Bayerisches Wahlduell im Stream "Sie ist eine sehr intelligente Dame"

Wegen der schlechten Umfragewerte in Bayern darf sich die SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen nur per Internetstream mit dem CSU-Ministerpräsidenten streiten - ein solches Format hätte auch ins Fernsehen gehört.

Natascha Kohnen und Markus Söder
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Natascha Kohnen und Markus Söder

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Zu einem Duell gehören immer zwei Opponenten, so viel scheint gewiss. Zum Rest muss man ein bisschen ausholen: In Bayern liegen die Grünen in den Meinungsumfragen vor der SPD, zuletzt mit 17 Prozent gegenüber 11 Prozent. Der Bayerische Rundfunk hat deshalb entschieden, dass der grüne Spitzenkandidat Ludwig Hartmann das traditionelle Fernsehduell gegen den Ministerpräsidenten Markus Söder bestreiten darf.

In die Röhre schaut Natascha Kohnen, Spitzenkandidatin der SPD, die bislang die stärkste Oppositionsfraktion im Landtag stellt. Ihre Partei nennt die Entscheidung des BR "absurd", aber bislang sieht es nicht so aus, als würden Kohnen und Söder im TV-Zweierformat zu sehen sein.

So gewinnt plötzlich eine Veranstaltung an Gewicht, die die "Nürnberger Nachrichten" an diesem Dienstagabend per Livestream übertrugen: Söder versus Kohnen, die beiden bisherigen Volksparteien, 90 Minuten lang, in einem Nürnberger Traditionsgasthaus, moderiert von den beiden Chefredakteuren der Zeitung. Erkenntnis des Abends: So ein Format hätte auch ins Fernsehen gehört.

Wahlduell in Nürnberg
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Wahlduell in Nürnberg

Kohnen setzt zu Anfang die knackigen Zitate zum Fall Maaßen. "Er musste gehen", sagt die SPD-Frau, Maaßen habe mit der AfD gekungelt. Maaßens Beförderung könne sie nicht verstehen. Daher: "Ich halte diesen Bundesinnenminister nicht mehr für tragbar."

Söder kommt kurz darauf auf die Bühne, er sagt: "Ich finde diese ganze Debatte schwierig." Statt wochenlang über eine Personalie zu diskutieren, solle man "gemeinschaftlich regieren und nicht aufeinander herumhacken".

Video: Markus Söder - Provokateur und Profiteur der Regierungskrise

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Söder ist es auch, der den freundlicheren Ton durchhält, Kohnen greift an, sie ist die Herausforderin, auch wenn Söder jüngst bestritt, überhaupt einen ernsthaften Gegenkandidaten für sein Amt zu haben. Söder appelliert ans Gemeinsame, fragt ins Publikum: "Wollt ihr Linksaußen und Rechtsaußen im Landtag?"

Kohnen macht ihre Punkte, indem sie der CSU deren "fahrlässige Rhetorik" über Flüchtlinge vorhält. Dann folgen die Themenklassiker: die Wohnungsnot, die "soziale Frage unserer Zeit" und die sich verändernde Arbeitswelt. Söder setzt auf innere Sicherheit: "Die Polizisten sind die Guten, die Verbrecher sind die Schlechten."

Bob Dylan gegen Franz Josef Strauß

Ins Schwimmen gerät Kohnen, als die Chefredakteure sie fragen, welche drei Eigenschaften sie an Söder schätze. Ihr fällt nichts ein, sie verharrt im Spottmodus. Sie lästert über das Plakat von Franz Josef Strauß, welches sich Söder ins Jugendzimmer hängte. Sie dagegen habe in ihrem Bob Dylan an der Wand gehabt. "Ich warte noch immer auf die drei guten Eigenschaften", sagt Söder.

Kohnen und Söder
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Kohnen und Söder

Der CSU-Mann darf als zweiter auf die knifflige Frage antworten, ein Vorteil. Er hält echtes Lob für Kohnen bereit: "Das Erste, was ich gut an ihr finde, ist ihr Kampfgeist." Sie sei als Nicht-Fränkin im fränkischen Fasching aufgetreten. Und: "Sie ist eine sehr intelligente Dame." Kohnen versucht es noch einmal, heraus kommt "gerissen" und "machtorientiert".

Dafür erzählt sie später, wie sie sich abends bei ihrer Familie erhole, während Söder bei der Entspannungsfrage seine Bierzelt-Auftritte anführt. In der Publikumsrunde folgen ein paar solide Anmerkungen aus dem Publikum, die beiden antworten nacheinander, irgendwie doch Große Koalition, auch wenn sie wohl nicht koalieren werden.

Laut den Umfragen wird die AfD nach der Bayern-Wahl am 14. Oktober in den Landtag einziehen, der BR und die anderen Fernsehmacher werden sich noch viele Fragen stellen müssen: Runden mit der AfD, ohne die AfD? Wie die Themen gewichten, wie die Redezeit in den Talkshows verteilen bei womöglich sieben Fraktionen, wie einschreiten bei hetzerischen Äußerungen?

Der Zweier-Disput der beiden (ehemaligen) Volksparteien ist jedenfalls kein Format von gestern.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Fxxx 19.09.2018
1. Söders alte Freunde beim Bayrischen Rundfunk...
...werden schon verhindern, dass ernsthaft Alternativen zur CSU diskutiert werden. Jetzt werden Rededuelle also nach Umfragewerten zugeteilt. Die CSU betreibt nur Symbol- und Klientelpolitik und der BR fördert das noch mit seiner selektiven Berichterstattung.
ecsumma 19.09.2018
2. Söder
ist kein Sympathieträger; zudem schadet das Berliner Theater mit Seehofer an der Spitze der CSU in Bayern. Die Grünen werden wohl zweitstärkste Partei und sehr wahrscheinlich auch Koalitionspartner. Dann darf Seehofer auch den Hut nehmen. Bayern wird beides nicht schaden; eher im Gegenteil. AFD gerne in Diskussionsrunden und klar nach der Konzepte bei Rente, Energie etc. fragen. Dann sieht jeder die heiße Luft.
Duggi 19.09.2018
3.
Zitat von Fxxx...werden schon verhindern, dass ernsthaft Alternativen zur CSU diskutiert werden. Jetzt werden Rededuelle also nach Umfragewerten zugeteilt. Die CSU betreibt nur Symbol- und Klientelpolitik und der BR fördert das noch mit seiner selektiven Berichterstattung.
Böse Zungen behaupten: Genau dafür sind die öffentlich-rechtlichen Sender in ihren Ländern ja zuständig und genau dafür werden sie von den Alt-Parteien politisch auch am Leben gehalten und durch Zwangsgebühren üppigst finanziert. ;-)
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