Wahl in Schleswig-Holstein Wer holt Kiel?

Die SPD braucht ein gutes Ergebnis - sonst ist der Schulz-Effekt verpufft. Die CDU hofft auf den Machtwechsel. Und Hoffnungsträger Habeck soll die Grünen päppeln. Alles Wichtige zur Wahl in Schleswig-Holstein.

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Das Superwahljahr geht in die nächste Runde. Die Republik schaut an diesem Sonntag gespannt nach Schleswig-Holstein: 2,3 Millionen Menschen sind dazu aufgerufen, den neuen Landtag zu wählen. Die Demoskopen verheißen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU, zuletzt lagen die Christdemokraten leicht vorne.

Aber was sind die Umfragen diesmal wert?

Profitieren die Sozialdemokraten an der Waterkant am Ende doch noch vom Amtsbonus ihres Ministerpräsidenten Torsten Albig? Die SPD hofft darauf. Nachdem die Werte auf Bundesebene zuletzt deutlich zurückgegangen sind, brauchen Martin Schulz und seine Sozialdemokraten dringend ein Erfolgserlebnis.

Und wenn es schiefgeht? Dann könnte die Entscheidung in Schleswig-Holstein möglicherweise sogar die politische Stimmung für die Landtagswahl eine Woche später in Nordrhein-Westfalen beeinflussen. Und damit die Dynamik im ganzen Land.

Auch die Grünen versprechen sich - endlich mal wieder - einen Schub von Kiel aus, sie wollen die Koalition mit der SPD und der Partei der dänischen Minderheit fortsetzen. Die FDP peilt ein gutes Ergebnis auf dem Weg zurück in den Bundestag an. Linke und AfD müssen um den Einzug in den Landtag zittern.

Die Hintergründe - alles, was Sie zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein wissen müssen:

Ein unbekannter und ein heimlicher Spitzenkandidat - die wichtigsten Personen

Ministerpräsident in Schleswig-Holstein ist seit fünf Jahren der Sozialdemokrat Torsten Albig, 53. Obwohl seine Partei bei der Landtagswahl 2012 knapp hinter der CDU gelandet war, konnte er ein Bündnis mit den Grünen und dem von der Fünfprozenthürde befreiten Südschleswigschen Wählerverband (SSW) bilden. Küstenkoalition nennt sich die Konstellation.

Albig liegt den Demoskopen zufolge im direkten Vergleich deutlich vor seinem CDU-Herausforderer Daniel Günther, 43. Das könnte aber auch daran liegen, dass der Christdemokrat erst seit einem halben Jahr Spitzenkandidat seiner Partei ist, nachdem Vorgänger Ingbert Liebing aufgegeben hatte.

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Torsten Albig: Schlussspurt eines Provokateurs

Der prominenteste Grüne im Land ist nicht einmal Spitzenkandidat seiner Partei: Vizeministerpräsident Robert Habeck, 47, könnte die im Bund schwächelnden Grünen zu einem sehr guten Ergebnis führen. Die Latte liegt allerdings hoch: Vor fünf Jahren holte man mehr als 13 Prozent, die Umfragen sehen die Partei derzeit knapp darunter. FDP-Spitzenmann Wolfgang Kubicki, 65, peilt einen zweistelligen Wert für die Liberalen an, was eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur letzten Wahl wäre.

Küstenkoalition oder was Buntes - die möglichen Bündnisse

Sie regieren mit nur einer Stimme Mehrheit, aber das sehr stabil - und deshalb wollen SPD, Grüne und der SSW ihre Koalition auch gerne fortsetzen. Ob das gelingt, hängt auch am Abschneiden von Linkspartei und AfD. Sollten beide Parteien den Sprung über die Fünfprozenthürde verpassen, wäre eine Neuauflage dieses Bündnisses deutlich realistischer.

Falls die CDU allerdings vor der SPD liegt und eine Küstenkoalition nicht möglich ist, wäre auch eine Große Koalition unter Führung der Christdemokraten vorstellbar.

Da sich CDU und SPD in Schleswig-Holstein allerdings traditionell wenig wohlgesonnen sind, dürften beide Parteien andere Koalitionen vorziehen. So wäre auch ein Bündnis von Sozialdemokraten, Grünen und FDP denkbar, die Ampel - theoretisch auch eine Koalition von CDU, Grünen und FDP. Einem solchen Jamaika-Bündnis stehen die Grünen allerdings sehr skeptisch gegenüber.

Schlampen-Faktor und Jungwähler - die Waterkant-Besonderheiten

Die Barschel-Affäre, der Heide-Mörder, die Intrigen um CDU-Mann Christian von Boetticher - kein Bundesland hat in den vergangenen Jahrzehnten wohl so viele Polit-Krimis und -Skandale produziert wie Schleswig-Holstein. Demgegenüber ist es aktuell geradezu langweilig: Ministerpräsident Albig zeigt außer kahlem Schädel und markanter Brille wenig Ecken und Kanten, sein Herausforderer Günther wirkt wie ein BWL-Student fortgeschrittenen Semesters, und selbst FDP-Raubauz Kubicki ist zahm geworden.

Lediglich die Attacke einer Frau aus dem Publikum, die in einer TV-Runde dem so harmlos wirkenden CDU-Spitzenkandidaten vorwarf, sie als Schlampebezeichnet zu haben, sorgte für ein bisschen Aufregung.

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CDU-Herausforderer in Schleswig-Holstein: Günther muss kämpfen

Ansonsten geht es darum, wer nun am langsamen Ausbau der Autobahn 20 schuld ist und wie man künftig zwischen G8- und G9-Abitur entscheiden kann. Und dann gibt es doch noch eine Besonderheit: Zum ersten Mal dürfen in Schleswig-Holstein schon Wähler ab 16 Jahren abstimmen.

Und dann - die möglichen Folgen

Besonders im Berliner Willy-Brandt-Haus ist die Nervosität vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein groß: Nach der Pleite im Saarland vor einigen Wochen war ein Erfolgserlebnis in Kiel eingepreist. Nun aber wird es eng. Sollte die SPD die Staatskanzlei im hohen Norden verlieren, würde das die Stimmung bei den Sozialdemokraten erheblich trüben.

Das gilt für die Kampagne von Kanzlerkandidat Schulz genauso wie für die NRW-Landtagswahl eine Woche später. Falls Hannelore Kraft in Düsseldorf nicht wiedergewählt wird, sähe es für Schulz und die Genossen im Bund düster aus. Angela Merkel und die Union dagegen könnten frohlocken. Der Schulz-Hype, der CDU und CSU kalt erwischte, hätte sich fürs Erste erledigt.

Holt Hoffnungsträger Habeck für die Grünen im Norden ein anständiges Ergebnis, würde seine Bedeutung für die Partei auch bundesweit weiter steigen. Nach dem Umfrageabsturz steht das eigentliche Spitzenduo aus Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt ohnehin schon unter verschärfter Beobachtung - die Stimmen dürften lauter werden, die eine herausragende Rolle für Habeck auch im Bundestagswahlkampf einfordern.

Und dann ist da noch die AfD-Frage: Scheitern die Rechtspopulisten am Einzug in den Kieler Landtag, würde das einen Dämpfer für die bundespolitischen Ambitionen der Partei bedeuten.

Videoanalyse: "Vielleicht hat Albig die Lage unterschätzt "

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jojack 07.05.2017
1. Fast schade
Selbst wenn die SPD knapp gewinnt: ein "Schulz-Effekt" sieht anders aus. Das gleiche gilt im SPD-freundlichen NRW, ein knapper Sieg der SPD reicht dort nicht, um von einem positiven Trend für die SPD zu sprechen. Das ist fast schade. Wenn Schulzens SPD bei den letzten Landtagswahlen vor der Bundestagswahl nicht punktet, ist die Spannung raus. Dabei wäre es wichtig, Merkel im Wahlkampf einmal wirklich zu fordern. So aber zieht sie einsam ihre Kreise und kann Schulz geflissentlich ignorieren.
Nr43587 07.05.2017
2.
Muss es nicht heißen "Wer geht Kiel holen?" Albig hat sich den Ruhestand redlich verdient.
BjoBa 07.05.2017
3. Und wieder verstecktes Wunschdenken...
Am Anfang heisst es CDU und SPD liegen gleich auf mit leichtem Vorsprung der CDU. Später heisst es, es ist auch eine grosse Koalition mit CDU Mehrheit möglich. SPD Mehrheit wird nicht in Betracht gezogen. Unterschwellig versuchen Spiegel Kommentatoren immer mehr die CDU ins positive Rampenlicht zu ziehen. Hat es mit einem finanziellen Vorteil oder mit Druck von Oben zu tun?
josho 07.05.2017
4. Nachdem Albig Frau Merkel......
....als alternativlos propagiert hat ("am besten keinen Gegenkandidaten"), braucht er sich nicht zu wundern, dass die Leute nicht ihn, sondern die Konkurrenz wählen.
werjor 07.05.2017
5. Albig sagte einmal Merkel sei die beste Ksnzlerin
Da ist es ja dann nur konsequent, wenn die CDU auch den Ministerpräsidenten stellt, so kann die Politik von Frau Merkel effektiver umgesetzt werden. Je eher die Menschen merken dass die SPD nichts anzubieten hat und es der Partei nur um Anschlussverwertung und Posten geht umso besser. In welchem SPD geführten Bundesland geht es aufwärts ? In keinem ! Die sind alle auf der Überholspur auf der Autobahn des Niedergangs....NRW Bremen .....
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