Wahlerfolg der Linken Am liebsten eine Swimming-Pool-Steuer

Die Linke feiert: Nach den Wahlerfolgen in Hessen und Niedersachsen ist sie endgültig im Westen angekommen. Ein Erfolg Oskar Lafontaines, jubeln seine Anhänger. Nur was sie damit anfangen wollen, ist den künftigen Abgeordneten noch unklar. Ypsilanti wählen? Die Reichen schröpfen?

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Berlin/Hamburg - "Durchbruch", "Meilenstein" - am Tag eins nach den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen ist Die Linke euphorisiert. Den Einzug in die beiden Parlamente feiern die Genossen als wichtigsten Erfolg nach der Neugründung der aus Linkspartei.PDS und Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) hervorgegangenen Partei. In Deutschland gebe es jetzt ein "Fünf-Parteien-System, und die politische Verschiebung in Deutschland wurde durch uns bewirkt", verkündete Parteichef Lothar Bisky heute stolz.

Linke-Politiker Flauger und Lafontaine: "Fast über Plan"
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Linke-Politiker Flauger und Lafontaine: "Fast über Plan"

Die Ausdehnung auf den Westen - das war das erklärte Ziel der Linken. Mit den Wahlerfolgen in Bremen im vergangenen Jahr und gestern in Niedersachsen und Hessen ist dieser Schritt gelungen.

Gestärkt ist nun vor allem die Rolle von Oskar Lafontaine - der Co-Parteivorsitzende und Chef der Bundestagsfraktion gilt als Schlüsselfigur für den Erfolg der Linken im Westen.

Stolz und Entspannung waren dem Ex-SPD-Chef heute anzusehen. Die Linke liege seit gestern mit ihren Zielen "fast über Plan", die Große Koalition werde sich in Zukunft weiter auf Die Linke zubewegen - und das Wirken seiner Partei für die Belange der Arbeitnehmer hält Lafontaine fast schon für grenzenlos: "Auch die Tarifabschlüsse werden jetzt besser." Schließlich habe Die Linke das politische Klima verändert Arbeitgeber fühlten sich dadurch unter Druck gesetzt, nicht nur minimale Lohnerhöhungen zu zahlen.

Wie selbstbewusst die Linke auftritt, lässt sich an ihrem Verhältnis zu den Sozialdemokraten ablesen: "Eine Zusammenarbeit mit der SPD ist immer möglich, aber nicht nach der Pfeife von Herrn Beck. Wir biedern uns nicht an", sagte Bisky.

Wie die parlamentarischen Neulinge in Hessen und Niedersachsen künftig auftreten werden, ist noch völlig offen. Nach der Anfangseuphorie hatte sich schon in Bremen schnell Ernüchterung breit gemacht. Die Abgeordneten fielen weniger durch Oppositionsarbeit auf, sondern quälten sich mit einer peinlichen Affäre: Der Fraktionsgeschäftsführer hatte sich in eine kurdischstämmige Abgeordnete der Linken verliebt und belästigte sie mit Liebesschwüren per SMS. Wegen "stalkling-ähnlichen" Verhaltens wurde er geschasst.

"Die DDR als friedlicherer Teil Deutschlands"

Politische Routine können auch die hessischen und niedersächsischen Mannschaften nicht vorweisen. Im Norden hat es Diether Dehm, 57, immerhin geschafft, die Gräben zwischen den verfeindeten Strömungen provisorisch zuzuschütten. Der Marxist ist die prominenteste Figur - und eine mit unrühmlicher Vergangenheit. Die Stasi führte den ehemaligen SPD-Mann als "IM Dieter" und "IM Willy", ohne sein Wissen, wie der beteuert.

Um einen Platz im Hannoveraner Landtag hat sich Dehm nicht bemüht, er sitzt für die Linksfraktion im Bundestag. Vergebens hat der Landeschef nach bekannten Köpfen für die ausgelobte knallharte Oppositionsarbeit gesucht. Nun will sich eine elfköpfige Fraktion der Namenlosen rasch bemerkbar machen. "Wir werden viel Leben in den Landtag bringen", rief Kreszentia Flauger, 41, bei Bier, Sekt und Chili con Carne auf der Wahlparty. Die IT-Expertin und Gewerkschafterin aus Kiel bildet mit Manfred Sohn, 52, die Spitze der Landesliste - ein landespolitisch unbeflecktes Duo. Flauger will sich vor allem für gebührenfreie Bildung, Mindestlöhne und einen Privatisierungsstopp stark machen.

Sohn hat bereits eine bewegte Parteivergangenheit: FDP, SPD, Spartakus-Bund und 20 Jahre DKP. Kurz vor der Wahl kramte eine Zeitung einen zwei Jahre alten Artikel Sohns aus der Linkspostille "Ossietzky" aus dem Archiv, in dem der promovierte Sozialwirt ostalgischen Gefühlen freien Lauf ließ. Da fabulierte er über die "schlichte Wahrheit", dass "die DDR 40 Jahre lang der friedlichere und sozial gerechtere Teil Deutschlands war". Heute sagt er: "Wir sind Realos geworden."



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