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Wahlkreis Berlin-Mitte: Kampf um das Herz der Republik

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Kampf um Wahlkreis Nummer 75: Grün gegen Rot in Mitte Fotos
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Im Wahlkreis Berlin-Mitte treffen Ost und West aufeinander, Regierungssitz und Problemviertel. Im Zentrum der Republik kämpft der Grüne Özcan Mutlu als Koch, Jogger und Parkbank-Talker um das zweite Direktmandat für seine Partei. Eva Högl von der SPD will das verhindern.

Berlin - Berlin-Mitte ist reich und arm, jung und alt, schwarz und weiß. Ist Cafe Einstein und Späti. Kaum ein Wahlkreis ist vielfältiger als die Nummer 75. Wer im politischen Zentrum Deutschlands siegen will, muss im Ortsteil Mitte um Stimmen buhlen - ehemals Ost-Berlin, heute Luxusviertel, Reichstag, Museumsinsel, Brandenburger Tor und Wohnort von Angela Merkel.

Er muss aber auch im Wedding kämpfen - ehemals West-Berlin, heute Problemviertel und Wohnort von Einwanderern, Studenten, Künstlern und Berlin-Domizil von Peer Steinbrück.

2009 holte Eva Högl von der SPD das Direktmandat mit 26 Prozent - mit einem so niedrigen Ergebnis hat es vor ihr kaum einer direkt ins Parlament geschafft. Bei den Zweitstimmen lagen die Grünen vorn. Bis heute ärgern sie sich in der Partei, jetzt werben sie mit Özcan Mutlu gezielt um Erststimmen.

Mutlu liefert den professionellsten Wahlkampf. Högl kann auf ihre bundesweite Bekanntheit setzen. Die Gesichter der beiden sind es, die das Straßenbild in Mitte dominieren, die beiden liegen auch bei der Wahlwette von SPIEGEL ONLINE vorn.

Dagegen haben es die anderen Kandidaten schwer. Für die CDU tritt Philipp Lengsfeld an, Sohn der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. Klaus Lederer will für die Linken gewinnen. Doch in Berlin-Mitte, in unmittelbarer Nähe zum Regierungssitz, spielen Union und FDP nur Nebenrollen.

Der Kampf zwischen Mutlu und Högl in Mitte ist symptomatisch für das komplizierte Verhältnis zwischen Rot-Grün. Beide werben um ähnliche Wähler, sind eigentlich Wunschpartner. Aber die Grünen wollen nicht mehr nur kleine Schwester sein, sondern Partner auf Augenhöhe. Sie stecken bei Direktkandidaturen nicht mehr zurück, wollen selbst ran. Bisher hat einzig Hans-Christian Ströbele ein Direktmandat für die Grünen geholt. Das könnte nach dem 22. September anders aussehen: zum Beispiel in Freiburg und Stuttgart, in Frankfurt am Main. Und in Berlin-Mitte.


Özcan Mutlu

Özcan Mutlu in Berlin-Mitte: "Mutlu heißt glücklich" steht auf dem T-Shirt Zur Großansicht
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Özcan Mutlu in Berlin-Mitte: "Mutlu heißt glücklich" steht auf dem T-Shirt

Özcan Mutlu hat ein klares Ziel, er nennt es sein Projekt: das zweite Direktmandat für die Grünen, nach dem von Urgestein Ströbele in Kreuzberg. Die Chancen für Mutlu, den Mann mit Teddybär-Charme und Machthunger, stehen nicht schlecht.

Wer will, kann den 45-Jährigen in seine Küche einladen und mit ihm Gemüse schnibbeln, durch den Wahlkreis joggen oder auf einer Parkbank plaudern. Diese Aktionen sind das Herz seiner Kampagne. Mutlu nennt sie die "vielfältigste in Deutschland".

Dahinter steckt Claudius Brüning, 29 Jahre alt, ehemals Kindergarten-Mitarbeiter und jetzt Mutlus Wahlkampfmanager. Insgesamt beschäftigt Mutlu 24 Mitarbeiter, für einzelne Aktionen mobilisiert er bis zu 60 Helfer. Auf Twitter schrieb "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann: "Ich finde den grünen Mutlu gut."

Mutlu war fünf, als seine Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen. Er hat in Berlin seine Ausbildung zum Informationselektroniker und sein Ingenieursstudium gemacht. Seit 1999 ist er Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, hat einen Ruf als Experte für Bildungspolitik. Vor zwei Jahren zog Mutlu von Kreuzberg nach Mitte, in den "vielfältigsten Wahlkreis", wie er ihn nennt.

Er hat ihn je nach Themenschwerpunkten in sechs Regionen unterteilt, mal spricht er besonders intensiv über Renten, mal über Bildung oder Armut. Zudem hat er vier unterschiedliche Info-Flyer im Angebot: für Singles, für Senioren, für Familien, für Menschen mit Migrationshintergrund.

Ein Mutlu für alle. Darunter geht es in Mitte nicht.

Dass Mutlu in den Bundestag einziehen wird, gilt als sicher. Er steht auf Platz zwei der Grünen-Landesliste. "Aber mit Direktmandat hat meine Stimme mehr Gewicht", sagt Mutlu. In Eva Högl sieht er seine stärkste Rivalin. Aber: "Das müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir verlieren."


Eva Högl

Eva Högl auf Wahlkampftour: "Mit Herz für Mitte" ist ihr Motto Zur Großansicht
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Eva Högl auf Wahlkampftour: "Mit Herz für Mitte" ist ihr Motto

Eva Högl spricht mit der Gelassenheit, die man hat, wenn man es schon mal geschafft hat. Mutlu? Sei nicht ihre größte Konkurrenz, sagt Högl. "Dann schon eher Lengsfeld von der CDU." Den Gegner kleinreden: Es ist eine beliebte Taktik, Högl beherrscht sie perfekt.

Im Wahlkampf helfen ihr sechs Mitarbeiter und zwei Praktikanten, die wichtigsten Themen sind Armut und Mieten. Högl setzt vor allem auf Prominenz.

Da ist zum einen ihre eigene. Högls Arbeit als Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss hat ihr landesweit Aufmerksamkeit verschafft. "Ich stehe jetzt für etwas, für den Kampf gegen Rechtsextremismus", sagt die 44-Jährige. Beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf erkennen die Menschen sie wieder, die Frau mit den blonden Haaren und dem roten Lippenstift. "Das hilft", sagt Högl. Sei aber keine Garantie für einen Wahlsieg.

Zum anderen kann Högl auf Promi-Unterstützer aus ihrer Partei zählen. Fotos auf ihrer Homepage zeigen sie neben Steinbrück, neben Steinmeier, neben Wowereit, neben Thierse. Und auf ihrer Facebook-Seite wirbt sie mit den "Unterstützern des Tages". Dabei arbeite sie bewusst nicht mit Bürgern, sagt Högl. "Ich will sie nicht in die Öffentlichkeit ziehen, das hätte etwas Entblößendes."

Die Juristin Högl sitzt seit Januar 2009 im Bundestag. Auch nach der Wahl wird sie wieder Mitglied sein, sie ist Spitzenkandidatin der Berliner SPD. Doch Högl will das Direktmandat, es sei "das allerwichtigste". Also zeigt sie sich bei Podiumsdiskussionen, bei Veranstaltungen von Verbänden und Unternehmen. Und geht auch mal mit Jusos auf Kneipentour.

Högl wohnt im Wedding, im selben Haus wie Peer Steinbrück. Ihr Ehemann ist Architekt und hat es gebaut. Um die Ecke liegen ein Puff, ein Afrika-Zentrum und eine Moschee, sagt Högl. Sie mag das, diese bunte Mischung in Mitte.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Tja schade
PTerGun 19.09.2013
Mit dem Nein, sowohl zu Ehegatten- als auch Familiensplitting haben mich die Grünen leider verloren. Das ist eine unerhörte breitflächige Steuererhöhung ausgerechnet für Familien mit Kindern. Wer sich sowas ausdenkt, gehört geprügelt. Begünstigt sind nur noch Partner, die nicht nur beide Arbeiten, sondern auch in etwa gleich viel verdienen. Alle anderen fahren schlechter mit der Grünen-Variante. Von wegen nur Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Oder hab ich da was falsch verstanden?
2. Lebensfremd und Ausnutzend
Benutzernameoptional 19.09.2013
Dass Grüne und SPD in einem Zentralbezirk einer Stadt vorne liegt, die sich nicht selbst ernähren kann, spricht Bände. CDU und FDP, also die Parteien, die für wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland stehen. haben in B-Mitte keine Chance. Klar, es ist die "bunte Mischung", die dort gefällt - finanziert wird der Spaß aus Baden-Württemberg und Bayern. Er ist nur noch nervig für Menschen, die täglich arbeiten, damit "Arm aber Sexy" den Berlinern weiterhin Spaß machen.
3. Komisch - es gibt 4 Kandidaten mit realistischen Chancen
1berliner 19.09.2013
Die Zuspitzung auf 2 Kandidaten ist etwas seltsam, wenn man sich das Erststimmenergebnis der letzten Wahl anschaut: SPD 26% CDU 22% Grüne 21,5 % Linke 19,1% Da ist alles offen, auch wenn Frau Högl und Herr Mutlu sicherlich leicht favorisiert sind.
4.
demophon 19.09.2013
Interessanter wäre es, im Artikel zu erfahren, in welchen Punkten sich die beiden Kandidaten politisch unterscheiden, anstatt über die unterschiedlichen Wahlkampfstrategien zu berichten.
5. Familiensplitting
feathersmcgraw 19.09.2013
@PTerGun: Ja das haben sie falsch verstanden. die Gruenen sind fuer (eine Form des) Familiensplittings.
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