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19. September 2006, 17:37 Uhr

Wahlen in Berlin

Panthersprung für die Grauen

Von Sonja Pohlmann

Die Seniorenpartei "Graue Panther" gehört zu den Gewinnern der Berliner Wahl. Künftig ist sie in acht Bezirksparlamenten vertreten. Kleinstparteien liegen bundesweit im Trend - viele Menschen flüchten zu ihnen, weil sie sich von den Volksparteien alleine gelassen fühlen.

Berlin – Norbert Raeder will Bürgermeister von Berlin werden, später vielleicht Bundeskanzler – jedenfalls möchte er das nicht mehr ausschließen. Zum ersten Mal hat seine Partei in Berlin politischen Einfluss. Zwar nicht auf Bundes- oder Landesebene, aber in acht der zwölf Berliner Bezirksparlamenten sind die Grauen Panther künftig vertreten. In Spandau, Neukölln und Reinickendorf sogar mit Fraktionsstärke. "Das ist für uns ein historischer Tag", sagt Raeder feierlich. 3,8 Prozent erreichte seine Partei stadtweit.

Der 37-Jährige Eck-Kneipier aus Reinickendorf ist Spitzenkandidat und Vorsitzender der Grauen Panther in Berlin. Er trägt Schnauzbart und eine "Vokuhila"-Frisur - vorne kurz, hinten lang. Seine Haare sind braun, nicht grau oder schlohweiß. So etwas ist selten bei den Grauen Panthern, die eigentlich eine Seniorenpartei sind. 1989 gingen sie aus einer Bewegung für Ältere hervor. Die ehemalige Grünen-Abgeordnete Trude Unruh gehört zu den Mitbegründern. Sie ist heute 81 Jahre und noch immer Vorsitzende der Partei. Themen wie Rente, Verbraucherschutz und innere Sicherheit haben sich die Grauen Panther unter ihrer Führung auf die Fahnen geschrieben.

"Poppen für die Rente?"

Doch die Berliner Panther haben sich verjüngt. Seit Raeder vor vier Jahren ihr Vorsitzender wurde, sank ihr Durchschnittsalter auf 38 Jahre. Damit sind sie die Juniortruppe der Partei - bundesweit liegt der Schnitt bei 60 Jahren. Raeder will jetzt ihr Pionier sein. Er möchte die Seniorenpartei zur "Generationenpartei" umkrempeln.

Das hört sich gut an - aber was eine solche "Generationenpartei" genau ist, kann Raeder nur schwammig erklären. "Sie vermittelt zwischen Jung und Alt", sagt er. Einen gemeinsamen Nenner hat er auch parat: "Jeder will doch, dass es seiner Oma besser geht". Ein konkretes politisches Ziel ist das nicht. Trotzdem hofft Reader, dass künftig nicht nur Rentner, sondern auch Familien und Jugendliche die Grauen Panther wählen.

Im Berliner Wahlkampf setzte er deshalb schon mal auf eine Kampagne, die jung, dynamisch und frech wirken sollte - bisweilen aber platt und populistisch daherkam. "Poppen für die Rente?" ist einer der Sprüche. Zu sehen ist auf dem Plakat ein Rentnerpaar. Der Mann umarmt die Frau zärtlich von hinten, sie lächelt verzückt und wirft den Kopf zurück. "Gegen Lügner und Betrüger", "Gegen Ignoranz und Abzocke" oder "Für 100% Ehrlichkeit" steht auf den anderen Plakaten.

Mit der "Popp-Kamagne" war Raeder allerdings einen Schritt zu schnell für die konservativen Mitglieder. Viele Graue Panther beschwerten sich telefonisch beim stellvertretenden Bundesvorsitzenden Dieter Meyer. Der zuckt nur mit den Schultern. "Die Berliner sind eben originell", sagt er. Meyer freut sich, dass Raeder auch auf jüngere Mitglieder setzt. Schließlich werden diese gebraucht - um die Rente der Alten zu sichern.

Raeder krempelt aber nicht nur die Kampagne, sondern auch die Rekrutierung der Mitglieder um. Martin Schulz, 29, engagierte er in seiner Kneipe "Kastanienwäldchen" - gleich von der Theke weg. Ralf Werner, 47, traf er im Reisebüro und bot ihm einen Wahlkreis an. Beide sitzen nun zusammen mit ihm im Bezirksparlament. Dort wollen sie sich als erstes für mehr Polizeipräsenz in den Straßen einsetzen. Ebenfalls ein Thema, das Rentner zu schätzen wissen.

"Ältere Menschen fühlen sich von der CDU allein gelassen"

Richard Hilmer, Geschäftsführer vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, ist vom Grauen-Wahlkampf überrascht: "Sie haben sich nicht eindeutig als Rentnerpartei zu erkennen gegeben", sagt er. Trotzdem ging Raeders Strategie nicht ganz auf. In Friedrichshain-Kreuzberg, wo viele jungen Berliner leben, erhielt die Partei nur 1,8 Prozent. Im ruhigen Bezirk Reinickendorf dagegen 7,2 Prozent.

Die vermeintliche Generationenpartei bleibt also Seniorenpartei. Viele ihrer neuen Wähler machten sonst bei der CDU ihr Kreuz, die meisten sind über 60 Jahre alt. "Die älteren Menschen fühlen sich von den Volksparteien allein gelassen - speziell von der Union", sagt Hilmer. Aber Senioren werden selten zu Nichtwählern. Sie suchen nach Alternativen und setzen nun auf die Grauen Panther. "Für die Union kann das langfristig gefährlich werden", sagt Hilmer.

Nicht nur die Grauen Panther, auch andere Kleinstparteien wurden gestärkt. Jenseits der rechtsextremistischen NPD pendeln sich Vereinigungen wie Elternpartei, Frauenpartei oder Tierschutzpartei bei einem Prozent der Stimmen ein. "Dass solche kleinen Parteien immer stärker werden, ist ein bundesweiter Trend", sagt Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer bei TNS Emnid im Bereich Politik- und Sozialforschung. Viele Menschen flüchten - weg von den großen, hin zu den kleinen Parteien. Sie sind enttäuscht, trauen den etablierten Parteien nicht mehr zu, ihre Probleme zu lösen.

"Die Bürger wählen egozentrischer"

Viele Bürger picken sich deshalb Parteien wie die Grauen Panther heraus, die sich auf ein spezielles Thema konzentrieren. Single-Issue-Wahlverhalten nennen Politikwissenschaftler das. "Die Bürger wählen egozentrischer", sagt Schöppner. Was gut für die Gesellschaft ist bleibt zweitrangig.

Raeder ist stolz darauf, jetzt zu den Größten der Kleinen zu gehören. Bei der Wahlparty in seiner Eckkneipe gibt er einige Runden Freibier aus. Am 27. Oktober wird er das erste Mal in der Bezirksverordnetenversammlung von Reinickendorf auftreten. "Nicht rumquatschen", sagt er, das wird hier eines seiner wichtigsten politischen Ziele sein. Aber das alleine dürfte keinen seiner Wähler glücklich machen. Konkrete politische Erfolge sind vor allem für die Kleinstparteien überlebenswichtig - sonst verschwinden ihre Wähler so schnell, wie sie gewechselt sind.

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