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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: "Prantl-Gate"

Eine Kolumne von

Die "Süddeutsche Zeitung" entschuldigt sich bei ihren Lesern für einen Text ihres Innenpolitikchefs, sogar von Schreibverbot war die Rede. Und das alles wegen eines Halbsatzes, den der Autor vergessen hat. Ein schönes Beispiel für die Erregungsbereitschaft der Medien.

Riesenskandal bei der "Süddeutschen": Innenpolitikchef Heribert Prantl hat in einer Geschichte beschrieben, wie es bei dem Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle in der Küche zugeht. Wer den Text las, konnte den Eindruck gewinnen, dass der Autor bei Voßkuhle eingeladen war, um den Salat zu putzen - dabei hatte er sich nur erzählen lassen, wie dort Salat geputzt wird.

Jetzt sind alle hinter dem Journalisten her, der eben noch zu den meistdekorierten seines Berufsstandes zählte. Von einem "gravierenden Fehler" ist die Rede und davon, dass man so etwas "nie, nie, nie" machen dürfe. Wie man hört, musste sich der Autor am Montag auf der Redaktionskonferenz der "SZ" rechtfertigen, sogar ein Schreibverbot für die renommierte "Seite drei" stand angeblich im Raum. Am Dienstag entschuldigte sich die Zeitung bei ihren Lesern. Es klang so, als hätte sich das Blatt einer schlimmen Täuschung schuldig gemacht. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand den Begriff "Prantl-Gate" in die Welt setzt, um den Skandal abzurunden.

Man kann Heribert Prantl einiges vorhalten. Man kann sich über die Zitathuberei lustig machen, mit der er seine Kommentare für die Fans in den Lehrerhaushalten bildungsbürgerlich höher legt. Man kann sich über seinen sonnigen Blick auf alle Irregeleiteten dieser Welt wundern, die bei ihm grundsätzlich Opfer der Verhältnisse sind, auch wenn sie gerade mit beiden Händen in der Ladenkasse erwischt wurden.

Man könnte auch seine Unterstützung der Bundesjustizministerin zum Thema machen. Soweit ich das sehe, hat er noch nie ein böses Wort über die gute Frau verloren, die gerade dabei ist, mit ihrem Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung die kostspieligste Ministerin Deutschlands zu werden. 315.036,54 Euro Bußgeld werden bald möglicherweise jeden Tag fällig werden, wenn Frau Leutheusser-Schnarrenberger nicht langsam auf EU-Linie einschwenkt; darauf hat die Kommission in Brüssel geklagt. Leider ist der Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung auch Prantls Steckenpferd.

Heiliger Ernst der Ethikräte

Aber all das steht gar nicht zur Debatte. Prantls Vergehen ist der Verzicht auf einen klärenden Satz, dass er nicht selbst die Kochgewohnheiten des Verfassungsgerichtspräsidenten beobachtet hat, die er dann in seinem Porträt beschrieb, sondern sich dabei auf den Bericht eines Abendgastes im Hause Voßkuhle verließ. Das ist so klein, dass es schon wieder komisch ist.

Normalerweise bringt man sich in Schwierigkeiten mit dem, was man schreibt, und nicht mit dem, was man nicht schreibt. Im deutschen Journalismus geht es auch andersherum, wie man sieht.

Schwer zu sagen, was anstrengender ist: die Erregungsgeschwindigkeit, mit der schon aus einem vergessenen Halbsatz ein Skandal wird, oder der heilige Ernst, mit der die Ethikräte anschließend an die Aufklärung gehen. Wenn man die Dinge gelassen sehen will, kann man den Standpunkt beziehen, dass diese Empörungsathletik unvermeidlich ist in einem Milieu, in dem viele Menschen davon leben, das Wohlverhalten anderer zu beurteilen.

Medienkritiker haben Konjunktur

Wer ständig mit Moral hantiert wie andere Leute mit Kartoffeln, sieht natürlich auch sofort die ethischen Grenzen gesprengt, wo tatsächlich nur ein Versehen vorliegt. Vielleicht sollte man die Sittenwächter gelegentlich daran erinnern, dass Journalisten nicht am offenen Herzen operieren, wo jeder Missgriff gravierende Folgen hat, sondern nur die richtigen Worte aufs Papier zu bringen versuchen. Aber das setzt vermutlich ein Maß an Bescheidenheit voraus, das sich mit dem Selbstanspruch der Branche, die vierte Gewalt im Lande zu sein, schlecht verträgt.

Harald Staun hat sich in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" gerade zu Recht über die Konjunktur der Krisendiagnostik gewundert, von der nicht nur ganze medienwissenschaftliche Fakultäten einträglich leben, sondern auch eine Reihe von Medienjournalisten, die ihren Kollegen hauptberuflich die Leviten lesen, wie er schreibt. Seit ich in den Medien bin, also seit etwa 25 Jahren, höre ich, dass es bergabgeht mit dem Gewerbe beziehungsweise Leuten wie mir das innere Geländer fehle. Der Journalismus erlebt seine ganz eigene Form der Apokalypse, das scheint eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Moralhypertrophie zu sein.

Tatsächlich gibt es wenig Grund, sich um den Qualitätsjournalismus Sorgen zu machen. Man kann sogar mit gutem Grund sagen, dass es um ihn heute deutlich besser bestellt ist als noch vor 20 Jahren. Wenn Unabhängigkeit und Distanz wichtige Kriterien sind, dann haben sich die Dinge jedenfalls eindeutig zum Positiven gewendet. Es ist noch nicht lang her, dass manche Politiker und Journalisten mediale Interessengemeinschaften bildeten, dass man sich duzte und gemeinsam in den Urlaub fuhr. Auf der Verabschiedung eines geschätzten Kollegen hat ein Vertreter dieses Duz-Korporatismus dafür die schöne Formel gefunden: "Nähe erspart Umwege."

Wer saß jetzt bei Voßkuhle am Tisch?

Die eigentliche Frage ist jetzt natürlich, wer bei Voßkuhle am Esstisch gesessen hat. Prantl hat auf Nachfrage gesagt, er habe die Küchenszene von einem "prominenten Teilnehmer". In der "Süddeutschen" läuft das Gerücht um, dass dieser Prominente ein mit Prantl bestens bekannter Anwalt sei.

Auch hier kann man Entwarnung geben: Der Anwalt lässt ausrichten, dass er noch nie bei Voßkuhle zum Essen eingeladen gewesen sei, er folglich über die Verteilung der Rollen bei der Zubereitung keine Auskunft geben könne. Hier besteht also noch dringender Aufklärungsbedarf.

PS.: Ich habe nachgesehen. Natürlich hat es "Prantl-Gate" schon als Wortschöpfung in die Öffentlichkeit geschafft, und zwar auf der Seite von Carta, dem "Autorenblog für digitale Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie". Wie man der Webseite entnehmen kann, wurde Carta 2009 mit dem Grimme Online Award für seine Bemühungen um den Qualitätsjournalismus ausgezeichnet.

So schließt sich der Kreis.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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1. Ungklärt: die Rolle von Herrn Voßkuhle
Humboldt 02.08.2012
Zitat von sysopDie "Süddeutsche Zeitung" entschuldigt sich bei ihren Lesern für einen Text ihres Innenpolitikchefs, sogar von Schreibverbot war die Rede. Und das alles wegen eines Halbsatzes, den der Autor vergessen hat. Ein schönes Beispiel für die Erregungsbereitschaft der Medien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,847807,00.html
...vielleicht kann man durch so eine Empörungsrethorik Herrn Prantl zukünftig besser von Seiten der Verlagsleitung steuern. Es ist alles beschämend, und mir ist leider auch die Rolle von unserem Herrn Verfassungsgerichtspräsidenten in der ganzen Sache schleierhaft. Ich habe den Artikel über Voßkuhle damals aufmerksam gelesen, und er war eher eine ausgewogene Hommage als indiskreter Schweinejournalismus (welchen ich bei Prantl auch nicht erwarte). Was sollte diese Gegendarstellung, Herr Voßkuhle?
2. hysterische Hexenjagd
antirechthaber 02.08.2012
Zitat von sysopDie "Süddeutsche Zeitung" entschuldigt sich bei ihren Lesern für einen Text ihres Innenpolitikchefs, sogar von Schreibverbot war die Rede. Und das alles wegen eines Halbsatzes, den der Autor vergessen hat. Ein schönes Beispiel für die Erregungsbereitschaft der Medien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,847807,00.html
So wenig ich sonst die meisten Artikel des Autors schätze, hier hat er meiner Meinung nach recht. Offenbar leben wir in einem Zeitalter der Hexenjäger. Immer mehr Leute lassen sich zu hysterischem und selbstgerechtem Pathos hinreißen - und die Medien bilden das natürlich am deutlichsten ab. Wahrscheinlich auf Grund der heuchlerischen Idee der "politischen Correctness" - die nichts anderes ist als Sprachdressur und als neuartiges Manipulationsinstrument gelten kann. Offenbar herrscht die Meinung vor, wenn eine bestimmte Wortwahl vermieden wird, beseitigt man auch den zugrunde liegenden Misstand. Dabei sollte sich sowieso jeder erstmal an die eigene Nase fassen. Und Leute die Lichteketten anzünden, dem Nachbarn aber die Tür vor der Nase zuschlagen, waren mir schon immer suspekt. Den Berufsstand des Kritikers wiederum halte ich für überflüssig - sogar demagogisch.
3. nicht der Aufregung wert
ergo_789 02.08.2012
Heribert Prantl wird meines Erachtens stark überschätzt. Trotzdem halte ich diesen Fehler für verzeihlich.
4.
DMenakker 02.08.2012
Der Artikel in der SZ war einfach nur ein amüsantes, aber eingehendes Porträt von Vosskuhle. Um die Behauptung zu verstehen, Prantl habe so getan, als ob er selbst eingeladen gewesen wäre, muss man den Artikel schon mal mit bösartigen GEdanken 2 oder 3 mal lesen. Ein typischer Sturm im sommerlöchrigen Wasserglas, wobei ich mir allerdings ein Grinsen, dass es gerade Mr. Oberlehrer Prantl erwischt hat, dennoch nicht ganz verkneifen kann.
5. 300.000 EUR pro Tag und die Meinung zu Vorratsdaten?
der_c 02.08.2012
Die Fakten sollten auch bei einem Kommentar, gerade bei Zahlenspielen, schon stimmen. Die 300.000 Euro am Tag sind im Jahr ca. 100 Mio Euro, zu denen es ja nicht gekommen ist. Diese Summe will die EU-Kommissarin Deutschland aufbrummen obwohl die EU berät das deren Richtlinie über das Ziel hinausschießt und eben diese zurückzunehmen. Das wäre aber eine Niederlage, also verzögert die Kommissarin da und weiß die Konservativen auf Ihrer Seite. Die und vieles an Daten- und Rechte-Verwertungskonzernen sind extrem unentspannt bei der Haltung von großen Teilen der FDP. Das es nicht die Ministerin ist sondern ihre Partei ist neben der potentiellen höchsten Schadenssumme, die viele Minister schon übertroffen haben und offensichtlicher verschwendet haben, wie bei der Maut, der zweite Teil für eine Richtigstellung. Das die Aufregung ansonsten nicht lohnt wurde erwähnt, aber nicht das sich jeder, wie der Autor hier, nun das Recht heraus nimmt trotz dessen nachzutreten.
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Jan Fleischhauer

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