Wahlberichterstattung ARD-Chefs streiten über Eklat beim NPD-Interview

Nach der Wahlberichterstattung von ARD und ZDF ist es unter den ARD-Landeschefs zu heftigen Meinungsverschiedenheiten über den journalistischen Umgang mit NPD-Vertretern gekommen. Nun wird über Leitlinien nachgedacht.

Von Daniel Freudenreich


ARD-Wahlstudio: Hilflose Reaktionen auf NPD-Auftritte
DDP

ARD-Wahlstudio: Hilflose Reaktionen auf NPD-Auftritte

Berlin - Die Schaltkonferenz der ARD am Mittag ist gemeinhin ein recht unaufgeregtes Geplänkel. Noch immer wie in den sechziger Jahren nur per Ton-Schalte verbunden, melden sich die Chefredakteure aus Köln, München oder Hamburg zu Wort und fragen gebetsmühlenartig nach "Kommentaren, Fragen oder Anregungen" zu ihren Sendungen.

Ganz anders sah die Lage am Montag aus. Es wurde, wie SPIEGEL ONLINE von Sitzungsteilnehmern erfuhr, heftig gestritten. Die Sitzung dauerte ganze 45 Minuten. Der Grund: Die ARD sah beim Umgang mit der ins sächsische Parlament eingezogene NPD als auch im Gespräch mit DVU-Vertretern in Brandenburg nicht besonders gut aus.

In der "Tagesschau" hatte am Wahlsonntag MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich ein Interview mit dem sächsischen NPD-Landeschef Holger Apfel abbrechen lassen, nachdem dieser auf die Frage nach seiner künftigen Arbeit im Landtag ausweichend geantwortet hatte und von MDR-Reporterin Sylvia Peuker mehrmals unterbrochen worden war. Den Vorfall kommentierte Kenntemich mit den Worten, dies sei ein Beispiel für eine "möglicherweise sich entwickelnde sehr undemokratische Gesprächskultur".

Zuvor hatte Apfel einen "grandiosen Sieg für das deutsche Volk" verkündet und dem MDR-Chefredakteur "keine allzu gute Kinderstube" vorgeworfen.

Im "heute" des ZDF war es schon eine Stunde vorher zum Eklat gekommen, als der NPD-Spitzenkandidat von "einem großartigen Tag für alle Deutschen, die noch Deutsche sein wollen" und einer "asozialen Wirtschaftspolitik" sprach. Empört ob dieser Parolen verließen die übrigen Spitzenkandidaten die Gesprächsrunde, obwohl ZDF-Redakteurin Bettina Schausten zuvor noch in einem Anflug von Verzweiflung Apfel zum Schweigen aufgefordert hatte: "Seien Sie bitte still, seien Sie bitte still".

Empörte Anrufe von Zuschauern

Bei beiden öffentlich-rechtlichen Sendern war damit das Vorhaben gescheitert, den NPD-Kandidaten in eine sachliche Diskussion zu verstricken, ohne rechte Parolen übertragen zu müssen.

In den Zuschauerredaktionen gingen noch am Sonntag zahlreiche empörte Anrufe ein. Nicht nur offen rechtsgerichtete Leute beklagten sich über die Berichterstattung, viele andere beschwerten sich über die schlecht vorbereiteten Moderatoren. Vor allem dieser Vorwurf machte den Chefredakteuren zu schaffen.

Einer der Landeschefs sprach über die von der ARD mitgenerierte "Märtyrer-Rolle", in die sich die NPD gern stecken lässt und so noch mehr Wähler anziehen kann. "So wie es bei uns lief, gefällt es der NPD", polterte ein anderer übers Mikrofon. Schnellstens, so der Konsens der Runde, müsse eine klare Linie für die Heerscharen von öffentlich-rechtlichen Berichtserstattern her, die ab nun über die NPD und die DVU in den Parlamenten senden müssen.

Am Montag jedoch ergab die Diskussion nur Grundzüge eines solchen Leitfadens. Grundsätzlich dürfe man die Rechtsextremisten nicht - wie geschehen - "totschweigen", riet einer der Landeschefs der Runde. Einigkeit bestand deshalb, dass man in Zukunft lieber gut vorbereitete Gespräche führen sollte, statt die Rechtsextremisten mit dem erhobenen Zeigefinger aber ohne Argumente abzukanzeln.

ARD-Chefredakteur spricht von Überraschungseffekt

ARD-Chefredakteur Hartmut von der Tann wollte sich zum Inhalt der Montagsrunde gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Zum Umgang mit den Rechtsextremen erklärte er: "Man darf ihnen unter keinen Umständen die Möglichkeit geben, sich in die Opferrolle zu fügen." In einer scharfen inhaltlichen Diskussion gelte es die Rechten zu entlarven, denn dort lägen ihre Schwächen.

Den Verlauf des Apfel-Gesprächs in der "Tagesschau" erklärte von der Tann mit einem einmaligen "Überraschungseffekt", den es künftig so nicht mehr geben werde. Nichtsdestotrotz sei es schwer, mit Leuten ein Gespräch zu führen, die eigentlich nicht diskutieren wollten.



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