Heckler & Koch-Standort Oberndorf: Stadt der Waffen

Von Rico Grimm, Oberndorf am Neckar

Gewehre, Pistolen, Granatwerfer - in Oberndorf am Neckar produziert die Firma Heckler & Koch Kleinwaffen. Friedensaktivisten nennen sie deswegen das "tödlichste Unternehmen Europas" und wollen die Fabrik symbolisch einbetonieren. Doch Bürger und Politiker verteidigen stur den Waffenbau.

Waffenstadt: Heckler & Koch und Rheinmetall produzieren in Oberndorf Fotos
DPA

Wer das Städtchen Oberndorf am Neckar im Schwarzwald besucht, fährt in eine idyllische Gegend der schönen Bäume und sanften Hügel - und der Waffen. In dem 14.000-Einwohner-Ort arbeiten 640 Menschen für die Waffenfabrik Heckler & Koch. Sie stellen Gewehre und Pistolen her, MP7, MP5 oder G36. Weitere 260 Menschen bauen für Rheinmetall Bordkanonen für Schützenpanzer, Schiffe und Flugzeuge. Zudem sitzt mit dem Unternehmen Feinwerkbau einer der Weltmarktführer für Sportwaffen im Ort.

Oberndorf am Neckar ist Deutschlands Waffenstadt - und im Ort gibt es darüber noch nicht einmal eine Debatte.

Dabei gebe es viel zu besprechen. Heckler & Koch gerät immer wieder in die Kritik wegen seiner Exportgeschäfte. In mexikanischen Unruheprovinzen, in den Händen von afghanischen Taliban und bei Einheiten des ehemaligen libyschen Diktators Gaddafi tauchten Gewehre des Unternehmens auf. Wegen des Mexiko-Geschäfts ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen das Unternehmen: Heckler-Mitarbeiter sollen mexikanische Beamte bestochen haben.

Der Bürgermeister Hermann Acker ist den Trubel leid. Er reagiert nur schriftlich auf Anfragen und sieht es nicht gern, wenn seine Mitarbeiter mit Journalisten sprechen. Dass die Firma Feinwerkbau Sportwaffen herstellt, "mit denen in der Vergangenheit zahlreiche olympische Erfolge errungen wurden", werde in den "tendenziösen und klischeehaften" Berichten über die Stadt immer unterschlagen, sagt er.

Für die Oberndorfer sind Angriffe auf ihre Waffenfabriken auch ein Angriff auf ihre Identität und ihre Heimat. Sie "identifizieren sich hier mit der Mechanik", sagt der Polizist Matthias Lehmann. Die Oberndorfer sind stolz auf ihre Leistung, meint er damit. Dass sie präzise, zuverlässige Werkzeuge herstellen, so wie weiter im Süden präzise, zuverlässige Uhren gebaut werden. Lehmann führt zudem den Amokläufer von Winnenden an und die Frau, die in Lörrach um sich schoss und über 300 Schuss Munition bei sich hatte. "Wie sonst sollten Polizisten diese Amokläufer stoppen?", sagt er. Lehmann tippt dabei auf die Pistole in seinem Halfter.

Protest mit Orchester

Obwohl manche Aktivisten das komplette Ende des Waffenbaus in Oberndorf fordern, geht es den meisten von ihnen nicht um die Ausstattung deutscher Polizisten mit Heckler-Waffen. Sie fordern seit Jahren eine bessere Kontrolle über den Verbleib exportierter Waffen im Ausland. Derzeit verhandelt darüber auch die Uno-Generalversammlung.

Um sich Gehör zu verschaffen, attackieren die Aktivisten immer wieder Heckler & Koch. Das Zentrum für politische Schönheit, eine Gruppe von Politaktivisten, sammelt derzeit etwa Geld, um die Heckler-Fabrik symbolisch einzubetonieren. Sie wollen "denselben Sarkophag, der über Tschernobyl errichtet wurde, über Deutschlands tödlichste Fabrik bauen, damit ihr keine 'Produkte' mehr illegal entweichen können", schreiben sie.

Jürgen Grässlin ist als Sprecher der Kampagne Aktion Aufschrei einer der Wortführer der deutschen Friedensbewegung. Grässlin hat zahlreiche Waffendeals von Heckler & Koch öffentlich gemacht und das Unternehmen verklagt. Von ihm stammt auch das Schlagwort vom "tödlichsten Unternehmen Europas". Kürzlich demonstrierten Grässlin und seine Aktivisten vor den Werkstoren des Konzerns für ein Ende der Waffenexporte. Ein Friedensorchester spielte einen Walzer von Schostakowitsch, Grässlin tanzte dazu. Ein paar Einheimische beobachteten die Szenerie mit verständnislosem Blick.

"Dann könnten wir dichtmachen"

Denn die Waffen sind nicht nur Teil der Oberndorfer Identität, sondern auch die wichtigste Einnahmequelle. Zwar arbeitet nur noch weniger als ein Fünftel der Einwohner in der Rüstungsindustrie. Aber die Angestellten verdienen gut, und die Rüstungsfirmen im Ort sind ein Grundpfeiler der lokalen Wirtschaft. Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass der globale Markt für Kleinwaffen mit einem Umsatz von 8,5 Milliarden doppelt so groß ist wie bisher geschätzt, und Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.

"Wenn es Heckler & Koch nicht gäbe, könnten wir zumachen", sagt Susanne Benedix, die Inhaberin des Gasthof-Hotel zum Wasserfall. Sie steht vor einem kleinen selbstgebastelten Plakat. Darauf sind Bilder vom Freundschaftsspiel zwischen der Rheinmetall-Fußballmannschaft und dem Team von Heckler & Koch zu sehen. In der Mitte des Plakats grinsen die drei Geschäftsführer der Firma mit einem Weizenglas in der Hand in die Kamera. Auf Benedix' Tresen liegt ein kleiner Heckler-&-Koch-Notizblock.

Die Geschäftsführung käme oft zum Essen vorbei, sagt die Wirtin, Firmengäste quartieren sich bei ihr ein. "Ich könnte niemals gegen die Firma demonstrieren", sagt sie. "Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren." Der Buchhändler, der Bäcker, alle äußern sich ähnlich.

Ein Pfarrer versucht den Dialog

Die Konzernmitarbeiter bringen aber nicht nur Kaufkraft, sondern auch Wählerstimmen und Spenden. Vom Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises, dem CDU-Fraktionschef Volker Kauder, hörte man bislang kein kritisches Wort zu Heckler & Koch. Kauders CDU-Kreisverband erhielt in den vergangenen Jahren mehrmals Spenden von Heckler & Koch.

Einer der wenigen Ansässigen, die einsehen, dass sich etwas ändern muss, dass wenigstens geredet werden muss, ist der evangelische Pfarrer im Ort, Gerhard Romppel. Er ist vor zwei Jahren nach Oberndorf gezogen, kümmerte sich lange Zeit als Militärpfarrer um Bundeswehr-Soldaten im Mittelmeerraum. Romppel ist ein vergnügter Mann, der schnell redet und laut lacht. "Die Menschen hier haben große Ängste, wenn es um das Thema Waffen geht", sagt er. "Aber man sollte zumindest eine Meinung haben und informiert sein."

Um eine Debatte anzustoßen, will Romppel die heimische Rüstungsproduktion demnächst im Kirchengemeinderat zum Thema machen. Externe Referenten sollen in Vorträgen die Argumente für und gegen Waffenexporte darstellen. "Ganz unvoreingenommen", wie Romppel sagt. Sein Traum wäre eine Gesprächsrunde, an der auch die Heckler-Geschäftsführung teilnimmt.

Doch immer wieder betont der Pfarrer, dass sein Projekt ein "Unterfangen ohne klaren Ausgang" sei. Zu heikel ist die Gemengelage, zu emotional das Thema besetzt. Romppel will neutral bleiben und zwischen den Extremen vermitteln, wie er sagt - den flammenden Kritikern von außerhalb, den trotzigen Verteidigern im Ort. In Oberndorf ist allein dieser Versuch wohl schon ein gewagter Schritt.

Als in den achtziger Jahren einer von Romppels Vorgängern gegen den Waffenbau predigte, traten Heckler-Betriebsräte einfach aus der Kirche aus. Waffen waren ihnen wichtiger als göttlicher Beistand.

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