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25. September 2017, 10:11 Uhr

Datenanalyse zur Bundestagswahl

Volksparteien laufen Wähler weg - AfD und FDP profitieren

Von und

Der Schock sitzt tief: Union und SPD verlieren bei der Bundestagswahl an Zuspruch. Ihnen gehen deutlich Wähler verloren. Nur an die AfD? Nein. Das zeigt die Analyse.

Die ersten Hochrechnungen sind gerade ein paar Minuten alt, da beginnt in der Union schon die intensive Suche nach den Ursachen für das miserable Wahlergebnis: "Vielleicht ist die ganze Wählerschaft nach rechts gerückt", orakelt Innenminister Thomas de Maizière mit Blick auf den Stimmenverlust der eigenen Partei. CSU-Chef Horst Seehofer sieht die Fehler in der Flüchtlings- und Sicherheitspolitik: "Wir hatten eine Flanke auf der rechten Seite, eine offene Flanke." Die müsse nun geschlossen werden.

Doch haben CDU und CSU wirklich nur Wähler an die AfD verloren? Oder konnten auch andere Parteien von der Schwäche der Union profitieren?

Mit ihren Mutmaßungen liegen die beiden Politiker richtig - aber nur zum Teil. CDU und CSU mussten tatsächlich eine erhebliche Zahl von Wählern an die rechtspopulistische AfD abgeben. Ähnlich erging es den Sozialdemokraten. Aber nicht nur an die AfD sind die Wähler der einst großen Volksparteien abgewandert - sondern auch an die anderen kleinen Parteien. Das geht aus den Analysen von Infratest dimap für die ARD hervor.

Mit diesem Ergebnis haben wohl nur wenige Unionspolitiker gerechnet - auch wenn Kanzlerin Angela Merkel noch tröstend einwandte: Nach zwölf Jahren Unionsregierung sei dieses Wahlergebnis ja auch keine Selbstverständlichkeit. Doch die Verluste sind gravierend. Fast acht Prozent der Stimmen büßten CDU und CSU im Vergleich zur Wahl 2013 ein.

Die Daten der Wählerwanderung zeigen deutlich: Mehr als eine Million Wähler verliert die Union an die AfD. Ein Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin? Ein Gefühl der Unsicherheit nach terroristischen Anschlägen in Deutschland und ganz Europa? Darüber lässt sich bisher nur spekulieren.

Bemerkenswert ist allerdings, dass noch mehr ehemalige Unionswähler ihre Stimme der FDP gaben als der AfD. Etwa 1,6 Millionen Wähler wechselten vom konservativen ins liberale Lager - womöglich eine sanftere Form des Protests, in der auch die Hoffnung auf ein schwarz-gelbes Bündnis mitschwang - zu dem es nach derzeitigem Stand aber nicht kommen wird.

Noch einschneidender ist die Wahl für die Sozialdemokraten: Die SPD fährt das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Mit ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz verliert sie mehr als eine halbe Million Wähler an die AfD.

Aber auch sonst muss die SPD starke Wählerverluste hinnehmen - und zwar an alle Parteien: Besonders aber an Union (860.000) und die Grünen. Die Abwendung von der SPD hat also offenbar viele Gründe und konzentriert sich nicht, wie bei der Union, nur auf zwei Parteien.

AfD überzeugt die Nichtwähler

Als drittstärkste Kraft wird die AfD in den Bundestag einziehen: Wie bereits erwähnt, kann sie viele Wähler von Union und SPD für sich gewinnen. Aber auch einstige Wähler der Linken, die ebenfalls häufig als Partei der Protestwähler gesehen wird, wechseln zur AfD.

Den größten Zuwachs erhält die rechtspopulistische Partei allerdings bei der Gruppe der Nichtwähler. Mehr als 1,4 Millionen von ihnen gaben an diesem Sonntag ihre Stimme für die AfD ab. Punkten konnte die AfD wie keine andere auch bei der Gruppe der "Anderen". Dabei handelt es sich um Wähler, die vor vier Jahren für eine Partei stimmten, die es nicht in den Bundestag schaffte - wer sich letztlich dahinter verbirgt, ist jedoch nicht klar.

Zumindest in diesem Bereich zeigen sich zwischen AfD und FDP einige Gemeinsamkeiten: Die FDP, die nach der letzten Bundestagswahl ihren Wahlkampf aus der außerparlamentarischen Opposition betrieb, überzeugt ebenfalls viele Nichtwähler. Auch bei der Gruppe der "Anderen" legt sie zu. Ansonsten können die Liberalen um Parteichef Christian Lindner auch bei den anderen Parteien - bis auf die AfD - Zugewinne verbuchen. Am meisten kommen von der Union (1,6 Millionen), eine größere Gruppe von der SPD.

Linke und Grüne profitieren von schwacher SPD

Linke und Grüne weisen einige Ähnlichkeiten bei der Wählerwanderung auf: Beide profitieren von einer schwachen SPD und verbuchen Zuwächse aus dem Lager der Sozialdemokraten. Auch können sie beide ähnlich hohe Zahlen von Nichtwählern mobilisieren.

Eine größere Zahl von einstigen Grünen-Wählern wechselt allerdings zu den Linken (170.000).

Über alle Parteien hinweg ist zudem ein Zuwachs bei früheren Nichtwählern zu verzeichnen. Das ist auch Ausdruck der Wahlbeteiligung, die im Vergleich zu den Bundestagswahlen 2013 und 2009 stieg.

Und wie haben die Parteien in den unterschiedlichen Altersklassen abgeschnitten?

Für die Union wird bei dieser Frage eine besorgniserregende Entwicklung deutlich: Sie büßt im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl in allen Altersgruppen an Zustimmung ein. Besonders stark sind die Verluste bei den 25- bis 44-Jährigen. Aber auch bei den älteren Wählern, wo die Union normalerweise traditionell stark abschnitt, verlor sie fast zehn Prozentpunkte.

Die SPD dagegen verliert in allen Altersgruppen fast gleichmäßig an Beliebtheit. Besonders stark aber bei den Wählern zwischen 35- und 59- Jährigen.

Die AfD erzielt in allen Altersgruppen Zuwächse, besonders stark bei den 35- bis 44-Jährigen. Die FDP legt ebenfalls bei Wählern jeglichen Alters zu, ist besonders bei den jüngeren Menschen bis 24 Jahre beliebt - hier könnte der auf jugendlich getrimmte Wahlkampf von FDP-Chef Lindner gewirkt haben. Bei Linken und Grünen gibt es keine besonderen Auffälligkeiten.

Bleibt noch der Blick auf Tätigkeiten, Bildung und Geschlecht der Wähler.

Einige Auffälligkeiten im Überblick: Die AfD als Männerpartei

Die Union ist trotz der Verluste bei fast allen Wählern der unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche am beliebtesten: Vor allem beim Kernklientel der Rentner liegt sie weit vor den anderen Parteien. Nur bei den Arbeitern und den Arbeitslosen kann die SPD mithalten oder liegt sogar leicht vorne.

Selbstständige wählen Liberal

Gewisse Trends spiegeln sich auch in der Bildungsfrage wider:

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