S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die Visionen des Norbert Hofer

Populisten behaupten, sie repräsentierten das wahre Volk. In dieser Logik ist es unmöglich, dass sie Wahlen verlieren. Passiert es doch, dann ist das System von den Gegnern manipuliert.

Norbert Hofer
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Norbert Hofer

Eine Kolumne von


Österreich hat jetzt einen 50-Prozent-Bundespräsidenten, der nicht nur über die Gabe der Volksverbundenheit verfügt, sondern auch über Eingebungen. Oder soll man besser von Visionen sprechen? "Mitten in einen Terrorakt" ist Norbert Hofer vor zwei Jahren in Jerusalem geraten. Während er die Klagemauer besuchte, wurde direkt neben ihm eine Terroristin erschossen. Das ist nach seinem Paraglider-Unfall das zweite Mal, dass der Herrgott seine schützende Hand über den Mann aus dem Burgenland gehalten hat.

Der österreichische Rundfunk, der FPÖ naturgemäß in Ablehnung verbunden, hat bei der israelischen Polizei nachgefragt. Dort kann man sich an keinen Terrorakt auf dem Tempelberg im fraglichen Zeitraum erinnern. Das Einzige, was es offenbar geben hat, war ein Zwischenfall mit einer hysterischen Passantin, die eine Polizeikontrolle missachtete. Die Frau wurde auch nicht erschossen, sondern durch einen gezielten Schuss am Bein verletzt.

Aber Hofer ist sich bis heute sicher, dass sich "Fürchterliches" neben ihm ereignet hat, "zehn Meter" entfernt von dort, wo er stand. Da sollten Verwechslungen ausgeschlossen sein. Was nur den Schluss zulässt, dass er Dinge sieht, die andere nicht sehen können.

Meinungskompass

Ich habe vergangene Woche mit dem ORF-Moderator Armin Wolf telefoniert, der die Israel-Episode ausgegraben hat. Wir waren verabredet, weil ich für das aktuelle SPIEGEL-Heft an einer Geschichte zur Frage saß, was der richtige Umgang mit Populisten sein könnte. Wolf ist so etwas wie ein Experte für diese Frage. Er begleitet die FPÖ seit 20 Jahren journalistisch und hat mit allen führenden Leuten gesprochen, mit Haider, mit Strache, natürlich auch mit Hofer.

Als Moderator bekomme man oft den Rat, man solle Leute wie Hofer entzaubern, indem man sie bei ihrer inhaltlichen Leere packe, sagt Wolf. Aber das sei leichter gesagt als getan. "Die eigentliche Botschaft dieser Parteien ist im Kern keine rationale, sondern eine emotionale. Sie sagen den Leuten: Ihr seid Opfer, und wir sind die Einzigen, die euch verstehen. Wie wollen sie dagegen rational vorgehen?" Gegen Visionen hilft der Appell an die Vernunft erst recht nicht, wie man weiß.

Es herrscht einige Verwirrung darüber, was Parteien wie die FPÖ ausmacht. Es hat sich eingebürgert, von "Rechtspopulisten" zu reden, was eine Art Steigerungsform des normalen "Populisten" ist. Tatsächlich wird der Begriff inzwischen so inflationär verwendet, dass es schon eine Nachricht ist, wenn eine Redaktion mal darauf verzichtet.

Was genau den Populisten auszeichnet, fällt vielen schon schwerer zu sagen. Wenn damit gemeint sein sollte, dass man als Politiker dem Wähler aufs Maul schaut, wäre die Demokratie an sich schwer populismusgefährdet. Der Politiker, der sich konsequent den Erwartungen seiner Anhänger verweigert, muss erst noch erfunden werden. Er wäre auch kein guter Demokrat, schließlich heißt Demokratie so viel wie Volksherrschaft.

Angeblich neigen Populisten dazu, einfache Antworten zu geben. Aber das kann ebenfalls keine befriedigende Definition sein. Die meisten Menschen haben aus gutem Grund nichts gegen einfache Antworten. Entscheidend ist, ob die Antworten richtig oder falsch sind. Die Lösung der Flüchtlingskrise in Deutschland ist zum Beispiel ziemlich einfach, wie sich zeigt. Man muss nur im Süden die Grenze schließen, schon kommen die Menschen hier nicht mehr an. Man mag diese Lösung für falsch halten, aber sie ist, wie viele effektive Maßnahmen, sehr einfach.

Vom Argwohn gegen Parlamentarismus zur Verschwörungstheorie

Populisten repräsentieren nicht einen Teil des Volkes - sie, und nur sie, vertreten das wahre Volk. Diese Behauptung ist es, die sie im Kern auszeichnet, wie der Politologe Jan-Werner Müller in dem schmalen, aber exzellenten Buch "Was ist Populismus?" dargelegt hat. Der Bezug auf das einzig wahre Volk ist nicht als empirische, sondern als moralische Aussage gemeint. Das Volk, auf das sich der Populist beruft, ist keine quantitative, sondern eine metaphysische Kategorie. Da jeder Versuch scheitern muss, diese Volkssubstanz näher zu bestimmen, läuft auch jedes Bemühen ins Leere, ihn zu widerlegen.

Es liegt auf der Hand, dass die Clique, die sich an der Regierung hält, dies nur der Usurpation der Macht verdankt. Anders wäre ja auch nicht plausibel, warum die eigentlichen Vertreter des Volkes außen vor sind. Tatsächlich misstraut der Populist der parlamentarischen Demokratie grundsätzlich: "Irgendetwas kann an den existierenden demokratischen Institutionen nicht stimmen, wenn sie die wahre Substanz des Volkes nicht abbilden und stets falsche Ergebnisse produzieren", schreibt Müller. Vom Argwohn gegen den Parlamentarismus zur Verschwörungstheorie ist es nur ein kleiner Schritt.

Es heißt oft, Populisten könnten nicht dauerhaft regieren, da sie, einmal an der Macht, mit den Problemen nicht besser fertig würden als ihre Vorgänger. Aber das ist ein Irrtum. Die Probleme bleiben, das ist wahr, vermutlich werden sie sogar größer, weil Leute, die sich nie wirklich fürs Regierungshandwerk interessiert haben, heillos überfordert sind, wenn sie die Dinge richten sollen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ihnen der Misserfolg auf die Füße fällt. Dass die Probleme bestehen bleiben liegt nicht an der Inkompetenz der Neuen, sondern an den Feinden des Volkes, die jetzt, nachdem sie von der Macht vertrieben wurden, im Dunklen arbeiten und alles hintertreiben, was an Gutem auf den Weg gebracht wird.

Über die Feinde des Volkes werden wir auch aus Österreich in den kommenden Monaten noch einiges zu hören bekommen. Schon in der Wahlnacht war von Manipulationen und Machenschaften die Rede. Der Populist kommt nie wirklich an, sein Triumph ist immer gefährdet. Auch das ist ein Kennzeichen seiner Welt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
dieter 4711 23.05.2016
1. Natürlich können Populisten verlieren
Jeder kann verlieren und erst recht Populisten
JaWeb 23.05.2016
2. Ergänzung
Ich möchte noch ergänzen, dass dies nicht nur auf Populisten zutrifft, sondern diese Denke ist auch die ihrer Anhänger, die sich als "Daueropfer" aufspielen und autoritätsfixiert eine starke politische Figur an der Staatsspitze sehen wollen, die es dann vermeintich "richtet". Die Rückkehr des autoritären Denkens und Handelns, welches sich gegen Demokratie und Pluralismus wendet, ist in vielen Ländern zur Zeit beobachtbar. Ein "Zeitgeist", der die Freiheit des Individuums bedroht.
Mr Bounz 23.05.2016
3. ????
Hey Fleischi, was ist denn los? Das sind doch deine Jungs.# Woche für Woche kämpfst du hier für deren Ideale einer so genannten Ultra Konservativen Welt. (Die eigentlich eine stramme Rechte Welt ist) Und heute beklagst du dich über die Argumentation der rechten Herren. Etwas mehr ehrlichkeit wäre angebracht. Es sitzen schon zu viele versteckte Rechte in z.B. deutschen Gerichten!
swfreund 23.05.2016
4. Es würde dem seriösen Spiegel
gut anstehen,wenn er bei von ihm unbeliebten "Rechtspopulisten"einfach mal soviel Charakter hätte,um von diesen Leuten normale Fotos zu veröffentlichen. Lieber Spiegel:Alles andere ist schlechter und unfairer Journalismus!!
ricson 23.05.2016
5.
Das diese Populisten sich selbst als das Volk bezeichnen zeigt eigentlich schon wie antidemokratisch diese Leute eingestellt sind. nur wer der selben Meinung wie ich ist, gehört zum Volk, sonst keiner. eigentlich wird in einer Demokratie per Wahl festgelegt wer fürs Volk sprechen darf. von derlei Umständen hält man am rechten Rand nicht viel. man ernennt sich einfach kurzerhand selbst zum Volksvertreter, und fertig. man kann nur hoffen das die Menschen das durchschauen bevor es zu spät ist.
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