Äußerungen zur Sexualität mit Kindern: Voßkuhle sagt Festrede für Cohn-Bendit ab

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Gerichtspräsident Voßkuhle: Äußerungen "in nicht unproblematischer Weise"

Die Vergangenheit holt Cohn-Bendit wieder ein: Deutschlands oberster Verfassungsrichter Voßkuhle kommt nicht zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an den Politiker. Der Grund: Der Grüne habe sich "in nicht unproblematischer Weise" zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geäußert. Ein "großer Fehler", wie dieser bereits eingestand.

Berlin/Stuttgart - Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle hat seine Festrede zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an den Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit abgesagt. Ein Sprecher des höchsten deutschen Gerichts bestätigte am Donnerstag einen entsprechenden Bericht der "Stuttgarter Nachrichten".

Grund dafür sei eine Veröffentlichung von 1975, in der sich Cohn-Bendit "in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern" geäußert habe. Das Bundesverfassungsgericht sei "in ganz besonderer Weise gehalten, jeden Anschein zu vermeiden, es würde solche Aussagen billigen", sagte der Sprecher.

In dem Buch "Le grand Bazard" ("Der große Basar") von 1975 hatte Cohn-Bendit, zeitweilig Erzieher in einem alternativen Frankfurter Kindergarten, auch seine damaligen Intimitäten mit Kindern beschrieben. Dort heißt es wörtlich: "Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen."

"Großer Fehler"

Cohn-Bendit stand wegen der Veröffentlichung wiederholt in der Kritik. In einem Interview mit dem SPIEGEL im April 2012 sagte Cohn-Bendit auf die Frage "Was waren die drei größten Dummheiten Ihres Lebens?": "Es gibt einen unsinnigen Text von mir in dem Buch "Der große Basar" von 1975. Ich schrieb über meine Erfahrung als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen, und das Thema Sexualität der Kinder wollte ich nicht ausklammern."

Er bezeichnet in dem Interview den Text als "großen Fehler". "Es sollte eine Provokation sein, aber heute muss ich sagen: Da hat einfach ein Korrektiv in mir nicht funktioniert. (...) Es tut mir leid."

Der Nachrichtenagentur dpa sagte Cohn-Bendit am Donnerstag: Das Buch müsse aus der Zeit heraus verstanden werden: "Wir hatten eine Zeit, die so was geduldet hat." Erst 16 Jahre später sei das Buch skandalisiert worden. Dass das Thema nun wieder aufkomme, nehme er "philosophisch": "So ist das Leben. Die Geschichte kann einen immer wieder einholen."

Die Zusage, die Festrede zu halten, hat Voßkuhle bereits ein Jahr zuvor gegeben, wie die "Stuttgarter Nachrichten" berichten. Dass Cohn-Bendit Preisträger sei, hat Voßkuhle laut Gericht erst zum Jahreswechsel 2012/2013 erfahren. Die Vereine Zartbitter und Wildwasser, die gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen kämpfen, kritisieren die Preisverleihung laut "Stuttgarter Nachrichten".

Stiftung hält an Preisträger fest

Die Verleihung des Heuss-Preises soll am 20. April im Neuen Schloss in Stuttgart stattfinden. Die Stiftung hält an ihrem Preisträger fest. Dem Grünen-Politiker gelinge es, "stets neue Wege in der Demokratie zu beschreiten". Dass der Preisträger wie andere Persönlichkeiten der 68er Generation eine umstrittene Biografie habe, sei bekannt.

Die Kuratoriumsvorsitzende Gesine Schwan sagte: "Die aktuell erneut vorgebrachten Vorwürfe des Missbrauchs von Kindern hält die Stiftung für unbegründet und ehrenrührig." Nach Überzeugung der Stiftung hat Cohn-Bendit im damaligen Frankfurter Kinderladen "nicht aktiv und auch nicht in instrumentalisierender oder missbräuchlicher Absicht gegenüber den Kindern gehandelt". Dies belege auch ein Brief der Eltern und Kinder aus dem "Kinderladen". Darin weisen sie den Verdacht des Missbrauchs entschieden zurück.

Ministerpräsident Kretschmann (Grüne), der formal dem Vorstand der Heuss-Stiftung angehört, sieht laut Regierungssprecher Rudi Hoogvliet "keinen Grund", den Preis für Cohn-Bendit in Frage zu stellen, berichtete das Blatt weiter.

Der Grünen-Politiker will der Stiftung dennoch anbieten, die Ehrung zurückzunehmen, falls ihr die Aufregung zu groß wird. "Ich würde das akzeptieren", sagte er.

heb/dpa

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