerstandsdiskussion in den achtziger Jahren wurden Bedrohungsszenarien à la "Big Brother" beschworen. Zudem sorgte das Buch "Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus" von Götz Aly und Karl Heinz Roth für Aufsehen: Darin beschreiben die beiden Autoren, dass die NS-Vernichtungspolitik ohne die Erfassung der Daten nicht möglich gewesen wäre.

Mit der neuen Methode wird das Statistische Bundesamt dagegen die Daten der Meldebehörden mit denen der Bundesagentur für Arbeit abgleichen. Anhand eines von der EU noch zu veröffentlichenden Merkmalskatalogs soll dann neues Datenmaterial generiert werden. Darunter fallen Fragen nach Geburtsort und -land, Geschlecht, Familienstand und Staatsangehörigkeit. Rund anderthalb Jahre später könnte man mit den ersten Ergebnissen rechnen.

Zudem werden zehn Prozent der Bevölkerung, nach momentanen Schätzungen rund 7,2 Millionen Bürger, befragt. Auch die 17,5 Millionen Immobilienbesitzer bekommen einen Fragebogen. Hier wird nach Baujahr, Größe und Art der Wohnungen, Bad, Küche, Heizung gefragt werden.

"Wir sind nicht an Einzelfällen interessiert", sagt Bechtold, "wir wollen nur wissen, wie der Zustand der Bevölkerung ist." Einzeldaten werden auch nicht herausgegeben, nur aggregierte Zahlen verlassen die Behörde in Wiesbaden. Die Statistikerin rechnet heutzutage nicht mehr mit großem Widerstand: "Wir erwarten nicht mehr diese heftigen Reaktionen wie damals." Schließlich sei auch der Umgang der Bevölkerung ein anderer geworden, die Leute gäben viel bereitwilliger Auskunft. "Das liegt auch daran, dass der Datenschutz sich entwickelt hat", sagt Bechtold. Die Proteste von damals und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die ursprünglich geplante Zählung 1983 verboten hatte, hätten "dem Datenschutz enorme Impulse gegeben", wie Bechtold sagt.

Datenschutz bei Volkszählung gewährleistet

So hat auch der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, gegen die jetzige Methode "grundsätzlich nichts einzuwenden". Er werde jedoch sorgfältig darauf achten, dass die Grundsätze eingehalten werden, die das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil 1983 zum Schutz des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung aufgestellt habe, so Schaar. Dabei spielt der Datenschutz auch für das Statistische Bundesamt eine wichtige Rolle: "Der Bürger ist nur dann ehrlich", sagt Bechtold, "wenn er weiß, dass der Umgang mit seinen Daten vertrauensvoll ist."

Argumente, die auch die ehemaligen Gegner überzeugen: "Damals war ich der Meinung, dass der Bürger so nicht ausgehorcht werden darf", sagt Eichstädt-Bohlig, "aber heute können wir das Ganze gelassener sehen." Sie glaubt nicht, dass der Beschluss im grünen Milieu Angst und Proteste hervorrufen wird. "Damals hatte es eine gewisse Berechtigung", behauptet sie, "aber heute wäre das eine ideologische Kampfwelle, die nicht angemessen wäre."

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