Wahlfahrt-Fazit Im Vollkontakt mit den Frustrierten

50 Tage fuhr ein Team junger Journalisten quer durch Deutschland und besuchte Orte abseits der großen politischen Bühne. Die Wahlfahrt09 stellte sich auf Marktplätze, besuchte Vereine und Stammtische - und erkundete die politische Stimmung der Deutschen. Ein Fazit von Lu Yen Roloff und Malte Göbel.

Michael Bennett

Deutschland vor der Wahl jenseits der politischen Ballungszentren erleben - als Wahlfahrt09 reisten wir, rund 20 junge Journalisten durch Deutschland. In 50 Tagen besuchten wir 20 Orte, parkten unser mobiles Journalistenbüro an zentralen Plätzen in Norden, Süden, Osten und Westen, besuchten Orte wie Eisenhüttenstadt, Konstanz, Leidingen, Duisburg-Marxloh.

Heute ist Wahltag, und es ist vielleicht eine Ironie des Schicksals, dass wir am Tag des Volkssouveräns im Schloss Hundisburg im Nichtwählerwahlkreis Börde residieren. Aus dem barocken Schlosspark ein Rückblick auf den Vollkontakt mit Deutschland und seinen Bewohnern:

Eine Szene Anfang September auf dem Heumarkt in Köln. Eine Hartz IV-Empfängerin humpelte über den Platz, vorbei an einem überdimensionalen SPD-Wahlwürfel. Frank-Walter Steinmeier hatte sich für den Abend angekündigt, noch war der Platz fast leer.

Die Volkspartei gab sich in Köln modern und interaktiv: Die Jusos hatten junge Frauen angestellt, die andere Frauen mit einem "Ich kann Aufsichtsrat"-Schild fotografierten. Die arbeitslose Frau konnte nach zwei Bandscheibenvorfällen nicht mehr arbeiten. Die ehemalige Fleischerin wollte sich Steinmeier nicht ansehen, denn die Politiker, sagte sie, "lügen doch alle".

"Wir dürfen das Ziel der Vollbeschäftigung nicht aufgeben", tönte dann Steinmeier am Abend auf dem Höhepunkt seiner Wahlrede. Es wirkte antrainiert, ein reiner Slogan. Selbst Stammwähler der Partei, die in einer Kneipe am Rand saßen, überzeugte das nicht.

In ganz Deutschland gibt es zurzeit 3,47 Millionen Arbeitslose, Tendenz steigend. Die Schaffung von Arbeitsplätzen steht in jedem Parteiprogramm - gemeinsam mit dem kleinen Bruder der Vollbeschäftigung, dem Mindestlohn. Menschen wie die Fleischerin trafen wir oft auf der Wahlfahrt: die sich von niemandem repräsentiert fühlen, die vieles verloren haben, die keine Perspektive mehr für sich sehen.

Viele reden sich in Rage, schimpfen auf Abzocker, Lügner, Verbrecher

In Wismar sind durch die Schließung der Wardan-Werft 1200 Menschen in Kurzarbeit. In Halle hat der Strukturwandel ganze Stadtteile entvölkert. Die Krise fanden wir sogar in wohlhabenden Kommunen wie Konstanz - dort waren in diesem Jahr die Campingplätze ausgebucht, weil viele Deutsche kein Geld mehr für den Auslandsurlaub haben. Selbst in Wiesbaden mit seiner hohen Millionärsdichte sind Arbeitslose auf den Straßen präsent - auch wenn sie wegen des öffentlichen Trinkverbots in den Seitenstraßen stehen.

Diese Beobachtungen waren zum Teil natürlich auch dem Konzept der Wahlfahrt09 geschuldet: Wir parkten an zentralen Plätzen der Stadt, arbeiteten dort an Biertischen unter freiem Himmel. Dort trafen wir vor allem Leute, die keinen Ort haben, an dem sie sein müssen: Arbeitslose, Rentner, Obdachlose. Ihre Probleme bekamen wir auf der Wahlfahrt09 besonders häufig mit. Viele waren unzufrieden: Sie bekämen zu wenig Rente, zu wenig Hartz IV, sie redeten sich in Rage, wurden laut, deuteten mit Zeigefingern auf uns, wenn sie die Politiker beschimpften, mal als Abzocker, mal als Lügner, mal als Verbrecher.

Das ist 20 Jahre nach der Wiedervereinigung im Osten wie im Westen gleich. In Eisenhüttenstadt, wo seit der Wende viele Arbeitsplätze verlorengegangen sind, wird gerade für 630 Millionen Euro ein neues Papierwerk gebaut, gefördert mit Mitteln der EU. Doch die Investition erscheint wie ein Tropfen auf den heißen Stein: Gerade mal 600 neue Arbeitsplätze sollen entstehen.

Im niederfränkischen Hof leiden die Betriebe unter der Konkurrenz aus dem Osten, die noch gefördert wird - während hier im Westen, wo nichts zu fördern ist, das Problem der Arbeitslosigkeit viel stärker zu Tage tritt.

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