S.P.O.N. - Im Zweifel links Das Auto? Der Betrug!

Nicht nur Banken betrügen, auch die Industrie. Das zeigt der VW-Skandal. Deutschland hält sich eher ans Recht als das Ausland? Ein Irrtum. Guter Kapitalismus, böser Kapitalismus? Gibt's nicht. Nur die Notwendigkeit des starken Staates.

Eine Kolumne von


Das Auto. So lautet der Slogan von VW. Kurz, nur zwei Worte, sehr selbstbewusst. Jetzt kommen noch zwei Worte hinzu: Der Betrug. VW hat Millionen Autos verkauft, die mehr Abgase erzeugen als angegeben und erlaubt. Und damit das niemand merkt, hat VW diese Autos mit einem Computerprogramm versehen, dessen Zweck darin besteht, diesen Betrug zu verschleiern. VW ist nicht irgendein Unternehmen. Es ist - wegen seiner Geschichte, wegen seiner Größe und wegen seiner besonderen Aktionärsstruktur - das deutsche Unternehmen schlechthin. Wenn VW fehlgehen kann, dann kann ganz Deutschland fehlgehen. Darum trifft dieser Skandal das Herz des deutschen Selbstverständnisses.

Was ist das für ein Unternehmen, das seine Stärke - die Technologie - dafür einsetzt, Gesetze zu umgehen? Was sind das für Leute, die morgens zur Arbeit gehen, um das Recht zu brechen? Das ist kein Fehlverhalten Einzelner. Es ist das Vergehen eines Konzerns, dem die Maßstäbe abhandengekommen sind. Wenn das Verbrechen Teil des Berufs ist, dann darf man vom Berufsverbrechen sprechen. Und wenn die Kriminalität gut organisiert ist, dann darf man von organisierter Kriminalität sprechen.

Warum hat VW die Gesetze gebrochen? Aus Gier. Rund 600.000 Mitarbeiter, 200 Milliarden Euro Umsatz, 119 Fabriken - VW baut jedes achte auf der Welt ausgelieferte Auto. Und es muss immer weitergehen. Der amerikanische Börsenmakler Ivan Boesky sagte in den Achtzigerjahren vor Wirtschaftsstudenten in Berkely: "Übrigens, Gier ist völlig in Ordnung. Das sollten Sie wissen. Ich glaube, Gier ist gesund. Sie können gierig sein und sich immer noch gut fühlen."

Boesky wurde kurz danach von der Börsenaufsicht wegen Insidergeschäften festgenommen und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis und einer Strafe von 100 Millionen Dollar verurteilt. Oliver Stone hat ihm in der Figur des Gordon Gekko in seinem Film "Wall Street" ein ruhmloses Denkmal gesetzt.

Es gibt keinen Unterschied zwischen VW und Boesky.

Nach dem berühmten Lehman-Moment, jenem 15. September 2008, an dem der Zusammenbruch einer New Yorker Investmentbank Verwüstung über die internationale Finanzwelt brachte, gab es hierzulande einen kaum verhohlenen Stolz, einen deutschen Hochmut. Dort die Betrügereien und Winkelzüge der angelsächsischen Finanzwelt, hier das klare und ordentliche Regelwerk der deutschen Industrie. Und immer klang im Untergrund noch die berüchtigte Unterscheidung nach, die Joseph Goebbels einst in seiner Schrift "Das kleine ABC des Nationalsozialisten" zwischen dem "raffenden" und dem "schaffenden" Kapital gemacht hatte.

Aber das ist eine Selbsttäuschung. Die Idee, es gebe einen guten Kapitalismus und einen bösen, ist eine Illusion. Und eine irgendwie moralische Überlegenheit der Industrie gegenüber der Finanzindustrie anzunehmen ist naiv. Die Amoralität ist in der Idee der Firma an sich eingebaut. Menschen haben (vielleicht) Moral. Firmen nicht. Da liegt ein grundlegendes Missverständnis im modernen Kapitalismus.

Je größer, desto besser

In einem langen Artikel über Wirtschaftsethik hat der "Economist" einmal geschrieben: "Unternehmen, die lügen und betrügen, können nicht erwarten, lange im Geschäft zu sein, selbst wenn ihre Handlungen vom Gesetz gestattet sind." Wir wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. Aber so streuen sich die Gralshüter der liberalen Wirtschaftsideologie selbst Sand in die Augen.

Joel Bakan, der kanadische Jurist und Filmemacher, hat in seinem wichtigen Buch "The Corporation" darauf hingewiesen: Im 19. Jahrhundert hat das amerikanische Recht damit begonnen, Firmen wie handelnde Individuen zu betrachten. Im Deutschen wurde etwas später die Trennung in natürliche und juristische Personen vollzogen. Aber da gibt es eben einen erheblichen Unterschied. Natürliche Personen haben ein Gewissen - juristische nicht.

Menschen hadern mit ihrem Gewissen. Es quält sie. Sie wollen es beruhigen. Ohne Gewissen gibt es keine seelische Gesundheit. Ein Mensch ohne Gewissen fällt in den Bereich der Psychopathologie. Bakan hat die großen Konzerne darum als Psychopathen beschrieben. Was sind die Kennzeichen der psychopathischen Persönlichkeit? Sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme, erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl, pathologisches Lügen, betrügerisch-manipulatives Verhalten, Mangel an Schuldbewusstsein, Gefühlskälte, mangelnde Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Beschreibt das nicht perfekt das Wesen der großen Konzerne - je größer, desto besser? Und VW ist sehr groß.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 492 Beiträge
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Seite 1
marcw 24.09.2015
1.
Ahja, aber im Sozialismus wird nienicht betrogen und der "starke Staat" is immer gewissenhafter als die bösen bösen Kapitalisten?
kai_4711 24.09.2015
2. Die Regierung - Die Mitwirker
Ein guter Artikel. Nun haben wir aber rein zufällig auch noch Gesetze und eine Regierung. Diese Gesetze so zu schreiben, das die Gesundheit der Bevölkerung NICHT geschützt wird, und vielmehr den Wirtschaftsinteressen der Autokonzerne vertreten werden, das ist der eigentliche Skandal. Aktuell wird sich ja gegen realistische EU-Verbrauchstests in 2017 massiv seitens der Regierung gewehrt. Warum wohl ? Der Bürger und die Stickoxidbelastung in Großstädten wird ignoriert. Da muss erst Deutschland von der EU gerügt werden für massive Verletzungen der Luftqualität. Wo sind wir denn ? Die politische Dimension des "Mitgestaltens" der industriefreundlichen Gesetzte und der völlig untauglichen / nicht vorhandenen Kontrolle dieser wird jetzt offensichtlich. Das und die USA in Sachen Luftqualität für die Bevölkerung etwas vormachen ist schon peinlich.
Hilfskraft 24.09.2015
3. schlechte Luft
muss ja einen Grund haben, dass die Luft nicht besser wird. Was hat man nicht alles in meiner Stadt schon getan? Aufkleber auf die Windschutzscheiben, gegen Gebühren versteht sich.Umweltzonen eingerichtet, in denen niemand kontrolliert. Große teure Feinstaubmessstationen auf Kosten der Bürger.Warndienste, auf die niemand hört, eingerichtet. Trotzdem ist die Luft noch dreckiger als vor 10 Jahren.Man sieht es nicht nur an den Fensterscheiben. Jetzt kennen wir den Grund.Betrüger im Nadelstreifen mit Millionen auf Privatkonten, die mit Frau Bundeskanzlerin Geburtstag feiern, machen die Luft so dreckig, gefährden unsere Gesundheit, sorgen für immense Behandlungskosten. Man sollte jeden einzelnen in Grund und Boden klagen.
Gerd@Bundestag.de 24.09.2015
4. Die Lösung!
Leute kauft mehr Ladas und JiangNan, aus ökologischen, ethischen, völkerverbindenden und antikapitalistischen Gründen! Einfach des Gewissens wegen.
salsabiker 24.09.2015
5.
Wo ist der Unterschied für die Umwelt zwischen VW (11 Millionen Autos betroffen) und z.b der italienischen Müllmafia, die Asbest und andere Dinge in der Natur entsorgt ? Eigentlich gar keiner, beide verfolgen das gleiche Ziel, Gewinnmaximierung.
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