FDP-Spitzenkandidat Wirbel um "Stern"-Vorwürfe gegen Brüderle

Eine "Stern"-Reporterin wirft FDP-Fraktionschef Brüderle vor, sie mit unangemessenen Äußerungen bedrängt zu haben. Bei den Liberalen sorgt der Artikel für Empörung, mehrere Spitzenpolitiker kritisieren das Magazin scharf. Präsidiumsmitglied Hahn spricht von einem "Tabubruch".

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Brüderle am Mittwoch auf der Grünen Woche: Schutz von mehreren Parteifreunden
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Brüderle am Mittwoch auf der Grünen Woche: Schutz von mehreren Parteifreunden


Berlin - Der Bericht des "Sterns" trägt den Titel: "Der Herrenwitz". Er geht mitsamt Bildern über drei Seiten und sorgt in der FDP für Unmut und Empörung. Darin wirft eine Reporterin des Hamburger Magazins dem 67-jährigen Fraktionschef Rainer Brüderle, seit Montag Spitzenmann der FDP im Bundestagswahlkampf, Aufdringlichkeit vor.

In der FDP-Führung reagierten mehrere Spitzenpolitiker gegenüber SPIEGEL ONLINE erbost auf die Vorwürfe. "Es ist schade, auf welches Niveau der 'Stern' mittlerweile gesunken ist", sagte Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Schleswig-Holstein und Mitglied im Bundesvorstand der Partei. "Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten."

Es geht um einen Vorfall, der ein Jahr zurückliegt und der in dem Magazin aus Sicht der Reporterin geschildert wird. Es geht um Bemerkungen Brüderles, um unangemessene Äußerungen.

Die 29-jährige Journalistin Laura Himmelreich, Korrespondentin im Berliner Hauptstadtbüro des "Sterns", berichtet in der aktuellen Ausgabe des Magazins über eine Begegnung am 5. Januar 2012, dem Vorabend des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP in Stuttgart. Nach dem Ball, der wie jedes Jahr von der FDP im Hotel 'Maritim' abgehalten wird, standen Journalisten und Politiker an der Hotelbar zusammen. Himmelreichs Erinnerungen lesen sich so: Brüderles Blick wandert auf meinen Busen. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."
Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen."
"Herr Brüderle", sage ich, "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin."
"Politiker verfallen doch alle Journalistinnen", sagt er.
Ich sage: "Ich finde es besser, wir halten das hier professionell."
"Am Ende sind wir alle nur Menschen."

Am Ende des Artikels beschreibt die Reporterin, wie der Abend an der Stuttgarter Hotelbar zu Ende gegangen sein soll: Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: "Herr Brüderle!", ruft sie streng. Sie führt ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: "Das tut mir leid." Zu ihm sagt sie: "Zeit fürs Bett."

Erst kürzlich hatte SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Annett Meiritz im SPIEGEL über ähnliche Erfahrungen mit Mitgliedern der Piratenpartei berichtet.

Hahn und Hoff gegen den Stern

Brüderle selbst reagierte am Mittwoch nicht auf den "Stern"-Artikel. Neben Kubicki kritisierten aber auch andere FDP-Politiker den Bericht scharf. "Diese Geschichte ist ein Tabubruch. Wer es nötig hat, so etwas als 'Story' zu verkaufen, hat sich von seinem Chefredakteur vor den schmutzigen Karren spannen lassen", sagte FDP-Präsidiumsmitglied Jörg-Uwe Hahn. Kaum stehe Rainer Brüderle neben FDP-Chef Philipp Rösler auf der liberalen Lichtung, schon beginne der "Stern" mit Journalismus unter der Gürtellinie. "Ich war bei den angeblichen Vorgängen nicht dabei. Es kommt mir aber so vor, als versuche der 'Stern' eine große Schippe Dreck auf den liberalen Spitzenkandidaten zu werfen, und hofft dabei, dass schon irgendwas hängen bleibt. Das ist Journalismus unter der Gürtellinie."

Am Montag hatte sich Rösler in einem internen Machtkampf der FDP durchgesetzt und sich mit Brüderle auf eine Zweiteilung im Bundestagswahlkampf geeinigt: Er bleibt Parteichef, Brüderle soll bis zum Urnengang im September das "Gesicht der Partei" sein.

Elke Hoff, FDP-Präsidiumsmitglied und aus Brüderles Landesverband Rheinland-Pfalz, kritisierte den Artikel ebenfalls. "Wenn diese Art von Journalismus darauf abzielt, einen Menschen und seine Familie mit einem rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie zu beschädigen, hat er eine Wegmarke überschritten", sagte die Bundestagsabgeordnete. Diesen Stil sei man bisher nur von der britischen Boulevardpresse gewohnt. "Das wünsche ich mir ganz bestimmt nicht für unser Land."

Der "Stern" wiederum verteidigte auf seiner Onlineseite den Artikel und nannte ihn selbst einen "Tabubruch". Die Autoren schreiben, es sei "ein schmaler Grat". Es gehe nicht um "das gemeinsame Weinchen in entspannter Atmosphäre", das sei allen gegönnt, auch Rainer Brüderle. "Aber es geht darum, auf welcher Basis sich Journalistinnen und Politiker begegnen", so der "Stern". "Es ist eine Frage des Respekts, den man sich gegenseitig entgegenbringen sollte, egal welchen Alters, egal welchen Geschlechts."

Die "Stern"-Chefredaktion war am Mittwoch zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Am Donnerstag verteidigte Thomas Osterkorn, einer der beiden Chefredakteure, auf stern.de die Veröffentlichung: "Der erste Eindruck, den Laura Himmelreich vor einem Jahr von Brüderles Umgang mit Frauen gewonnen hatte, bestätigte sich im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen. Ich halte unsere Berichterstattung deshalb für legitim. Denn es scheint ein wiederkehrendes Verhalten von Brüderle zu sein. Was ihm jetzt nur nicht gefällt, ist, dass darüber berichtet wird."

Der Verein Pro Quote, ein Zusammenschluss von Journalisten, unterstütze den Artikel. In einem Tweet twitterte der Verein: "Endlich berichten Journalistinnen über übergriffige Politiker. Solche Übergriffe sind Ausnahmen, Sexismus bleibt Alltag."

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