Wählerverhalten Arbeitslose, Arbeiter, Selbstständige - alle wählen AfD

Die AfD hat bei den Wahlen in Brandenburg und Thüringen in nahezu allen Berufsgruppen gepunktet. Die Linke ist stark bei den Arbeitslosen, die SPD bei den Rentnern. Die wichtigsten Wähler-Details im Überblick.

Von , und (Grafik)


Erfurt/Potsdam - 10,6 Prozent in Thüringen, 12,2 in Brandenburg - die AfD ist die Gewinnerin der Doppel-Landtagswahl. Doch wer wählt die rechtskonvervative Partei eigentlich? Die ARD liefert mit Infratest Dimap (Stand: 20 Uhr) eine genaue Wähleranalyse, hier sind die wichtigsten Ergebnisse:

1. Altersgruppen

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Heft 38/2014
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In Thüringen ist eine Zweiteilung zwischen CDU, SPD und Linken sowie Grünen und AfD zu erkennen: Während die ersten drei Parteien mehr Wähler in den Altersgruppen ab 45 Jahren fanden, erzielten die Grünen und die Alternative für Deutschland (AfD) ihre stärksten Ergebnisse bei den Stimmberechtigten zwischen 18 und 44 Jahren.

In Brandenburg waren erstmals auch 16- und 17-Jährige wahlberechtigt. Eine klare Jugendpartei zeichnet sich jedoch nicht ab. Nahezu alle Parteien, die in den Landtag einzogen, konnten Erstwählerstimmen gewinnen. Die SPD und CDU waren mit 19 Prozent am stärksten, aber auch Grüne (15), Linke (15) und AfD (15) waren gefragt. Die FDP kam unter den Neu-Wählern auf gerade einmal ein Prozent.

Bei den großen Volksparteien SPD und CDU ist in Brandenburg ein Unterschied zu erkennen: Während die Christdemokraten in jedem Alterssegment konstant auf Ergebnisse zwischen 19 und 27 Prozent kommt, wächst der SPD-Zuspruch, je älter die Wählerschaft ist. Während die rechtsextreme NPD vor allem von jungen Männern gewählt wird, kann die AfD auf eine breite Basis in fast allen Altersschichten bauen. Einzig bei den über 60-Jährigen nimmt die Begeisterung für die neue Partei merklich ab.

2. Berufe

Welcher Berufsstand wählte welche Partei? In Thüringen gibt es einige Trends: Die CDU hat die meisten Stimmen bei Beamten (48 Prozent) und Selbstständigen (44 Prozent) gesammelt. Bei Letzteren kommt die SPD nicht an vier Prozent). Die größten Anhänger der Sozialdemokraten sind in diesem Bundesland die Rentner (16 Prozent).

Die Linken wiederum scheinen in Thüringen Heimat der Arbeitslosen zu sein: 41 Prozent der Menschen ohne Beschäftigung wählten die Partei von Spitzenkandidat Bodo Ramelow. Die AfD kann in nahezu allen Berufsgruppen gleichmäßige Stimmzahlen vorweisen, einzig bei den Rentnern (sieben Prozent) sieht es mager aus.

In Brandenburg zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Die SPD hat ihren stärksten Zuspruch hier ebenfalls bei den Rentnern (40 Prozent), die Linken erreichten erneut die meisten Stimmen bei den Arbeitslosen (27 Prozent). Die CDU fand auch hier unter den Selbstständigen den größten Zuspruch. Das AfD-Publikum ist breit gemischt: 19 Prozent der Stimmen kamen von Arbeitern, 17 Prozent von Selbstständigen und 14 Prozent von Arbeitslosen.

3. Geschlecht

Große Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Männern und Frauen gab es in Thüringen und Brandenburg nicht. Die SPD in Brandenburg hat von Frauen fünf Prozentpunkte mehr bekommen als von Männern. Die AfD wird tendenziell eher von Männern gewählt - dies gilt auch für Thüringen. Auffällig: Die Grünen erreichen in beiden Bundesländern ihr bestes Ergebnis bei Frauen zwischen 16 beziehungsweise 18 und 24 Jahren.

4. Stammwähler oder Kurzentschlossene

Fällt die Wahlentscheidung erst in der Kabine, oder ist sie schon lange vorher klar? Im Falle der AfD in Thüringen ist zu erkennen, dass nur wenige erst am Wahltag ihren Entschluss gefasst haben. 29 Prozent entschieden sich bereits in den vergangenen Wochen, 33 Prozent vor längerer Zeit. Eine Tendenz, die in Brandenburg ebenfalls erkennbar ist.

Von den Kurzentschlossenen profitierten in Thüringen insbesondere die Grünen. 24 Prozent ihrer Anhänger trafen ihre Wahl erst in den Tagen vor der Abstimmung. Bei der FDP waren es 23 Prozent, die sich sogar erst am Wahltag entschieden. Liberale und Grüne sind auch in Brandenburg die Parteien, die erst kurzfristig ihre Anhänger überzeugten.

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telltaleheart 15.09.2014
1. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?
Arbeitslose die AfD wählen? Das hat schon was von Flagellantentum. Man denke nur an das einstige Mantra von Hans-Olaf Henkel, mit dem er durch die Talk Shows tingelte: "Zu sozial ist unsozial." Diese Protestwählerei treibt schon sonderbare Blüten.
KlausHofer 15.09.2014
2. Nichts wirklich Neues...
Schon Franz Josef Strauß hat bei den Linkswählern ( seinerzeit DKP etc. ) zutreffend festgestellt, daß diese Alles bestreiten, außer ihrem Lebensunterhalt. Insoweit überrascht die Analyse nicht. Der Anteil derjenigen, die gewollt dauerhaft von sog. Transferleistungen leben, dürfte bei den Linken extrem hoch sein, da es sich um eine sozialistische Umverteilungspartei handelt... Aus Gründen der "political correctness" darf das heute aber nicht mehr so offen ausgesprochen werden.
helle_birne 15.09.2014
3. Das pubertäre Wahlverhalten
der Jungwähler (die AfD wählen, das klingt so schön verboten) wäre ganz lustig, wenn sie damit nicht reaktionären alten Männern zu politischer Bedeutung verhelfen würden, die Deutschland wieder in die Zeit Helmut Kohls oder - noch schlimmer - Konrad Adenauers zurückführen wollen. Die von einer breiten linken Koalition beschlossene Absenkung des Wahlalters auf 16 in Brandenburg war unter diesem Aspekt wohl ein Fehler, die damit (auch von mir für gut gehaltene) angestrebte Erschließung neuer Wählergruppen für linke Parteien ist nicht gelungen. Das muss ich als politisch Linker selbstkritisch anmerken...
Hilfskraft 15.09.2014
4. interessante Statistik
also nicht die, die so gerne als irgendwie unzurechnungsfähig hingestellt wurden, wählten AfD. Also Leute, die durchaus 1+1 in der Lage sind, addieren zu können, ohne sich von Merkel das Ergebnis diktieren zu lassen. Leute, die selber rechnen können müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Wir lernen also dazu. Es scheint doch eine Alternative zu Merkel zu geben. Die nächsten Landtagswahlen werden interessant ...
observerlbg 15.09.2014
5. Die SPD findet also bei den Rentnern noch Zuspruch?
Nicht wirklich verwunderlich, oder? Werden diese schließlich nicht mehr durch die Agenda 2010 unter Druck gesetzt. Und an den nachhaltigen Verbleib der AfD sollten wir uns alle rechtzeitig gewöhnen! Das trifft aber vorallem die F.D.P. (R.I.P.).
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