Vollverschleierung im Bürgeramt "Der Anblick einer Burka erschreckt mich"

Vollverschleiert im Büro? Erstmals wurde in Deutschland publik, dass eine Angestellte im Öffentlichen Dienst eine Burka tragen will. Sie arbeitet im Frankfurter Bürgeramt. Der Stoff-Streit ist voll entbrannt.

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Vollverschleierte Frau: Streit um Angestellte in Frankfurt
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Vollverschleierte Frau: Streit um Angestellte in Frankfurt


Berlin - Eine Frau sitzt am Schreibtisch, man kann ihr Gesicht nicht sehen, die Augen nur erahnen. Ein Schleier verhüllt ihren ganzen Körper. Interessierte Bürger kommen, sie haben Fragen an die Frau, die nicht zu erkennen ist.

Die Geschichte klingt skurril - tatsächlich aber muss sich die Stadtverwaltung in Frankfurt am Main seit Tagen mit genau diesem Fall herumschlagen. Eine 39-Jährige Deutsche marokkanischer Abstammung hat angekündigt, vollverschleiert aus ihrer Elternzeit an ihren Arbeitsplatz im Bürgeramt zurückzukehren - ob in blauer Burka oder schwarzem Niqab mit Augenschlitz ist nicht bekannt.

Für ihre Kollegen kam der Vorstoß überraschend: Die Frau arbeitete bereits seit Jahren in dem Amt, trug ein Kopftuch, galt als vorbildlich integriert und zuverlässig. Dann soll sie einen strenggläubigen Mann geheiratet haben, so steht es in Zeitungsberichten. Jetzt fordert die Muslima angeblich von ihrem Arbeitgeber eine Abfindung.

Der nämlich will die Ganzkörperverhüllung im Bürgerbüro auf keinen Fall erlauben - der zuständige Personaldezernent aus Frankfurt erklärte: "Unsere Mitarbeiter zeigen ihr Gesicht." Die 39-Jährige müsse unverschleiert erscheinen, ein Kopftuch werde allerdings akzeptiert. Die hessische Landesregierung kündigte einen Erlass an, in dem Beamten und Beschäftigten des Landes das Tragen eines Ganzkörperschleiers während der Dienstzeit verboten werden soll. Bei den Parteien herrscht Einhelligkeit: Die in der Stadt Frankfurt mitregierenden Grünen erklärten, den Streit notfalls auch vor dem Bundesverfassungsgericht auszutragen.

Die Debatte um ein Verbot der Vollverschleierung ist voll entbrannt: Frankreich und Belgien haben ein Burka-Verbot für die Öffentlichkeit erlassen, auch einige deutsche Politiker forderten das in der Vergangenheit. Kritiker sprachen von einer "Symboldebatte". Die Zahl der Burka-Trägerinnen sei in Deutschland verschwindend gering.

Tatsächlich wurde noch nie ein Fall wie der aus Frankfurt bekannt. Wie also jetzt umgehen mit der Burka im Büro?

Muslim-Vertreter kritisieren den Vorstoß der Burka-Trägerin

Muslimische Vertreter verurteilen den Vorstoß der Frankfurter Muslima: "Wir sind irritiert über das Verhalten der Frau und akzeptieren das nicht", sagt die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime Nurhan Soykan. Ihr Verband trete für Selbstbestimmung ein, aber der Vorstoß zur Vollverschleierung sei kontraproduktiv und "erzeugt größeres Misstrauen gegen junge Musliminnen, die den Berufseinstieg mit Kopftuch wagen", so Soykan. Ein Verbot lehnt sie aber ab: "Es handelt sich in Frankfurt um einen Einzelfall, und hier wird man auch ohne Verbot eine Lösung finden."

Ähnlich äußert sich Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats: "Diese Frau schadet mit ihrer Forderung den Muslimen." Die Mehrheit der Gläubigen teile ihre Auffassung nicht, dass der Islam eine Vollverschleierung vorschreibe. "Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen im Bürgeramt das Gesicht der Mitarbeiterin sehen müssen", so Kizilkaya.

"Es darf nicht sein, dass in einer städtischen Behörde eine Frau arbeitet, die keine Persönlichkeit hat, weil sie vollverschleiert ist", sagt der FDP-Politiker Serkan Tören. Das verstoße gegen die Gesellschaftsordnung und gegen das Gebot der staatlichen Neutralität. Für ihn zeigt der Fall in Frankfurt, dass ein grundsätzliches Verbot des Vollschleiers in der Öffentlichkeit her muss, damit es auch bei privatrechtlichen Beziehungen eine Handhabe gebe. "Dann haben wir eine klare Linie", sagt er. Burka und Niqab verstießen gegen die Menschenwürde und die Gleichbehandlung von Mann und Frau.

Eine grundsätzliche Haltung formuliert der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu ("Kanak Sprak", "Leyla"), einst Mitglied der Islamkonferenz des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble: "Um es kurz zu machen: Eine Burka in Deutschland zu tragen, gehört sich einfach nicht", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Ein solches blickdichtes Stoffzelt ist eine extreme Art der Vermummung. Der Anblick der Burka erschreckt mich." Es sei für Muslime ein Gebot der Ziemlichkeit, auf den Ganzkörperschleier zu verzichten. "Denn es ist bekannt, dass er in Deutschland eine große Provokation darstellt", so Zaimoglu. Er warnt aber davor, sich bei dieser Diskussion auf die Frauen zu stürzen und sie "für blöd zu erklären". Man müsse die Männer dahinter angehen, sagt der Schriftsteller.

Wie der Streit in Frankfurt ausgeht, ist noch völlig offen. Am vergangenen Dienstag wäre der erste Arbeitstag der aus Marokko stammenden Bürgeramtsmitarbeiterin nach der Babypause gewesen. Aber die 39-Jährige kam nicht - ihr Anwalt und die Stadtverwaltung hatten beschlossen, sie solle lieber zu Hause bleiben. Zu viele Reporter, zu viele Kameras, zu groß das mediale Interesse.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 399 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 02.02.2011
1. Ganz klar...
Zitat von sysopVollverschleiert im Büro? Erstmals wurde in Deutschland publik, dass eine Angestellte im Öffentlichen Dienst eine Burka tragen will. Sie arbeitet im Frankfurter Bürgeramt. Der Stoff-Streit ist voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,743071,00.html
....es gibt kein Gesetz das der Frau das verbietet. Ein Gericht könnte zwar arbeitsrechlich urteilen, dass der Arbeitsplatz mit Publikumsverkehr verbunden ist, deshalb das Gesicht zu sehen sein muss...blablabla....alles nur Ausreden um ein Gesetz wie in Frankreich zu vermeiden. Worüber wir uns jetzt aufregen wird in 20 Jahren die Regel wenn nicht gar Pflicht sein....also ich lass mir schon mal n Bart wachsen und übe das Turbanbinden.
Porgy, 02.02.2011
2. Und Männer?
Zitat von sysopVollverschleiert im Büro? Erstmals wurde in Deutschland publik, dass eine Angestellte im Öffentlichen Dienst eine Burka tragen will. Sie arbeitet im Frankfurter Bürgeramt. Der Stoff-Streit ist voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,743071,00.html
Vielleicht sollten mal Männer auf Gleichberechtigung bestehen und auch eine Burka bei der Arbeit tragen. Gleiches Recht für alle!
quadraginti, 02.02.2011
3. Datenschutz
In einer Zeit, wo in Zeitungen zunehmend die Bilder von Personen durch einen schwarzen Balken unkenntlich gemacht werden; wo es schon Lehrern "wegen dem Datenschutz" verboten ist, Einträge ins Klassenbuch zu machen, ist die *Burka doch eine Super-Garantie für echten Datenschutz.* Deshalb: Burka für alle!
quadraginti, 02.02.2011
4. Datenschutz
In einer Zeit, wo in Zeitungen zunehmend die Bilder von Personen durch einen schwarzen Balken unkenntlich gemacht werden; wo es schon Lehrern "wegen dem Datenschutz" verboten ist, Einträge ins Klassenbuch zu machen, ist die *Burka doch eine Super-Garantie für echten Datenschutz.* Deshalb: Burka für alle!
amw52, 02.02.2011
5. Nanu...
Zitat von sysopVollverschleiert im Büro? Erstmals wurde in Deutschland publik, dass eine Angestellte im Öffentlichen Dienst eine Burka tragen will. Sie arbeitet im Frankfurter Bürgeramt. Der Stoff-Streit ist voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,743071,00.html
Vor kurzem hieß es doch noch mehr oder weniger übereinstimmend überall, daß es solche Probleme in Deutschland doch gar nicht gebe, noch jemals geben werde und sie lediglich die Erfindung anscheinend unbelehrbarer krankhafter Islamophober seien.
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