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Wahlboykott-Video im Internet: "Wir wollten diese Irritation!"

Von Alex Wolf

Erst der provokante Boykottaufruf, dann die Kehrtwende: Im neuen Internet-Video "Geh hin!" korrigieren Tagesschau-Sprecher Jan Hofer und zwei Dutzend Prominente das gewollte Missverständnis der vergangenen Woche. Die wahre Botschaft lautet: "Nutzt euer Wahlrecht!"

Berlin/Hamburg - Selbst als Jan Hofer lesen musste, ein SPD-Bundestagsabgeordneter habe zum Boykott der Tagesschau aufgerufen, kamen ihm keine größeren Zweifel. "Ich müsste doch extrem geltungssüchtig oder extrem dämlich sein, in einem Video zum Nicht-Wählen aufzurufen", sagte der "Tagesschau"-Nachrichtensprecher. Es müsse doch für jeden nach ein wenig Recherche klargewesen sein, dass es sich bei dem in der vergangenen Woche auf YouTube veröffentlichen Video "Nicht wählen - Geh nicht hin! - Das Original" um Ironie handele.

"Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer: Gewolltes Missverständnis
DDP

"Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer: Gewolltes Missverständnis

"Wir wollten provozieren", erklärte Stefan Gehrke von politik-digital.de, Produzent und Initiator des Videos, am Dienstag in Berlin. Auf einer Pressekonferenz stellte er mit einigen der mitwirkenden Prominenten und Friedrich Küppersbusch, Geschäftsführer der Fernsehproduktionsfirma probono.tv, den aufklärenden zweiten Teil des Internet-Videos vor.

"Das alles war Teil unseres Konzeptes. Nur so haben wir die nötige Aufmerksamkeit für unsere Botschaft bekommen", sagte Küppersbusch. Die sei natürlich nicht, die Menschen zum Wahlboykott aufzurufen, wie von einigen Medien und vielen Internet-Nutzern nach der Veröffentlichung des ersten Videos vermutet. Im Gegenteil: Man wolle erreichen, dass die Menschen nachdenken über die Wahl und über ihre eigene Rolle dabei. "Jede Stimme zählt", sagte Jan Hofer.

In dem am Dienstag veröffentlichen zweiten, endgültigen Video "Geh nicht hin! - Der Film" äußern sich Prominente aus allen gesellschaftlichen Bereichen in knapp dreieinhalb Minuten über die Bundestagswahl 2009. Da redet "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer davon, er lese täglich Meldungen über Länder, in denen Menschen für ihr Wahlrecht sterben. Auch die Moderatorinnen Sarah Kuttner und Sandra Maischberger, Violinistin Anne-Sophie Mutter und Schauspieler Mike Krüger fordern, mit dem Wahlrecht verantwortungsvoll umzugehen - und es auszunutzen. "Geh hin!", so lautet die Parole der insgesamt 32 mehr oder weniger Prominenten.

Vorwurf: Gute Schlagzeile statt sorgfältiger Recherche

Man wolle keine politische Supernanny sein. "Wir wollen nur, dass die Leute nachdenken. Sie sollen sich überlegen, ob sie wählen gehen und damit ein aktiver Teil dieser Demokratie sein wollen", sagte der Schauspieler und Musiker Tyron Ricketts, der wie alle Beteiligten kein Honorar bekommen hat.

Dabei fielen die Reaktionen auf das erste Video gerade im Internet, also bei den Erstadressaten, recht kritisch aus. In den mehr als tausend Kommentaren der YouTube-Nutzer wurde vor allem beanstandet, das Video habe nicht den gewünschten Effekt, im Gegenteil: es motiviere zum Nicht-Wählen. Es fehle die Pointe, die das US-Vorbild "Don't vote!" erst so genial gemacht habe. "Wenn man sich das amerikanische Original reinzieht, verstehe ich nicht, wie man es verpassen konnte, die Ironie deutlich zu machen", wundert sich etwa der YouTube-Nutzer "F22Raptor85".

Zur Erinnerung: Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen hatte eine Reihe von prominenten Musikern und Schauspielern in einem Internet-Video dazu aufgerufen, nicht wählen zu gehen. Sie fragten: "Wer kümmert sich schon um Klimawandel? Was zum Teufel ist Darfur?" und Ähnliches. Außerdem hatten die Protagonisten ihre "Don't vote"-Forderung mit verschiedenen Bedingungen verknüpft. "Geh nicht hin, wenn dir deine Zukunft egal ist!", "Geh nicht wählen, außer du interessierst dich für deine Gesundheitversorgung", und so weiter. Im ersten Teil des deutschen Ablegers fehlt diese inhaltliche Wendung - und das sorgte für einige Verwirrung.

Viele Medien fragten per Überschrift "Aufruf zum Wahl-Boykott?" - bei Jan Hofer trifft das noch heute auf Unverständnis. "Da haben einige Journalisten ihre Sorgfaltspflicht verletzt und für eine gute Schlagzeile die Recherche vernachlässigt." Auch MTV-Moderator Patrice beschwerte sich über die Reaktionen: "Gerade die sogenannten Intellektuellen haben die Ironie nicht verstanden."

Im Internet konnte man zudem den Spott über die "billige Kopie einer amerikanischen Idee" herauslesen. "Togolino40" schrieb: "Schlecht kopiert. Da hat ja wohl einer die amerikanischen Spots nicht verstanden. Denken hilft." Küppersbusch sagte dazu, er sei sogar stolz darauf, auf dem Zug des erfolgreichen amerikanischen Vorbildes "Don't vote!" aufgesprungen zu sein. "Ich reiße doch auch nicht die Sicherheitsgurte aus dem Auto, nur weil sie aus den USA kommen", rechtfertigte Küppersbusch die Kopie. Und nach dem zweiten Teil sei nun ja auch klar, wie es gemeint gewesen sei.

Anruf von der Mutter: "Bist du verrückt?"

Aber war das wirklich so überraschend? Küppersbusch gab jedenfalls unumwunden zu, dass dieser Effekt durchaus kalkuliert und gewünscht war: "Wir wollten diese Irritation!". Und selbst in der eigenen Familie sei zuerst nicht klargewesen, was Sache ist. "Mich hat meine Mutter angerufen und gefragt: 'Bist du verrückt, was machst du denn da?'", erzählte Küppersbusch. Auch Jan Hofer habe einen Anruf dieser Art erhalten, jedoch von seiner 20-jährigen Tochter. Sie habe aber nicht wirklich geglaubt, was sie da höre, sagte der Nachrichtensprecher.

Die Verwirrung, die noch in der letzten Woche vorherrschte, wurde nun also aufgelöst. Aber kann die Aktion der zuletzt so niedrigen Wahlbeteiligung und der steigenden Politikverdrossenheit entgegenwirken? Friedrich Küppersbusch hofft zumindest, einen Diskurs ausgelöst zu haben, in der Gesellschaft und auf der Internet-Seite www.gehnichthin.de. "Jeder soll sich am Wahltag zehn Minuten nehmen, in denen er mit klarem Kopf seine Entscheidung fällt." Wie immer die auch aussehe, sie solle bloß nicht "aus Versehen" fallen.

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