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Von Obama lernen: Die Angst deutscher Wahlkämpfer vor dem "Yes we can!"

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Barack Obamas furioser Wahlkampf hat auch die deutsche Polit-Szene angesteckt. Auf einer Konferenz in Berlin berieten Strategen und Politiker, welche Tricks sie für den Bundestagswahlkampf kopieren können.

Berlin - Es ist nicht ganz klar, wie denn nun die Regel lautet. Ein Konferenzteilnehmer nimmt das Wort "Obama" in den Mund, pausiert und lächelt: "Jetzt habe ich es also auch hinter mir. Ich habe gehört, die Regel heute ist, jeder muss einmal über Obama sprechen." Die Zuhörer schmunzeln, seine Nachbarin auf dem Podium korrigiert: "Nein, jeder darf nur einmal über Obama reden". Noch mehr Lacher.

Am Pariser Platz, nur ein paar Schritte vom Deutschen Bundestag entfernt, hat die Bertelsmann Stiftung Politiker und Politikberater zur Austausch über "Strategische Politik" geladen – und kurz vor dem Start des Bundestagswahlkampfs drehen sich die Diskussionen immer wieder um den politischen Rockstar aus den USA und dessen Tricks.

Die versammelten Polit-Profis reden über "grass-roots efforts" und "consumer generated campaigns", "www.whitehouse.gov", die vom Obama-Team neu gestaltete Website des Weißen Hauses, wird so selbstverständlich zitiert, als habe das Konferenzpublikum sie längst als Internet-Startseite gespeichert.

Doch dann steht ein Mann am Rednerpult, den das alles eher unberührt zu lassen scheint. Es ist Thomas de Maizière, als Chef des Bundeskanzleramtes so nah dran am bevorstehenden Kanzlerinnen-Wahlkampf wie kaum jemand sonst. Sicher, auch de Maizière ist der Schwung der Obama-Kampagne nicht entgangen. Dass Hunderttausende sich vom Ruf nach Wandel anfeuern lassen, das findet er schon beeindruckend, auch er lobt die Verschmelzung von Fakten und Gefühl. Doch Vorbild für Deutschland? Da spricht de Maizière lange von den Besonderheiten der politischen Kultur eines Landes, von der Notwendigkeit der "Plausibilität" politischer Argumente, von der Abstimmung in parteiinternen Prozessen.

Deutsche entzaubern das "Yes, we can!"

Es ist eine sehr nüchterne, eine sehr deutsche Entzauberung jeglichen "Yes we can!"-Übermuts für den kommenden Bundestagswahlkampf. Die Polit-Profis im Publikum lauschen aufmerksam. Schließlich kämpfen auch sie mit der Frage, wie sehr im Jahr 1 nach der Obama-Revolution deren Früchte den bundesrepublikanischen Urnengang beeinflussen könnten.

Denn zwar ist die Inspiration der hiesigen politischen Klasse schwer zu übersehen. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil lässt seine Parteifreunde bei Sitzungen "Yes, we can!" skandieren (deren Antwort kann man bislang freilich noch kaum hören). Thorsten Schäfer-Gümbel und Roland Koch "twittern" im Hessen-Wahlkampf wie ein Obama. Bücher werben für eine neue Aufbruchstimmung in der Politik, Hauptstadt-Journalist Robin Mishra verspricht in seinem Werk gar: "Wie ich lernte, die Politiker zu lieben". Höchstrangige deutsche Regierungsvertreter schwärmen bei Besuchen in Washington in vertraulicher Runde von Obamas Wahlkampf – und verraten, dass sie höchstpersönlich dessen professionell gemachte Rundmails anklicken.

Auf die Nachfrage, ob sie denn für den bundesdeutschen Wahlkampf etwas kopieren wollten, fügen sie freilich fast erschrocken hinzu: "Wir kopieren gar nichts." Die Hürden dafür sind offensichtlich und hinlänglich bekannt: Unterschiedliche Wahlsysteme und Budgets, verschiedene Standards bei Datenschutz und Direktmarketing, eine andere Medienlandschaft, die divergierende Gewichtung von Parteien und Personen. De Maizière empfiehlt den Polit-Strategen bei der Berliner Konferenz, Rat oder Ideen immer auch in die Parteien einzuspeisen, denn die seien nun einmal für die politische Mobilisierung nach wie vor am wichtigsten. Obamas Bewegung trugen aber gerade viele Menschen, die politisch vorher nie aktiv waren – auch sonst sind die Parteistrukturen in den USA weit weniger etabliert.

Und dann sind da noch die Unterschiede in puncto Strategie und Beratung. Matthias Machnig, einst für die legendäre "Kampa" der SPD 1998 zuständig, sagt: "Ich sehe keinen David Axelrod in Deutschland, ich sehe keinen David Plouffe" – Axelrod und Plouffe waren die beiden Chefstrategen in Obamas Wahlkampfteam. Schlimmer noch: Machnig erkennt hierzulande keine strategische Kultur, keine Markenbildung, wie sie Obama so "fulminant" hinbekommen habe. "Das gibt es bei uns nicht. Oder jemand wie Gerhard Schröder handelt einfach und erklärt sein Handeln später zu einer Strategie, wenn es geklappt hat."

Was lässt sich übernehmen von den Obama-Festspielen?

Hinzu kommen für die nächsten Monate Schwierigkeiten, die selbst den Obama-Profis Kommunikation derzeit nicht leicht macht: Die Wirtschaftskrise vor allem. "Auf einer Titelseite habe ich gerade eine große Schlagzeile über den Streit um den Hartz IV-Regelsatz für Kinder gesehen. Klein in der Ecke stand, dass wir das 50 Milliarden-Dollar-Konjunkturpaket verabschiedet haben", klagt ein Regierungsvertreter. "Die 211 Euro von Hartz IV kann jeder verstehen, die 50 Milliarden niemand. Was wir derzeit tun, ist kaum noch vermittelbar."

Kann also gar nichts übernommen werden von den Obama-Festspielen? Doch, sagen selbst Skeptiker wie de Maizière. Der gewiefte Einsatz des Internets etwa: Die SPD hat gerade ihre Website überarbeitet, die Grünen blasen zur Online-Mobilmachung. "Wir haben die Internet-affinsten Wähler. 80 Prozent von ihnen sind im Internet aktiv", sagt Malte Spitz vom Bundesvorstand der Grünen. Die FDP bietet auf YouTube längst "TV Liberal", die Christdemokraten kontern mit "CDU TV".

Vielleicht ist es auch besser, sich auf solche Maßnahmen zu beschränken – statt einen neuen Politikstil in Deutschland zu erwarten, trotz eines gänzlich anderen politischen Systems. "Tut bitte nicht so", warnt Evelyn Roll in der "Süddeutschen Zeitung" deutsche Wahlkämpfer vor der Versuchung, sich als Duellanten im US-Format zu gerieren. Claus Leggewie von der Universität Gießen ermahnt seine Konferenz-Mitdiskutanten in Berlin ebenfalls, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Zwar sei angesichts der derzeitigen Herausforderungen wieder mehr politische Führungsstärke gefragt. Doch ein "Yes, we can"-Stil im bevorstehenden Duell zwischen der Physikerin Angela Merkel und dem Ex-Beamten Frank-Walter-Steinmeier?

"Vergessen Sie Obama", ruft Leggewie. "Es lässt sich einfach nicht übertragen. Wir stehen vor einem ganz gewöhnlichen Wahlkampf."

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