Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Protest gegen NPD-Fest: Straße des Widerstands

Von , Pasewalk

In Vorpommern hat die NPD vielerorts ein leichtes Spiel. Als sie ihr Pressefest in ein Dorf bei Pasewalk verlegte, rechnete sie mit wenig Widerstand. Doch es kam anders: Ein Theatermacher und ein Bürgermeister organisierten den Protest - und 2000 Menschen stellten sich den Rechten entgegen.

Protest in Vorpommern: Storch Heinar und die aufrechten Demokraten Fotos
DPA

Der Storch marschiert zu Blasmusik über die Landesstraße 321, die an diesem Samstag zwischen Pasewalk und Viereck zur "Demokratiemeile" geworden ist. Die Menschen, die entlang des Radweges stehen, kennen die Figur. Storch Heinar macht sich regelmäßig über Nazis lustig und ist zum Symbol des Widerstands gegen Rechtsextreme geworden. "Jetzt hat Storch Heinar die Möglichkeit, ein Spalier aufrechter Demokraten abzuschreiten", sagt sein Kompagnon und bedient sich des Vokabulars der Rechten, die sich rühmen, "aufrechte Demokraten" zu sein.

Julian Barlen leitet das Projekt Storch Heinar. Er sagt: "Storch Heinar versucht, den Leuten Mut zu machen." Das ist wichtig, wäre in Pasewalk aber gar nicht nötig gewesen. Denn als die "Deutsche Stimme", die Parteizeitung der NPD, ankündigte, ihr jährliches Pressefest auf einem privaten Grundstück bei Pasewalk zu veranstalten, formierte sich zum ersten Mal Widerstand in der Region Vorpommern.

Ein Bündnis aus Parteien, Kirchen und lokalen Kulturgruppen organisierte ein Marktplatzfest und die "Demokratiemeile", die sich mit Ständen und Büdchen über 3,5 Kilometer von Pasewalk nach Viereck zog. Dort soll das Fest der NPD stattfinden.

Zu den Protestaktionen hatte das neu gegründete Bündnis "Vorpommern: weltoffen, demokratisch und bunt!" aufgerufen, das unter anderem Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach angeschoben hatte. "Es gibt nicht viele positive Ergebnisse der letzten Kreisgebietsreform, aber die Solidarität ist gewachsen", sagte Dambach.

Von dem Plan eines dreitägigen Festes ist wenig geblieben

Die Neonazis betrachten Vorpommern als "national befreite Zone" und "nationalen Leuchtturm". Das sagte der NPD-Landtagsabgeordnete Enrico Hamisch 2008 der "Deutschen Stimme". Die Rechten hatten auf dem Festgelände in der Veranstaltung Konzerte organisiert, sie waren als private Veranstaltungen getarnt. Die Kameradschaften vor Ort verstehen sich als Speerspitze der Bewegung.

Zum Pressefest sollte drei Tage lang mit einschlägigen Bands gefeiert werden. Doch es gab Restriktionen: Der Veranstalter musste das Fest auf einen Tag verkürzen, der Schweinestall auf dem Gelände brannte, das Aufstellen von Zelten wurde verboten, die in der Szene beliebte Band "Lunikoff-Verschwörung" sagte kurz vor Beginn des Festes ab.

Draußen auf dem Radweg, der zum Fest-Gelände der Nazis führt, stehen am Mittag 2000 Menschen, die sich an den Händen fassen und den Nazis sagen wollen: "Wir schauen nicht weg." So stand es auf Postkarten, die vorher vom Aktionsbündnis in der Region verteilt worden sind.

Landtagsabgeordnete stehen zwischen anti-rassistischen Pasewalker Skinheads und jungen CDU-Karrieristen. Auch der Mensch im Storch-Heinar-Kostüm hat sich eingereiht. Die Region streckt sich. Am Himmel knattert der Polizeihelikopter. "Keine besonderen Vorkommnisse", heißt es bei der Polizei am Nachmittag. Die Autonomen des "Schwarzen Blocks" sind nicht angereist. 200 Beamte reichen aus.

Einer der linken Pasewalker Skinheads, schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzes Shirt, sagt später: "Es wäre schon schön gewesen, wenn hier ein paar mehr Schwarze aufgetaucht wären." Mit "Schwarze" meint er: Autonome. Er korrigiert sich dann aber schnell und sagt, dass es doch eigentlich auch ganz gut sei, denn so könne die Region zeigen, dass es eben nicht nur die üblichen "Krawalltouristen" sind, die hier auftauchen. Er ist ein bisschen stolz auf seinen Ort.

"Mensch, das war doch was"

Auf der "Demokratiemeile" bewegt sich die Menschenkette vom Radweg weg. Die Menschen stapfen durch das Gras am Straßenrand auf den Asphalt. Autos müssen bremsen. Der Sprecher des Aktionsbündnisses, Benno Plassmann, sagt: "Wir haben die Leute darauf hingewiesen, dass sie sich an die Gesetze halten sollen." Sie dürfen nicht den Weg zum Festgelände blockieren.

Benno Plassmann ist Theatermacher, er hat die Koordination des Protestes übernommen. Zu den Protestaktionen hatte das neu gegründete Bündnis "Vorpommern: weltoffen, demokratisch und bunt!" aufgerufen, das unter anderem Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach angeschoben hatte. Am 5. Juli trafen sich die ersten Menschen im Pasewalker Lokschuppen. 100 Leute waren gekommen. Irgendjemand gab das Protokoll der Gründungsversammlung mit Namen und Adressen an die Nazis weiter. Die Leute hatten Angst. Aber letztlich habe das die ganze Gruppe gestärkt, sagt Plassmann. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Bündnis an. Auf rund 1000 NPD-Anhänger aus dem gesamten Bundesgebiet kamen 2000 Demonstranten.

Mignon Schwenke, Landtagsabgeordnete für die Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern, sagt: "Solange ich hier in dieser Region lebe, ist das das erste Mal, dass die Menschen sagen: 'Wir wollen die hier nicht!'" Schon immer habe es langfristige Arbeit gegen Nazis gegeben, nun gebe es mit dem Pressefest einen konkreten Anlass für Protest.

Am Nachmittag schließlich blockiert die Menschenkette auf der Straße den Zufahrtsweg zum NPD-Fest, der Verkehr wird umgeleitet. An einer umgebauten Scheune treffen sich die Organisatoren des Protests. Sie sprechen über den Moment, als die Menschenkette sich formierte. Einer sagt: "Mensch, das war doch was!" Sein bärtiger Kollege nickt: "Ganzkörpergänsehaut!"

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Rechts und Rechtsextrem 2
coraccorioredannae 11.08.2012
Zitat von sysopDPAIn Vorpommern hat die NPD vielerorts ein leichtes Spiel. Als sie ihr Pressefest nach Viereck verlegte, rechnete sie mit wenig Widerstand. Doch es kam anders: Ein Bürgermeister organisierte den Protest - und 2000 Menschen stellten sich den Rechten entgegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,849567,00.html
Sehr geehrte Redaktion und Forenmitglieder, sie sollten beachten, wenn sie von rechtsradikalen schreiben, oder rechtsextremen, dann auch diese Wörter zu benutzen, und nicht das Wort "Rechts" oder "rechte Gedanken", "rechtes xyz". Ich bin es müde immer und immer wieder den gleichen Fehler zu bemerken, wenn eine Debatte über das Thema Rechtsextremismus entsteht. Würden denn die "Linken" es nicht auch verwerflich finden, wenn immer wieder von den linken Gedanken, linken Millieus usw gesprochen würde, obwohl linksextremes gemeint ist? Verehrte Forenteilnehmer, bitte bitte bitte sagen sie es weiter, das es so nicht geht und weisen sie andere darauf hin wenn sie diesen folgenschweren Fehler begehen. An dieser Stelle darf man nicht zu sprechfaul sein und das gemeinte Wort einfach abkürzen. So viel Genauigkeit muss sein sage ich. Man muss sich einmal vorstellen, welche Folgen diese kleine Faulheit hat. Alles "rechte" wird in den Schmutz gezogen.
2. Welcher Protest?
5XLBernd 11.08.2012
2000 Un-Rechte feiern ein Straßenfest und bieten den Rechten eine kostenlose Vorstellung.:) Das geht den Rechten am Ars... vorbei und bedanken sich für die genossene Aufmerksamkeit.
3. Unterschied
garagenrock 11.08.2012
Zitat von coraccorioredannaeSehr geehrte Redaktion und Forenmitglieder, sie sollten beachten, wenn sie von rechtsradikalen schreiben, oder rechtsextremen, dann auch diese Wörter zu benutzen, und nicht das Wort "Rechts" oder "rechte Gedanken", "rechtes xyz". Ich bin es müde immer und immer wieder den gleichen Fehler zu bemerken, wenn eine Debatte über das Thema Rechtsextremismus entsteht. Würden denn die "Linken" es nicht auch verwerflich finden, wenn immer wieder von den linken Gedanken, linken Millieus usw gesprochen würde, obwohl linksextremes gemeint ist? Verehrte Forenteilnehmer, bitte bitte bitte sagen sie es weiter, das es so nicht geht und weisen sie andere darauf hin wenn sie diesen folgenschweren Fehler begehen. An dieser Stelle darf man nicht zu sprechfaul sein und das gemeinte Wort einfach abkürzen. So viel Genauigkeit muss sein sage ich. Man muss sich einmal vorstellen, welche Folgen diese kleine Faulheit hat. Alles "rechte" wird in den Schmutz gezogen.
Es wäre nett, wenn Sie ein für alle Mal den genauen Unterschied zwischen rechts und rechtsextrem verdeutlichen könnten, dann würde es den Meisten etwas leichter fallen, das längere Wort zu verwenden, wenn es denn angebracht ist.
4. Respekt
Hein Penner 11.08.2012
Leute, ich bin stolz auf Euch, dass Ihr den Mut habt gegen diese rechten Dumpfbacken anzutreten. Finde ich echt klasse und wirklich auch sehr mutig. :-)
5. A. M.
erkaem 11.08.2012
Findet das nicht im Wahlkreis und in mehr oder weniger unmittelbarer Umgebung von Angela Merkels Wohnort statt ? Wenn ja, wo ist das Engagement unserer Kanzlerin ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




NPD - Partei der Schläger
Straftaten der NDP-Funktionäre
dapd

Das Bekanntwerden der Morde der Zwickauer Terrorzelle hat die Debatte über ein NPD-Verbot neu belebt. Die Rechtsextremisten dementieren zwar vehement jeden Kontakt zu dem Trio und distanzieren sich öffentlich von Gewalt. Doch unter den Funktionären sind verurteilte Hetzer und Schläger.
Patrick Wieschke, Bundesorganisationsleiter
Patrick Wieschke ist unter Apfel zum Bundesorganisationsleiter der NPD aufgestiegen - und gehört damit zum engsten Führungskader der Partei. Wieschke weiß, wie man sich in dieser Position äußern muss. "Diese Leute halten wir für Verbrecher", sagt er über das Terror-Trio des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Dabei stammt Wieschke aus dem Thüringer Heimatschutz, also demselben Neonazi-Netzwerk wie die drei militanten NSUler - und im August 2000 war er Anstifter eines Sprengstoffanschlags auf einen türkischen Imbiss in Eisenach. Ein Gericht verurteilte den heute 30-Jährigen unter anderem dafür zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Für seinen Parteichef Apfel ist das kein Problem: "Die Möglichkeit zur Resozialisierung", so doziert er, gehöre "zu den zentralen Grundsätzen demokratischer Rechtstaatlichkeit".
Stefan Köster, stellvertretender NPD-Fraktionschef in Schwerin
Stefan Köster, stellvertretender NPD-Fraktionschef in Schwerin, kommt auf dem Foto im Landtagsverzeichnis ganz harmlos daher - mit Nickelbrille und schwarzem Sakko. Dabei ist der heute 38-jährige gebürtige Dortmunder ein verurteilter Schläger. Der Schuldspruch des Amtsgerichts Itzehoe 2006 lautete: "gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung". Köster hatte 2004 mit anderen NPD-Kameraden am Rande einer Demonstration in Schleswig-Holstein eine junge Frau verprügelt, die am Boden lag. 2007 wandelte das Landgericht Itzehoe die Bewährungs- in eine Geldstrafe um. Köster und zwei weitere Verurteilte waren lediglich gegen das Strafmaß in Berufung gegangen, so dass der Richter dies als "geständnisgleich" bewerten konnte.
Udo Pastörs, stellvertretender Bundesvorsitzender
Anfang Februar hob der Landtag die Immunität von NPD-Fraktionschef Udo Pastörs auf - nicht zum ersten Mal. Die Prozedur ist die Voraussetzung für Ermittlungen. Pastörs, 59, hetzte im Januar 2010 im Landtag gegen die Opfer des Nationalsozialismus. Die Linksfraktion stellte Strafanzeige. Laut Sitzungsprotokoll hatte Pastörs von der "Vernichtung des jüdischen Bolschewismus" gesprochen und als "gute Idee" bezeichnet. Die Staatsanwaltschaft Schwerin erhob Anklage. In einem anderen Verfahren ist der NPD-Funktionär bereits durch mehrere Instanzen marschiert. 2009 hatte er sich auf einer Aschermittwochsveranstaltung abfällig über Türken und Juden geäußert. Unter anderem hatte er vom "Finanzgebäude dieser Judenrepublik" gesprochen und von "höchst gefährlichen Samenkanonen" gefaselt, die der "muselmanische" Mann immer bei sich trage. Das Landgericht Saarbrücken bestätigte 2010 eine Entscheidung des Amtgerichts, das Pastörs wegen Volksverhetzung zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und 6000 Euro Geldstrafe verurteilt hatte. Die Entscheidung des Landgerichts ist noch nicht rechtskräftig.
Tony Lomberg, NPD-Kandidat in Mecklenburg-Vorpommern
Tony Lomberg, NPD-Kandidat bei der letzten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, verurteilte das Amtsgericht Bergen auf Rügen im August 2011 wegen gefährlicher Körperverletzung zu 14 Monaten Haft auf Bewährung. Der 23-Jährige hatte mit einem Komplizen in Sassnitz auf drei junge Männer eingeprügelt - die Folge: Platzwunden, Rippenbrüche und Blutergüsse. Die Angreifer gaben an, dass die Opfer angeblich die Scheiben im Garten des Komplizen eingeschlagen hatten. Lomberg legte Berufung ein.
Heiko Brunthaler, NPD-Stadtrat in Sachsen-Anhalt
NPD-Stadtrat Heiko Brunthaler aus Sangerhausen hatte sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung vor Gericht verantworten. Das Amtsgericht verurteilte ihn zu 14 Monaten Haft auf Bewährung, wie die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet. Der 49-Jährige, der in Sangerhausen ein Tätowierstudio betreibt, sei im Februar und Mai vergangenen Jahres auf einen 20-Jährigen und den 48-jährigen Betreiber eines anderen Tätowierladens losgegangen und habe auf sie eingeschlagen, weil er gehört hatte, dass beide schlecht über ihn und sein Geschäft geredet hätten. Das Urteil ist laut "Mitteldeutscher Zeitung" rechtskräftig.
Safet Babic, Trierer NPD-Chef
Der Trierer NPD-Chef Safet Babic wurde im Dezember 2010 wegen gefährlicher Körperverletzung zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er war im Kommunalwahlkampf 2009 an einem Überfall auf einen damals 21-jährigen Studenten beteiligt, der NPD-Plakate abgerissen hatte. Babic legte Revision beim Bundesgerichtshof ein - und scheiterte. Das Urteil hatte Folgen für den Stadtrat von Trier: Das Gremium schloss ihn im September 2011 aus. Der Pressesprecher der NPD in Rheinland-Pfalz versucht sich seitdem gerichtlich gegen den Beschluss zu wehren.
Axel Thieme, Dortmunder NPD-Ratsherr
Axel Thieme, Dortmunder NPD-Ratsherr, darf sein Amt noch ausüben. Dabei sahen es die Richter des Dortmunder Amtsgerichts als erwiesen an, dass der 62-Jährige Ende August 2009 einem Teilnehmer des "Christopher-Street-Day" in der Stadt mit einem Faustschlag die Brille zertrümmerte. Der Student erlitt Verletzungen am Auge. Das Gericht verurteilte Thieme im Februar 2011 wegen Körperverletzung zu 1200 Euro Geldstrafe. Der Ratsvertreter berief sich auf Notwehr und legte Berufung ein.
Fotostrecke
NPD-Pressefest: Pasewalk stemmt sich gegen Neonazi-Invasion

Fotostrecke
NPD-Zentrale: Zu Besuch im braunsten Haus Deutschlands

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: