Wahl in Berlin Künast gibt die Allround-Kandidatin

Es war keine große Rede - aber wohl die richtige: Renate Künast präsentierte sich bei ihrer Bewerbung für den Berliner Bürgermeisterjob als Kandidatin für alle. Die Hauptstadt kann mehr als bisher, lautet ihre Botschaft. Amtsinhaber Wowereit droht ein harter Wahlkampf.

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Berlin - Für den entscheidenden Satz braucht sie beinahe eine Stunde. Renate Künast, 54, steht an diesem Abend vor einer grünen Stellwand, darauf ist der Slogan "Für Berlin" zu lesen, sie trägt einen besonders eleganten Hosenanzug, beinahe nach jedem dritten Wort jubilieren und klatschen die rechts und links von der Bühne postierten Anhänger los. Es ist die große Künast-Berlin-Show, aber der Satz will und will nicht kommen. Ihre Leute haben für diesen Grünen-Mitgliederabend das Museum für Kommunikation ausgesucht, passender geht es kaum, auch vornehmer nicht, grün und blau angestrahlte Neoklassik rundherum.

Irgendwann denkt man, es könnte ihr gehen wie mit einem besonders langen Witz, bei dem der Erzähler am Ende die Pointe vergisst.

Aber Renate Künast ist politischer Profi genug, sowas passiert ihr nicht. Nach knapp 60 Minuten, in denen sie Berlin ihre Liebe bezeugt, politisch einmal durchwandert und ein strenges Urteil über den Leistungsstand der Stadt und ihrer Bewohner gefällt hat, kommt der Satz: "Ich bin bereit, ich kandidiere für das Amt des Regierenden Bürgermeisters." Die letzten Silben sind schon fast nicht mehr zu verstehen unter dem Jubel, der in diesem Moment losbricht.

Nun ist es also offiziell: Künast traut sich zu, dem amtierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im kommenden September das Rote Rathaus zu entreißen und als erste Grüne ein deutsches Bundesland zu regieren. Die aktuellen Umfragen geben das her. Würde sie nicht an ihren Sieg glauben, hätte Künast die Kandidatur abgelehnt. Denn im Falle einer Niederlage wäre ihre politische Karriere so gut wie beendet. Das ist Künast klar, sie weiß um die schwindende Autorität in ihrem bisherigen Job als Chefin der grünen Bundestagsfraktion. Als Berliner Verliererin wäre sie dort kaum mehr zu halten.

Wowereit soll der Verlierer sein

Aber das ist an diesem Freitagabend weit weg, im Rund des Kommunikations-Museums gibt es nur einen Verlierer - und der heißt Klaus Wowereit. "Berlin ist eine Verheißung", sagt Künast, "aber seine Regierung ist eine Zumutung". Gemeint ist vor allem Wowereit, der die Stadt seit acht Jahren regiert. "Armut und keinen Arbeitsplatz zu haben, ist für die Betroffenen das Gegenteil von sexy" - so lautet Künasts Antwort auf Wowereits Berlin-Motto "Arm, aber sexy".

Zwei Botschaften variiert Künast vom Rednerpult: "Berlin kann mehr" lautet die eine, "Berlin verdient mehr" die andere. Beide darf und soll der bisherige Bürgermeister auf sich beziehen, der nach Meinung Künasts und ihrer Parteifreunde zu wenig aus der Stadt und ihren Bewohner macht und zu wenig für sie leistet.

Wowereit und seine rot-rote Koalition regierten "lustlos", findet Künast. Auch deshalb sei die Stadt "reif für einen Politikwechsel". Das klingt ein bisschen wie Barack Obama beim Sturm auf das Weiße Haus, ebenso ihr Slogan "Eine Stadt für alle". Andererseits benutzt Künast einen Satz wie "kein Kind bleibt auf der Strecke" im Bildungsteil ihrer Rede - eine Phrase von Obamas Vorgänger George W. Bush. Tatsächlich hat Künast so ziemlich für jeden etwas mitgebracht, nur die Kleingärtner und Sportvereine werden nicht erwähnt.

Die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei? Ihre Berliner Spitzenkandidatin redet jedenfalls schon wie eine Volkspartei-Politikerin.

Das muss Künast wohl auch, wenn sie in der Hauptstadt eine Chance haben will. So ist ihre erste Bewerbungsrede auch ein Signal an all jene, die den Grünen immer noch nicht so recht über den Weg trauen. Mitreißend klingt Künast nicht - aber sehr realistisch. Es ist eine Warnung an SPD und CDU, sie als Kandidatin einer spinnerten Partei brandmarken zu wollen.

Für jeden ist etwas dabei

"Gerechtigkeit und Freiheit gehören zusammen", sagt Künast - wer könnte das nicht unterschreiben? Zu "mehr Ratio und weniger Emotionen" rät sie in der Integrationsdebatte, was öffentlich selbst Horst Seehofer nicht bestreiten würde. 100.000 neue Jobs will Künast in Berlin schaffen, Lehrer sollen wieder verbeamtet werden, Klimaschutz nicht gegen, sondern für die Menschen gemacht werden. Ach ja, und auf keinen der verbliebenen 24.000 Mitarbeiter in den Bezirken will sie verzichten - schönen Gruß auch an die Linkspartei-Wähler.

Im Publikum sind Perlenohrring-Trägerinnen und Krawatten-Herren genauso vertreten wie junge Männer mit coolen Fransenhaaren und Mädels in hohen Stiefeln. Jedes der 4500 Berliner Grünen-Mitglieder war eingeladen, um die 800 Menschen drängeln sich nun im Kommunikations-Museum, darunter wohl auch manch neugieriger Nicht-Grüner. Dazwischen sitzt der weißhaarige Hans-Christian Ströbele mit seinem roten Schal um den Hals und klatscht eifrig mit, später wird er die Rede ausdrücklich loben. Der Alt-Grüne hat Künast einst politisch gefördert, nun führt sie die Partei weg von vielen Ströbele-Positionen. Aber der Bundestagsabgeordnete hat seinen Frieden damit gemacht, dass die Grünen sich verändern müssen, wenn sie wirklich etwas bewegen wollen.

Klaus Wowereit sagt, er freue sich auf seine Gegenkandidatin. Auch aus der CDU und von der Linken hört man viel freundliches über Künast. Allerdings klingen diese Komplimente mitunter so, als rede man über jemanden, der nicht auf Augenhöhe ist. Ach ja, die Grünen halt. Großzügigkeit, die nicht wehtut.

Aber sie sollten sich nicht täuschen - am Ende könnte ihnen Renate Künast richtig wehtun.



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Seite 1
Ludwig Schmidt 04.11.2010
1.
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Im Status Regierender Bürgermeister hoffentlich gar keiner, oder zumindest nicht mehr lange. Es ist eine Verwaltungsreform ersten Ranges anzustreben: Fusion der Länder und Länderaufgaben zwischen BB und B mit der Hauptstadt Potsdam. Der Koordinierungsaufwand zwischen den Ländern ist ohnehin schon immens groß. Der Bund bekommt Sonderaufgaben, die ja hier vornehmlich Sonderausgaben sind, aufgrund des Hauptstadtstatus` zugesprochen bzw. zugeteilt. Der Bürgermeister von Berlin wird OB, also Landrat, wie in München und F/Main, die Stadtteilbürgermeister werden Gemeindebürgermeister. Ob der Landrat/ die Landrätin dann Künast, müsste das nicht eigentlich KünastIn heißen, oder Wowi heißt, ist mir dabei schnuppe-obwohl Wowi mir persönlich sowohl programmatisch wie persönlich angenehmer wäre und das auch als Regierender Bürgermeister. So schlecht macht er seine Sache nicht, und Rot-rot ist mir auch lieber als Rot-Grün.
Brand-Redner 04.11.2010
2. Optionen
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Nun, wenn wir mal vorsichtig davon ausgehen, dass wohl eine absolute Mehrheit für die Grünen eher unwahrscheinlich ist, dann erhebt sich die Frage: Mit wem will denn Frau Künast gern regieren? Wer wäre zu dieser Koalition bereit, noch dazu als Juniorpartner?
aat 05.11.2010
3. Ahnung
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Weder noch, am besten jemand der sein Handwerk versteht. Das ist aber bei beiden Bewerbern nicht gegeben. Vielleicht gibt es irgendwo in der zweiten Reihe der SPD einen geeigneten Kandidaten.
Henner Dehn, 05.11.2010
4.
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
ist im Prinzip völlig Wurscht. Da trifft wieder der Spruch Pest oder Cholera zu ;)
Kurt2, 05.11.2010
5. #3
Zitat von Brand-RednerNun, wenn wir mal vorsichtig davon ausgehen, dass wohl eine absolute Mehrheit für die Grünen eher unwahrscheinlich ist, dann erhebt sich die Frage: Mit wem will denn Frau Künast gern regieren? Wer wäre zu dieser Koalition bereit, noch dazu als Juniorpartner?
Diese Frage stellt sich nicht. Frau Künast hat nach heutiger Sicht ebensowenig eine Wahl wie Herr Wowereit. CDU und "Linkspartei" werden den Abstand kaum aufholen können. Außerdem steht es Spitz auf Knopf und wenn Frau Künast engültig aus der Deckung kommt und die Grünen mit den Berliner Fragen konfrontiert werden, ist es schnell vorbei mit dem grünen Höhenflug. Bei Wowereit und der SPD hat dieser Prozess schon stattgefunden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Wowereit noch der Richtige ist. Zeigt er doch arge Verschleißerscheinungen. (Vielleicht gibt's ja auch für ihn einen Posten bei der FES :-))
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