Afrikanische Flüchtlinge aus Italien: "Deutschland ist schuld, dass wir hier sind"

Von Theresa Breuer

SPIEGEL ONLINE

Italien soll Flüchtlingen aus Afrika 500 Euro Bargeld gegeben und sie aus dem Land geschickt haben: Dieser Vorwurf sorgt für Spannungen zwischen Rom und Berlin. Viele der Betroffenen leben jetzt in Hamburg auf der Straße - und sie sind wütend auf Deutschland.

Hamburg - Im alten Elbpark nahe der Reeperbahn hängen nasse Kleider über einer Parkbank und werden im Schatten einer Fichte nicht trocken. Vier T-Shirts, drei Paar Socken, eine Boxershorts - fein säuberlich nebeneinander gelegt. Das graue Sockenpaar in der Mitte gehört Nelson. Sein restliches Hab und Gut hat der 25-jährige Schwarzafrikaner in einem wasserdichten Müllbeutel verstaut. "Es regnet ja fast immer", sagt er. Seit zwei Monaten lebt Nelson hier gemeinsam mit sieben anderen Flüchtlingen aus Afrika.

Sie kommen aus Togo, Ghana, der Elfenbeinküste. Ihre Heimat hatten sie verlassen, um Arbeit in Libyen zu finden. Der Krieg 2011 trieb sie zur Flucht, übers Mittelmeer gelangten sie nach Italien, dort strandeten sie in Flüchtlingslagern. Anfang des Jahres hat Italien die Lager geschlossen, den Afrikanern einfach Geld und Schengen-Visa in die Hand gedrückt und ihnen nahegelegt, in andere EU-Staaten zu gehen.

"Sie sagten, ich solle damit (mit dem Geld und dem Visum, Anm. d. Red.) aus Italien ausreisen, nach Deutschland, Belgien, Holland oder Schweden", sagt Francis Kwame, einer der Flüchtlinge, SPIEGEL ONLINE.

Ein Skandal, der die italienischen Behörden dem Verdacht ausgesetzt hat, die Flüchtlinge gezielt durch die Geldzahlung nach Deutschland weggelockt zu haben. Diese Vorwürfe weist Italien zurück. Weder das Geld noch die Ausstellung der Visa seien nach EU-Gesetzen rechtswidrig, heißt es in einer Stellungnahme des italienischen Innenministeriums.

Auch das Bundesinnenministerium betont, dass es keinen Beleg dafür gebe, dass die Flüchtlinge von den italienischen Behörden nach der Auszahlung von 500 Euro explizit nach Deutschland geschickt worden seien. Ein solcher Zusammenhang sei auch in einer Mitteilung an die Ausländerbehörden über die italienische Flüchtlingspraxis nicht hergestellt worden.

Die Bundesregierung bewertet Roms Vorgehen dennoch kritisch - denn es laufe auf eine "Strapazierung des Geistes von Schengen" hinaus, hieß es im Innenministerium.

Ein Teil der Flüchtlinge lebt nun in Hamburg auf der Straße. Wie viele es sind, weiß niemand genau. Die Schätzungen schwanken zwischen 150 und 300.

Einige Hamburger zeigen Solidarität

Nelson kommt ursprünglich von der Elfenbeinküste. Er sagt, er habe in Libyen auf dem Bau gearbeitet, ein gutes Leben geführt. Als der Krieg ausbrach, konnte er nicht zurück an die Elfenbeinküste. Denn auch dort kommt es immer wieder zu Unruhen. Seine Mutter ist tot, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Nur seine Schwester lebt noch dort. Seit er in Hamburg ist, habe er nicht mehr mit ihr gesprochen. "Ich wollte nicht nach Europa", klagt Nelson, "aber ich musste ja vor dem Krieg fliehen."

Wenige Kilometer weiter, am Hamburger Hauptbahnhof, hat die Hilfsorganisation Karawane ein Zelt aufgestellt. Hier haben sich die Flüchtlinge organisiert, das Zelt dient als Büro. Rund 50 schwarzafrikanische Männer stehen in nächster Nähe und unterhalten sich miteinander oder mit neugierigen Passanten.

Eine blonde Frau Mitte 30 schiebt einen Kinderwagen vor die Zeltöffnung. "Ich wusste nicht, ob Sie eher gekochtes oder ungekochtes Essen brauchen", sagt sie zu den zwei Afrikanern, die dort sitzen, "aber ich habe jetzt mal gekochtes mitgebracht." Die Männer nehmen lächelnd eine Schüssel mit Reis entgegen. Die Frau schiebt auch noch zwei Brühwürfel über den Tisch. "Hier", sagt sie, "damit es besser schmeckt."

Einige Hamburger haben inzwischen Anteil am Schicksal der Afrikaner genommen, bringen Essen und Schlafsäcke vorbei. Auch eine Schulklasse ist gekommen. Die Schüler sind selbst Migranten, sie sind erst in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland gekommen, viele ohne Begleitung. "Ich weiß, wie sie sich fühlen", sagt Lara aus der Türkei, "mir ging es ja auch so."

Flüchtlinge sehen Deutschland in der Verantwortung

Im Zelt sitzt der Flüchtling Affo Tchassei, er tritt seit ein paar Tagen als Sprecher der Gruppe auf. "Die EU spielt ein Spiel mit uns", sagt er. "Italien schickt uns nach Deutschland, und Deutschland sagt, wir sollen zurück nach Italien gehen." Er wolle, dass dieses Spiel aufhöre.

"Wir sind spezielle Flüchtlinge", sagt Tchassei, "weil die EU unser Problem überhaupt erst geschaffen hat." Er spricht vom Krieg in Libyen, von den Angriffen der Nato, "den Bomben im Namen der Demokratie", die sie erst gezwungen hätten, Libyen zu verlassen. Da auch Deutschland Nato-Mitglied sei, trage das Land ebenso viel Verantwortung wie Italien. "Deutschland ist schuld, dass wir hier sind." So sehen das viele der Flüchtlinge in Hamburg.

Früher oder später müssen die Flüchtlinge jedoch nach Italien zurück - so will es das Gesetz. Das Asylrecht in der EU ist so geregelt, dass Flüchtlinge in dem Land Asyl beantragen müssen, in das sie zuerst eingereist sind. Die Schengen-Visa der Afrikaner gelten nur für drei Monate, wer sich über die Zeit hinaus in Deutschland aufhält, ist illegal hier.

Noch gibt es keine Unterkünfte für die Männer

Die Stadt Hamburg hat sich bislang wenig um die Flüchtlinge gekümmert. Erst seit das Schicksal der Afrikaner Anfang der Woche an die Öffentlichkeit gelangt ist, bemühen sich die Behörden um eine Lösung. Dirk Hauer von der Diakonie Hamburg erwägt zurzeit mit der Sozialbehörde diverse Unterkünfte. Im Gespräch sei etwa die Turnhalle einer Schule in Langenhorn. "Wir hoffen, dass wir noch an diesem Wochenende eine Lösung präsentieren können", so Hauer zu SPIEGEL ONLINE.

Bis sich die Stadt auf eine Unterkunft geeinigt hat, wird Nelson weiter auf Hamburgs Straßen leben. Wo er diese Nacht schlafen wird, weiß er noch nicht. Zelten im Elbpark können er und die anderen Männer jedenfalls nicht mehr. Die Polizei hat es ihnen verboten.

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