Münchhausen-Check So viel Wahrheit steckt in Wagenknechts Banken-Bashing

"Verluste werden sozialisiert, Gewinne privatisiert", kommentiert Sahra Wagenknecht die Politik nach der Krise. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Ergibt sich die hohe Staatsverschuldung aus der Sozialisierung privater Verluste?

Von Hauke Janssen

Linken-Vizechefin Wagenknecht: Keine Gewinne der Deutschen Bank ohne den Steuerzahler
DPA

Linken-Vizechefin Wagenknecht: Keine Gewinne der Deutschen Bank ohne den Steuerzahler


Sobald die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren ihre Geschäftsergebnisse, mal besser, mal schlechter, verkündete, meldete sich Sahra Wagenknecht zu Wort.

Gewinne der Deutschen Bank, so Wagenknecht, gäbe es nicht ohne den Steuerzahler. Ohne die Rettung der Hypo Real Estate oder die Bankenrettung in Irland und Spanien wäre die Deutsche Bank pleite.

"Verluste werden sozialisiert, Gewinne privatisiert", mit diesem Prinzip müsse "endlich gebrochen werden". Mit solchen Worten forderte die prominente Linke die Überschüsse der Deutschen Bank für die Allgemeinheit ein.

Folgen wir der Logik dieses nicht nur unter Marxisten beliebten Schlagworts, dann müssten wir in einer immer höheren und stärker risikobehafteten privaten Verschuldung und den daraus im Laufe der Zeit immer wieder resultierenden staatlichen Stützungs- und Rettungsaktionen eine wichtige Ursache für ansteigende öffentliche Schulden sehen.

Eine im Februar im Aushängeschild deutscher bürgerlicher Ökonomie, dem "German Economic Review", publizierte Untersuchung scheint nun genau diese alte linke Folgerung empirisch zu bestätigen.

Der Bonner Ökonomieprofessor Moritz Schularick und zwei Kollegen haben nämlich die Entwicklung der Verschuldung von 17 führenden Industrienationen in den Jahren von 1870 bis 2010 untersucht, und zwar sowohl die der staatlichen als auch die der privaten Verschuldung.

Dramatischer Anstieg bei privater Verschuldung

Schularick zeigt zunächst, dass die weithin vorherrschende Meinung, die öffentliche Verschuldung befände sich international auf einem historischen Höchststand, jedenfalls im Schnitt nicht zutrifft. (Abb.1)

Moritz Schularick / German Economic Review

Richtig sei vielmehr, dass die Gesamtverschuldung der Industrienationen, also Privat- und Staatsverschuldung zusammengenommen, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt derzeit den höchsten Stand seit 1870 erreicht hat und insbesondere seit 1970 dramatisch angestiegen ist, nämlich um 110 Prozentpunkte.

Die Ursache dafür liege aber weniger im staatlichen als im privaten Sektor (Abb.2).

Moritz Schularick / German Economic Review

Nur ein Drittel des Anstieg seit 1970 sei auf die anwachsende öffentliche Verschuldung zurückzuführen, der "überwältigende Anteil des Anstiegs" rührt nach den Untersuchungen Schularicks von einer "höheren Kreditaufnahme der privaten Haushalte und Unternehmen" her. Dennoch werde die wichtige Rolle der privaten Verschuldung im Verhältnis zur Staatsschuld in der derzeitigen Debatte stark vernachlässigt.

Enge Beziehung zwischen Bankkrisen und Verschuldung

Ein Versäumnis - denn, wie die Ökonomen Oscar Jorda (Federal Reserve Bank San Francisco) und Alan Taylor (University of California) zusammen mit Schularick in mehreren neueren Arbeiten gezeigt haben, besteht ein weitaus engerer empirischer Zusammenhang zwischen privater Verschuldung und den Finanzkrisen als zwischen den Finanzkrisen und den Staatsschulden.

Der Bonner Professor: "Blicken wir zurück auf 140 Jahre Wirtschaftsgeschichte, so zeigt sich, dass Finanzkrisen nur sehr wenig mit öffentlichen Schulden zu tun gehabt haben".

Auf der anderen Seite - das hätten Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff schon vor ein paar Jahren gezeigt - bestehe aber eine enge Beziehung zwischen Bankkrisen und einem darauf folgenden Anstieg der öffentlichen Verschuldung. Die Harvard-Ökonomen berechneten im Schnitt einen Anstieg der Staatsschulden um 86 Prozent im Vergleich zum Vorkrisen-Niveau.

Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, so Schularick, seien in den fortgeschrittenen Industrieländern privat induzierte Finanzkrisen zu einem Hauptrisikofaktor für die Stabilität der öffentlichen Haushalte geworden.

Mit anderen Worten: "Abgesehen von Kriegszeiten, hatten Finanzkrisen typischerweise ihren Ursprung im privaten Sektor, während die Kosten sozialisiert worden sind."

Fazit: Neue Studien zeigen, dass die private Verschuldung in den vergangenen 140 Jahren weitaus stärker angestiegen ist als die staatliche, und verweisen auf den privaten Sektor als den Hauptverantwortlichen für die wiederkehrenden Finanzkrisen. In der Folge erscheint die seit 1970 international stark anwachsende Staatsverschuldung zu einem nicht unwesentlichen Teil - aber natürlich nicht allein - als das Ergebnis privater Verluste. In dieser Hinsicht haben die Linken recht, selbst wenn man ihre politischen Folgerungen nicht teilen mag.

Note: Zwei rote Sterne für Sahra Wagenknecht


Literatur:

Schularick, Moritz (2014): "Public and Private Debt: The Historical Record (1870-2010)", in: German Economic Review 15. Special Issue on Government Debt in Democracies: Causes, Effects and Limits, S. 191-207

Jorda, Oscar/ Schularick, Moritz/ Taylor, Alan (2013): "Sovereign Versus Banks: Credit, Crises, and Consequences". NBER Working Paper 19506

Reinhart, Carmen/ Rogoff, Kenneth (2009): "The Aftermath of Financial Crises". NBER Working Paper 14656

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 263 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
meinung2013 26.02.2014
1.
Erstaunlich, daß Sarah Wagenknecht einmal zugestimmt wird. Alles andere wäre wohl zu auffällig gewesen.
altesmädchen 26.02.2014
2. IKB, Tochter der KfW
Die IKB, Tochter der KfW - staatlichste Bank aller Banken -, hat 10 Mrd Schulden durch Risikoanlagen angehäuft. Saß da nicht im Aufsichtsrat der KfW ihr Liebster, der Oskar Lafontaine, und hat nur auf das Büffet gewartet ? Den Revisionsbericht der Bank hat der nie gelesen. Aber hinterher meckern, die bösen (privaten) Banker anklagen, während er sich als staatlicher Bankeraufseher vor dem Lesen der Bafin-Berichte verdrückt hat. Hätte er es getan, hätte er schon früher eingreifen können und nicht warten müssen, bis die Bombe platzt.
vantast64 26.02.2014
3. Wir Laien ahnten es,
nur Schäuble muß noch informiert werden. Aber das wird auch nichts bringen, denn sie sind angetreten, den Reichtum weniger zu vermehren.
observerlbg 26.02.2014
4. Nun ja, auch Karl Marx lag mit...
seinen ökonomischen Analysen oft goldrichtig. Die politischen Konsequenzen daraus stehen auf einem ganz anderen Blatt!
kabian 26.02.2014
5. Die Rettung der Banken hat viel weitreichendere Konsequenzen
Eines habe ich in dem Artikel vermisst: Wenn der Staat ein Unternehmen rettet das eigentlich Insolvenz gehen müßte, so belastet das auch gesunden Konkurenten. General Motors ist ein gutes Beispiel. General Motor macht jetzt wieder Gewinne und hat seine Schulden beim Staat wieder zurückgezahlt. Eigentlich sehr positiv auf dem ersten Blick. Die Auswirkungen auf die anderen Konkurenten wird aber nicht berücksichtigt. Bei den Banken ist es noch schlimmer. Bis heute ist unbekannt wie viele eigentlich insolvent waren/sind. Deswegen schwellt die Krise ja auch weiter.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.