Wahl in Baden-Württemberg Zwei Gscheitle gegen Mappus

SPD und Grüne hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug.

Von und , Stuttgart


Vater und Sohn könnten sie sein. Professor und Assistent. Vorstandschef und Referatsleiter. Winfried Kretschmann, 62, und Nils Schmid, 37.

Nicht ausgeschlossen allerdings, dass der Alte bald auf den Jungen hören muss. Wird SPD-Spitzenkandidat Schmid am Sonntag zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gewählt, bliebe für Kretschmann nur der Posten des Vizeregierungschefs. Wobei es im Moment eher so aussieht, als würde "Kretsch", wie der Grünen-Spitzenkandidat im Südwesten genannt wird, demnächst das Ländle regieren, mit Schmid als Stellvertreter. In den jüngsten Umfragen sind die Grünen wieder an der SPD vorbeigezogen, gemeinsam liegen sie knapp vor Schwarz-Gelb.

Kretschmann und Schmid könnten die kurze Ära des CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus in Baden-Württemberg beenden - für die Schwarzen wäre damit eine knapp 58-jährige Regierungszeit vorbei.

An einem Freitagmorgen im März sitzen Kretschmann und Schmid nebeneinander im Moser-Saal des Stuttgarter Landtags, einem holzvertäfelten Raum mit Siebziger-Jahre-Flair, ihnen gegenüber die Vertreter der Landespresse. Es geht um die Atompolitik, aus Berlin sind der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin angereist, sie machen gleich ordentlich Dampf: Erst schimpft Gabriel ein paar lautstarke Minuten auf die Bundesregierung, anschließend poltert Trittin gegen die Atomwende von Merkel und Westerwelle.

Dann ist SPD-Spitzenkandidat Schmid dran. "Wenn etwas wichtig in der Politik ist, dann sind es Verlässlichkeit und Berechenbarkeit", sagt er. Kretschmann nickt.

Kretschmann und Schmid sind Anti-Mappus-Typen

Gabriel und Trittin sind Vollgas-Politiker - so wie der aktuelle Ministerpräsident des Landes: Stefan Mappus ist laut, selbst für Parteifreunde ein wenig zu sehr Haudrauf- und ein bisschen zu wenig Hörzu-Politiker. Sein einst kompromissloser Atomkurs bringt ihn nach der japanischen Nuklearkatastrophe in höchste Not. Die Hälfte der Wähler in Baden-Württemberg wünscht sich inzwischen einen anderen Regierungschef, wohl auch einen anderen Politikstil. Den könnten sie mit Kretschmann und Schmid wohl haben.

Die schlechte Nachricht: Es könnte ein bisschen dröge mit den beiden werden.

Den Spitzenkandidaten von Grünen und SPD traut man eine gemeinsame Landesregierung zu - aber sie könnten auch eine Sparkassenfiliale auf der Schwäbischen Alb leiten. Kretschmann, eisgrauer Bürstenschnitt und randlose Brille, wirkt mindestens so bieder wie der Nette-Schwiegersohn-Typ Schmid. Wenn der einstige Ethiklehrer Kretschmann im Landtag ans Rednerpult tritt, steigt in der Regel das intellektuelle Niveau, die Stimmungskurve im hohen Stuttgarter Haus dagegen sinkt. So ähnlich ist das bei SPD-Mann Schmid, einem promovierten Einser-Juristen.

Eigentlich keine guten Voraussetzungen für Oppositionspolitiker, die einen Amtsinhaber aus dem Amt kegeln wollen. In Baden-Württemberg ist das nun offenbar anders. Zumal die Schwaben und Badener schon immer ein Faible für Landesfürsten am Rande des Phlegmas hatten. Erwin Teufel, der außerhalb des Ländles mit seinem ewigen Pullunder als spießiger Provinz-Politiker belächelt wurde, wird dort heute noch verehrt. Und auch seinem am Ende glücklosen Nachfolger Günter Oettinger - ebenfalls kein Ausbund an politischem Temperament - weinen inzwischen viele nach.

Schmid hat im Land der Sparer über Staatsverschuldung promoviert

SPD-Mann Schmid würde ganz gut in diese Galerie passen. Er findet, dass die Sozialdemokraten sich um die Wirtschaft genauso kümmern müssen wie um die Malocher. Seine Doktorarbeit hat Schmid zum Thema Staatsverschuldung geschrieben, was im Land der Pfennigfuchser keine schlechte Idee ist. Die Internetseite NilsPlag hat sein Werk unter die Lupe genommen. Plagiatsfundstücke: null. Das freut Schmid. "Ist alles von mir geschrieben", sagt er.

Ein bisschen langweilig sind die beiden Kandidaten also, aber gescheit. Gscheitle, wie der Schwabe sagt.

Ein Donnerstag im März. Der Kandidat sitzt in seinem Wagen, er muss zu einem Termin auf der Schwäbischen Alb. Das Handy klingelt. Er muss nun dringend noch eine Mappe bearbeiten. "Gisela, du hast eine Mappe für mich?", fragt Schmid. Gisela, seine Terminbegleitung, die auf der Rückbank eingenickt ist, schreckt auf. "Äh, ja, im Kofferraum." Schmid zuckt mit den Schultern. "Egal", sagt er. Gisela schläft weiter.

Er könnte bald Ministerpräsident sein, aber Schmid macht keinen besonders aufgeregten Eindruck. Das ist erstaunlich, denn selbst in seiner eigenen Partei sind noch nicht alle davon überzeugt, dass er das kann. Zu jung, zu unerfahren, erzählt man sich in Berlin. Schmid kennt die Skepsis, aber sie kümmert ihn wenig. Noch einmal Opposition? "Ich habe keine Lust, wieder fünf Jahre nur für die Mülltonne zu arbeiten", sagt er.

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Bins 25.03.2011
1. Titel geprüft und für summa cum laude befunden
Zitat von sysopSPD und Grüne*hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,752489,00.html
Ein wohltuender Gegensatz zu den überwiegend selbstherrlichen, arroganten Machtpolitikern in Baden-Württemberg. Man wird sehen....
doc 123 25.03.2011
2. Kongeniales Duo!
Zitat von sysopSPD und Grüne*hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,752489,00.html
Ich finde, dass die beiden ein kongeniales Duo darstellen. Der "elder" statesman Kretschmann und der jüngere, hochmotivierte Wirtschaftsfachmann Schmid.
kck 25.03.2011
3. Am Ende grosse Koaliton?
Beide kommen in den Umfragen jetzt auf 24 %. Ein Patt! Wer könnte dem anderen den Ministerpräsidenten-Vortritt lassen? Harmonie vor der Wahl muss nicht auch eine nach der Wahl sein. Oder umgekehrt. Und dann doch "grosse Koalition", CDU + SPD? Auch das wäre möglich.
Litajao 25.03.2011
4. Kluge Politiker
Lieber kluge und vernünftige Politiker als diese arroganten, machthungrigen Schnösel, welche Baden Württemberg Milliarden kosten, siehe nur ENBW und St. 21, und was heißt "dröge"?
landbw 25.03.2011
5. Objektive Berichterstattung?
Der Spiegel muss sich wie viele andere Medien dieser Tage fragen lassen ob diese Berichterstattung noch objektiv und gerecht ist. Wir haben am SO eine Landtagswahl in BW. Wir stimmen über unser Land ab. Leider liest man nicht viel über das Erreichte in BW. Über die Bereiche die BW wohl zu Nr1 machen unter allen Bundesländern. Themen die die Menschen hier in BW betreffen, wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskraft und Bildung. Die Medien und Rot-Grün machen aus der Wahl am SO ganz gezielt eine Atomwahl. Nur diese Frage werden wir auch in BW nicht lösen. Und wenn ich dann noch sehe wie der MP aus der Pfalz in BW Wahlwerbung macht und BW belehren will wie richtige Landespolitik funktioniert, dann ist das auch ein Artikel wert. Vielleicht auch mal mit einem Hinweis über die Milliarden aus dem Länderfinanzausgleich die auch teilweise in die Pfalz fliessen im Projekte wie die beim Nürburgring zu finanzieren. aber all das scheint keinen mehr zu interessieren
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