W-Lan-Mitschnitte Google erbost die Bundesregierung

Aufstand gegen Google: "Schwer erträglich" und "alarmierend" findet Verbraucherministerin Aigner eine riesige Datenpanne des Internetkonzerns. Jahrelang hat er private Daten aus offenen W-Lan-Netzen gespeichert. Jetzt verspricht er die rasche Löschung - doch die Regierung will es damit nicht bewenden lassen.

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Verbraucherschutzministerin Aigner: "Wie wichtig die Verschlüsselung privater Funknetze ist"
dpa

Verbraucherschutzministerin Aigner: "Wie wichtig die Verschlüsselung privater Funknetze ist"


Berlin - Schwere Panne bei Google: Im offiziellen Blog hat der Konzern eingestanden, für das Street-View-Projekt jahrelang und weltweit nicht nur Straßenzüge und Häuser fotografiert - sondern im Rahmen der W-Lan-Erfassung "versehentlich" auch sogenannte Nutzdaten ("payload") von nicht passwortgeschützten Funknetzen gespeichert zu haben. Zum Beispiel E-Mails oder Inhalte von abgerufenen Web-Seiten. Binnen vier Jahren sind so rund 600 Gigabyte an Daten aus offen zugänglichen W-Lan-Netzen gesammelt worden. Jetzt sollen sie schnell gelöscht werden, außerdem werden keine W-Lan-Daten mehr gesammelt. Doch der Bundesregierung reicht das nicht.

"Nach den uns bisher vorliegenden Informationen ist Google über Jahre offenbar illegal in private Datennetze eingedrungen", sagt Holger Eichele, Sprecher von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Der Vorgang sei "alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass Datenschutz für Google noch immer ein Fremdwort ist". Man werde diesen Fall "nicht auf sich beruhen lassen".

Google müsse endlich die Karten auf den Tisch legen, "welche Daten bei Street View erfasst, gespeichert, vernetzt und vermarktet werden", fordert Eichele. Die Regierung ist erbost, weil sich Aigner erst Ende April mit Googles Europa-Chef Philipp Schindler getroffen hat, um die kritischen Fragen beim Straßenfoto-Dienst Street View zu klären.

"Es ist befremdlich, wenn ein Konzern wie Google auf mehrfache Nachfrage einräumen muss, dass er selbst nicht weiß, welche Daten er von Bürgern gesammelt hat", so Ilse Aigner gegenüber SPIEGEL ONLINE: "In Anlehnung an einen Filmtitel könnte man sagen: Denn sie wissen nicht, was sie sammeln... "

Google: "Sehr großer Fehler"

Der Internetkonzern macht seit mehr als einem Jahr mit seinen Street-View-Autos Aufnahmen von deutschen Straßenzügen. Noch in diesem Jahr sollen die Bilder im Internet abrufbar sein. Tausende Deutsche haben dagegen protestiert, dass ihre Häuser, Gärten oder Wohnungen dann für jedermann sichtbar in dem Kartendienst sichtbar sind. Schindler gestand bei dem April-Treffen mit Aigner zu, dass Nutzer unbürokratisch per Unterschrift in ihren Rathäusern Einspruch erheben können: Das Unternehmen werde Sammel-Unterschriftenlisten aus Städten und Gemeinden akzeptieren. Solange nicht alle Einsprüche bearbeitet seien, werde man das deutsche Street View nicht freischalten.

Außerdem sprach das Ministerium damals schon mit Google über die Erfassung der W-Lan-Funknetze. Ergebnis laut Sprecher Eichele: Der Suchmaschinenbetreiber habe versichert, dass im Rahmen des Street-View-Projekts außer dem Namen des Netzwerkes und der eindeutigen Kennung des Routers keine weiteren W-Lan-Daten gespeichert würden. Ob auch der Verschlüsselungsstatus privater Funknetze erfasst wird, habe Google trotz Nachfragen nicht mitgeteilt.

Es blieben also Unklarheiten. Bis zu diesem Freitag - an dem Google per Blog an die Öffentlichkeit ging und seine Panne eingestand.

Das Mitschneiden der unverschlüsselten Nutzdaten sei ein "sehr großer Fehler" gewesen, sagte Google-Sprecher Kay Oberbeck SPIEGEL ONLINE. Weil der W-Lan-Empfänger der Street-View-Wagen aber fünfmal pro Sekunde den Funkkanal wechsele, handele es sich bei den fälschlicherweise erhobenen Informationen nur um nicht zusammenhängende Schnipsel. Noch dazu seien die Autos ständig in Bewegung, so dass allenfalls Fragmente belauscht worden seien.

Aigners Sprecher: "Schwer erträglich"

Aigners Sprecher Eichele findet die Informationspolitik von Google "schwer erträglich". Google müsse jetzt seiner Ankündigung Taten folgen lassen, Kontakt mit den zuständigen Behörden in den betroffenen Ländern aufzunehmen. Auch den deutschen Datenschutzbehörden gegenüber müsse offengelegt werden, welche Informationen gespeichert werden und wie die unzulässig erfassten Daten ungeschützter Funknetze gelöscht werden. Der Fall mache erneut deutlich, "wie wichtig die Verschlüsselung privater Funknetze ist".

Google weist darauf hin, dass die gesammelten Daten weder in der Suchmaschine noch in anderen Diensten verwendet wurden. Sie würden komplett gelöscht, sobald das Einverständnis der Regierungen der 30 betroffenen Länder vorliege.

Man sichert zu, bei der Löschung der W-Lan-Daten mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Unabhängige Experten sollten aber erst noch die Software überprüfen und sich ein Bild von den Daten machen, die erhoben wurden - und dann ihre ordnungsgemäße Vernichtung beobachten.

Mit Material von apn



Forum - Ist Street View ein Problem?
insgesamt 1160 Beiträge
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Seite 1
ekdotin 26.02.2010
1.
Zitat von sysopFühlen Sie sich von Googles Kamera-Autos in ihrer Privatsphäre bedroht? Oder sind die Straßenansichten ein nützlicher Dienst, die Fotos öffentlicher Orte unproblematisch?
Ich bin zu diesem Thema selbst noch hin- und hergerissen. Immerhin muß ich aber anerkennen, daß die Software inzwischen sehr gut dazu in der Lage ist, Nummernschilder und Gesichter unkenntlich zu machen. Wenn nun aber einer mit einem bunt angemalten Hippie-Bully oder auch nur auffälligen Klamotten unterwegs ist, helfen natürlich auch solche Maßnahmen nichts. Nein, eigentlich ist mir das zu viel Eingriff in die Privatsphäre. Wenn die Amis auf sowas Bock haben, bitteschön, vielleicht sollten wir Europäer das ausnahmsweise mal nicht kopieren.
superpuper 26.02.2010
2. Bedrohung
Ich, ganz persönlich, sehe in der Gesamtheit der Aktivitäten von Google eine größere Bedrohung der demokratischen Freiheiten als durch irgendwelche andere Terroristen. Agressives Geld, schnell verdient und dann sofort zur Eroberung neuer claims eingesetzt, dagegen kann sich ein kapitalistisches System kaum wehren, denn davon nährt es sich... Und kommt bloß nicht auf die Idee, einer Erfassung zu widersprechen. Nichts macht euch verdächtiger: Der hat was zu verbergen!
tobin 26.02.2010
3.
Also bei aller Liebe, tausende Firmen machen Fotos von öffentlich zugänglichen Plätzen. Und jetzt wo einmal alle was davon haben könnten verhindern das irgendwelche Politiker, die denken dass man die URL in die Google-Suchzeile einfügen muss und nicht wissen was ein Browser ist. Irgendwann reichts.
Politschlumpf 26.02.2010
4. Das Problem liegt woanders
Bislang war es stets erlaubt, vom öffentlichen Raum alles zu fotografieren, auch Personen, solange sie nur "Beiwerk" sind. Warum auch nicht, denn hier kann man auch sonst alles sehen. Es gibt auch schon seit Ewigkeiten Luftbilder, die nicht nur bei Google Maps veröffentlich werden. Selbst die Städte, die sich jetzt so bedroht fühlen, veröffentlichen solche Aufnahmen. Bestes Beispiel: Die Stadt Ratingen, die sogar eine Fotoabgabe erheben möchte, stellt auf ihrer Homepage 3-D-Ansichten zur Verfügung, und zwar ohne Schwärzung von Häusern oder Personen. Wenn jetzt gefordert wird, Google soll sich vorab von jedem Hausbesitzer eine Genehmigung holen, muss dies zwangsläufig auch für alle anderen Fotografen gelten. Für Kunstfotografen, Bildverlage, Journalisten, Kamerateams wird eine solche Regelung Existenz bedrohend sein. Vielleicht muss auch künftig jeder Tourist sich vorher eine Genehmigung einholen? Was für eine Bürokratie soll hier losgetreten werden, nur weil man neidisch auf einen Großkonzern ist? Und was ist mit den Millionen privater Fotos, die bereits im Netz stehen, und auf denen irgendwelches Privateigentum zu sehen ist. Man könnte die Sache weiterspinnen und sich fragen, ob überhaupt noch etwas fotografiert werden darf. Dies wäre wesentlich gefährlicher als Google, ein Angriff auf Pressefreiheit und Freizügigkeit und etwas, das es selbst in der DDR so nicht gab! Ganz davon abgesehen, dass der öffentliche Raum sowieso schon überwacht wird. Und zwar permanent: durch die Kameras jener kommunalen Kräfte, die sich jetzt ach so für Datenschutz einsetzen. Und wer Angst vor Datenpreisgabe hat, sollte sich am besten gar nicht ins Internet begeben.
Politschlumpf 26.02.2010
5. Das Problem liegt woanders
Bislang war es stets erlaubt, vom öffentlichen Raum alles zu fotografieren, auch Personen, solange sie nur "Beiwerk" sind. Warum auch nicht, denn hier kann man auch sonst alles sehen. Es gibt auch schon seit Ewigkeiten Luftbilder, die nicht nur bei Google Maps veröffentlich werden. Selbst die Städte, die sich jetzt so bedroht fühlen, veröffentlichen solche Aufnahmen. Bestes Beispiel: Die Stadt Ratingen, die sogar eine Fotoabgabe erheben möchte, stellt auf ihrer Homepage 3-D-Ansichten zur Verfügung, und zwar ohne Schwärzung von Häusern oder Personen. Wenn jetzt gefordert wird, Google soll sich vorab von jedem Hausbesitzer eine Genehmigung holen, muss dies zwangsläufig auch für alle anderen Fotografen gelten. Für Kunstfotografen, Bildverlage, Journalisten, Kamerateams wird eine solche Regelung Existenz bedrohend sein. Vielleicht muss auch künftig jeder Tourist sich vorher eine Genehmigung einholen? Was für eine Bürokratie soll hier losgetreten werden, nur weil man neidisch auf einen Großkonzern ist? Dies wäre wesentlich gefährlicher als Google, ein Angriff auf Pressefreiheit und Freizügigkeit und etwas, das es selbst in der DDR nicht gab! Ganz davon abgesehen, dass doch der öffentliche Raum sowieso schon überwacht wird. Und zwar permanent: durch die Kameras jener kommunalen Kräfte, die sich jetzt ach so für Datenschutz einsetzen.
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