Von Johannes Korge, Kiel
Totenstill ist es in dem großen Saal im dritten Stock des Kieler Landtags. Hier hat die SPD ihren Wahltreff eingerichtet. Die Fenster zur Förde sind zwar offen, doch die Luft steht - und den Anhängern der Sozialdemokraten hat es erst einmal die Stimme verschlagen. Gerade sind die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl eingetroffen. Danach liegt die SPD knapp hinter der CDU. Damit hat hier niemand gerechnet. Nun beginnt in Kiel das große Rechnen. Wer mit wem und vor allem wie?
Nur wenige Sekunden nach dem ersten Schock kommt er dann aber doch noch - der erlösende Applaus. Die Sitzverteilung auf Basis der Zwischenergebnisse zeigt: Es könnte reichen für die "Dänen-Ampel". Knapp, mit einem Sitz Vorsprung, so sieht es zunächst aus, würden SPD, Grüne und der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) in Kiel regieren. Doch noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt. Klar ist vorerst nur, dass Schwarz-Gelb im Norden abgewählt ist. Und dass es in den kommenden Stunden nervenaufreibend spannend werden dürfte.
SPD und CDU liegen nahezu gleichauf, beide erzielten rund 30 Prozent der Stimmen. Gerade die Sozialdemokraten hatten sich mehr erhofft. "Das ist nicht das Ergebnis, das ich euch versprochen habe", sagt ein sichtlich geknickter Torsten Albig, als er rund 30 Minuten nach Veröffentlichung der ersten Zahlen auf die Bühne kommt. "Das ist auch kein Ergebnis, das die Begeisterung widerspiegelt, die ich im Land gespürt habe."
"Aber", nun hat sich Albig wieder gefangen und wird lauter, "dieser Abend ist noch lange nicht vorbei. Wir können den Politikwechsel noch erreichen." Und dann sagt er den entscheidenden Satz: "Wir können auch Ein-Stimmen-Mehrheiten." Die SPD - und vor allem Albig - ist fest entschlossen. Wenn es sein muss, übernehmen die Sozialdemokraten auch mit dem denkbar knappsten Vorsprung die Macht in Kiel.
Große Koalition einzige Option für die CDU
Wenige Meter Luftlinie entfernt feiert sich die CDU als Wahlsieger. Minutenlangen Applaus gab es für Spitzenkandidat Jost de Jager. Er hat es geschafft, die noch vor wenigen Monaten drückende Überlegenheit von Rot-Grün zu durchbrechen. CDU-Mann de Jager weiß aber auch: Für ihn ist eine Große Koalition die einzig realistische Chance, seine Partei im Norden an der Macht zu halten. Ein Jamaika-Bündnis mit FDP und Grünen dürfte am Widerstand letzterer scheitern. Und bei der sogenannten Dänen-Ampel wäre die CDU ohnehin außen vor. Anders als die Konkurrenten war seine Partei ohne Koalitionstendenz in den Wahlkampf gegangen. Er werde mit allen Seiten Gespräche führen, kündigt de Jager nun an. Eine "Ampel" dürfe es in Kiel nicht geben.
Auf diese Botschaft hatte sich die Kommunikationsstrategie der CDU in den vergangenen Wochen reduziert. Auf der Zielgeraden versuchte de Jagers Partei mit fragwürdigen Mitteln noch einmal, so etwas wie Gift in den bis dahin weichgespülten Wahlkampf zu gießen - und machte kräftig Stimmung gegen die "Dänen-Ampel". Dabei wurden schon einmal die Grenzen des Anstands überschritten. Auf einem Flugzettel unterstellte die CDU dem SSW, er fordere ein "Taschengeld für Hafturlauber".
Das Problem: Einen solchen Punkt sucht man im Wahlprogramm der Dänen-Partei vergeblich, das Handblatt musste geändert werden. Für ein CDU-Wahlplakat der "Anti-Ampel-Kampagne" setzte es sogar eine Strafanzeige. Eine klare Mehrheit für Rot-Grün hat die CDU so wohl verhindert. Ob es nun trotz der Schmutzkampagne für das Dreierbündnis aus SPD, Grünen und SSW reicht, müssen die letzten Stimmen-Auszählungen klären. Am Ende könnte es auf wenige hundert Stimmen ankommen.
"Adenauer hat auch mit einer Stimme Mehrheit wunderbar gearbeitet"
Keinen Grund mehr zum Zittern gibt es bei der FDP. Ein gelöster Wolfgang Kubicki sprach in Kiel von einem "unglaublichen Erfolg". Auf klar über acht Prozent hat das Urgestein aus dem Norden seine Liberalen gewuchtet, nach Monaten weit unter der Fünf-Prozent-Lebenslinie. Das Jubelgeheul seiner Anhänger war durch den halben Landtag zu hören. Und schon in einer Woche könnten die Liberalen angeführt von Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen die nächste Auferstehung feiern.
So sensationell das Ergebnis der FDP, so umjubelt der Erfolg der Piraten (mit deutlich mehr als acht Prozent) - in Kiel gibt es an diesem Abend nur eine Frage. Wer sitzt schon bald im Landtag auf der Regierungsbank? Bis dies geklärt ist, dürfte es noch dauern.
Das befürchtet auch Heide Simonis. Mit einer "Ampel" hätte die ehemalige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins kein Problem. "Konrad Adenauer hat auch mit einer Stimme Mehrheit wunderbar gearbeitet", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Ich hätte mir allerdings ein Ergebnis gewünscht, bei dem man nicht so lange warten muss."
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