Wachstum und Wohlstand Deutschlands Politiker suchen das Glück

Wann geht es dem Land gut? Wenn die Wirtschaft um drei Prozent wächst - oder wenn alle Menschen morgens mit einem Lachen ins Büro gehen? Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten will prüfen, ob in das Bruttoinlandsprodukt künftig auch ein Glücksfaktor einberechnet wird.

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dpa

Berlin - Vielleicht laden sie ja den König von Bhutan als Experten ein. Das kleine, südasiatische Land hat sich schließlich schon vor geraumer Zeit das "Bruttonationalglück" als Staatsziel in die Verfassung geschrieben. Und vor ein paar Jahren ließ der Jigme Khesar Namgyel Wangchuck Interviewer ausschwärmen, um seine Untertanen zu befragen, ob sie sich eigentlich wohl fühlen.

Die Bundestagsabgeordneten und Wissenschaftler, die in der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" zusammensitzen, könnten also etwas lernen vom Herrscher im "Land des Donnerdrachens". Was braucht ein Mensch zum Glück? Wann geht es ihm gut? Das sind die Fragen, die den Monarchen des kleinen Himalaya-Staates genauso umtreiben wie jetzt die deutschen Parlamentarier.

An diesem Montag traf sich die Runde aus 17 Abgeordneten aller Fraktionen und noch einmal so vielen Experten zum ersten Mal, um von nun an für den Rest der Legislaturperiode nach "Wegen zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" zu suchen. Mindestens einmal im Monat geht es darum, Alternativen zum klassischen Wachstumsmesser, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), zu finden. Im besten Fall soll am Ende ein neuer "ganzheitlicher Wohlstands- und Fortschrittsindikator" stehen.

Der Unfall hilft dem BIP - glücklich macht er nicht

"Dieser Indikator soll Richtschnur für die Politik werden, um zu zeigen, wo steht unsere Gesellschaft, geht es den Menschen besser oder schlechter", sagt die SPD-Politikerin Daniela Kolbe, die der neuen Glückskommission vorsitzt. Dabei soll eben nicht mehr nur die reine wirtschaftliche Entwicklung eine Rolle spielen, sondern "auch die subjektiv von den Menschen erfahrene Lebensqualität und Zufriedenheit".

Denn darüber sagt die Summe aller im Land produzierten Waren und Dienstleistungen nun mal nichts aus. Ein Mensch, der sein Auto bei einem Unfall zu Schrott fährt und dabei womöglich sich und andere verletzt, wird nämlich kaum glücklicher sein als vorher. Dem BIP hat er aber etwas Gutes getan, schließlich muss eine Werkstatt den Wagen reparieren, und die Ärzte verdienen an der körperlichen Wiederherstellung der Patienten. Ähnlich ist es mit Umweltkatastrophen: Die Ölpest im Golf von Mexiko verursachte zwar Milliardenschäden - um die zu beseitigen wurden jedoch wieder enorme Summen investiert. Das BIP freut sich.

Die Unwucht im Verhältnis von BIP und gesellschaftlichem Wohlgefühl haben Fachleute schon lange erkannt. So sind die Bundestagsabgeordneten bei ihrem Streben nach Glück nicht gerade Vorreiter. Im Gegenteil: Die Zweifel am BIP-Mythos gibt es schon seit den Siebzigern, vor einigen Jahren hat ein regelrechter Trend zur Suche nach einem neuen Wachstumsbegriff eingesetzt, auch weil Alternativen wie der "Human Development Index" der Uno oder der "Happy Planet Index" der New Economics Foundation" sich nicht als Wohlstandsregister durchsetzen konnten.

Deutschland als "Prekariat des Glücks"

Die EU-Kommission erklärte bereits schon vor Jahren, das BIP allein sei "nicht länger eine maßgebliche Größe des Wohlergehens", seitdem wird in der Europäischen Union nach anderen Fortschrittsmessern gesucht. Im Auftrag von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy haben die Starökonomen Joseph Stiglitz und Amartya Sen 2009 eine BIP-Generalkritik vorgelegt. Und Großbritanniens Premierminister David Cameron lässt derzeit Parameter für einen Glücksindex erarbeiten.

Auch hierzulande machen sich Politiker schon seit einiger Zeit Gedanken, warum die Deutschen trotz ordentlichem Wachstum vom Zukunftsforscher Matthias Horx schon mal als "Prekariat des Glücks" bezeichnet werden. Oder wie sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten trotzdem behaupten lässt, dass es dem Land doch irgendwie gut gehe. Kanzlerin Angela Merkel erklärte in ihrer jüngsten Neujahrsansprache: "Wohlergehen und Wohlstand - das heißt nicht nur 'mehr haben', sondern auch 'besser leben'."

Solche schönen Sätze sollen die Glücksritter des Bundestages nun mit Leben füllen. Einfach wird das nicht, der Auftrag, wirtschaftliche Aspekte mit sozialen und ökologischen zusammenzuführen ist blumig, zudem fristen Enquete-Kommissionen in der Berliner Politikgeschäft meist ein trauriges Dasein. Was Hinterbänkler und Experten dort besprechen, findet kaum einmal größere Beachtung.

Und so wird die Politik den Bürgern des Landes trotz aller hehren Ziele noch länger anhand nackter Prozentzahlen erklären, das es in der Nach-Krisen-Republik weiter steil aufwärts geht. Schon am Mittwoch stellt Wirtschaftsminister Rainer Brüderle seinen Jahreswirtschaftsbericht vor, er wird über schöne Aussichten und robustes Wachstum jubeln, das natürlich diese Bundesregierung zu verantworten hat.

Ob das den Menschen im Land reicht, um glücklich zu sein, diese Frage wird unbeantwortet bleiben.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Benjowi 18.01.2011
1. Zynismus der besonderen Art
Nachdem das Glück vieler deutscher Politiker mehr mit den lobbygetriebenen Eingängen auf ihren Konten verbunden ist, darf man diesen Ansatz wohl eher als eine Art von besonderem Zynismus verstehen!
kundennummer 18.01.2011
2. Faktoren für den Glücksindex
Zitat von sysopWann geht es dem Land gut? Wenn die Wirtschaft um drei Prozent wächst - oder wenn alle Menschen morgens mit einem Lachen ins Büro gehen? Eine Gruppe von*Bundestagsabgeordneten will prüfen, ob in das Bruttoinlandsprodukt künftig auch ein Glücksfaktor einberechnet wird. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740032,00.html
Die gnädigen Herrlichkeiten mögen vielleicht einen wesentlichen Faktor berücksichtigen: Newspeak vs Reality Der Mensch ist NICHT glücklich wenn ihm von Politikern oder "Experten" oder "Fachleuten" oder Journalisten etwas als Realität eingetrichert wird was im alltäglichen erleben KOMPLETT ANDERS IST. Das wäre zum Beispiel: Wenig Inflation max. 2,2% vs. Supermarktkasse/Tankstelle/Gebühren Aufschwung vs. Lohnzuhälterei Nahende Vollbeschäftigung vs. Notwendigkeit von Mindestlöhnen Fachkräftemangel vs. Prädikatsabsolventen in Call-Centern Es ist im ureigenen Interesse der Vorgenannten ENDLICH mit den Lügen aufzuhören denn allzulang wird das nicht mehr gut ausgehen. Der deutsche Michel mag eine dozile Rinderherde sein, wehe aber wenn die Herde "in Fahrt" kommt durch beispielsweise die Transferunion und starke Steuererhöhungen dafür ODER die komplette Freizügigkeit ab 01.04.2011 ODER Finanzmraktcrash ODER Krawalle migrantischer Jugendlicher ODER ODER .. Je genauer man hinschaut umso mehr Landminen findet man.
Berta, 18.01.2011
3. Wachstum und Wohlstand
Zitat von sysopWann geht es dem Land gut? Wenn die Wirtschaft um drei Prozent wächst - oder wenn alle Menschen morgens mit einem Lachen ins Büro gehen? Eine Gruppe von*Bundestagsabgeordneten will prüfen, ob in das Bruttoinlandsprodukt künftig auch ein Glücksfaktor einberechnet wird. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740032,00.html
haben Politiker doch.
ugt 18.01.2011
4. Lachnummer
Zitat von sysopWann geht es dem Land gut? Wenn die Wirtschaft um drei Prozent wächst - oder wenn alle Menschen morgens mit einem Lachen ins Büro gehen? Eine Gruppe von*Bundestagsabgeordneten will prüfen, ob in das Bruttoinlandsprodukt künftig auch ein Glücksfaktor einberechnet wird. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740032,00.html
Die Herrschaften geben viel Geld für eine Studie aus deren Ergebnis jeder schon jetzt sagen kann. Merkel, Seehofer und Westerwelle befehlen " Die Deutschen sind glücklich!"
atipic, 18.01.2011
5. Eine Gruppe von*Bundestagsabgeordneten will prüfen…
Die haben wahrlich nichts Besseres zu tun! Die Steuerzahler bezahlen diese Volksvertreter um sich anzustrengen und alles in die Wege zu leiten, dass den Menschen im Lande besser geht, und die Abgeordnete wollen prüfen, als ob alles bereits gemacht wurde. Man kann nur den Kopf schütteln, und sich fragen: was ist es für eine Clique?
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