Wahlfahrt Politikfreie Zone an der Eisenhütte

Sechs Wochen bis zur Bundestagswahl, doch in der ehemaligen sozialistischen Vorzeigestadt ist davon nichts zu spüren. Politik bewegt hier kaum noch jemanden. Resigniert beobachten die Eisenhüttenstädter, wie ihre Stadt auf Kurzarbeit gesetzt wird - und systematisch schrumpft.

Aus Eisenhüttenstadt berichtet Kathleen Fietz


"Eisenhüttenstadt ist ein Labor, ein Menschenversuch gewesen", sagt Ben Kaden und macht von oben ein Foto vom Rathaus, einem riesigen Komplex, das an faschistische italienische Baukunst erinnert. Vom Dach eines ehemaligen Kaufhauses, vier Stockwerke über der Stadt, hat man den besten Überblick.

Die erste sozialistische DDR-Planstadt ist inzwischen wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand des 33-jährigen Stadtsoziologen in Cordhose und blauen Humboldt-Uni-Shirt. Er lebt zur Zeit in Berlin, kehrt aber immer wieder in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen ist, und schreibt in seinem Stadtblog über die Geschichte und die neuesten soziologischen Entwicklungen seiner alten Heimat.

Direkt vor dem Ex-Kaufhaus verläuft die Lindenallee, die das Rathaus mit dem eigentlichen Herzen der Stadt verbindet: dem Stahlwerk, das bis heute für alle wie in DDR-Zeiten nur EKO für Eisenhüttenkombinat Ost heißt. An den Straßenlaternen der Allee sind sieben Wochen vor der Bundestagswahl kaum Wahlplakate zu sehen.

Ben Kaden schreibt in seinem Blog: "Demnächst geht es wieder um die Wurst namens Bundestag und die Butter der Wählerstimmen und -stimmungen, die sich die Partei gegenseitig vom Brot nehmen wollen. Dies allerdings, so der Eindruck, nicht unbedingt in Eisenhüttenstadt, das als weitgehend wahlkampffreie Zone die müßige Sommerlaune zwischen Kiesgrube und Kleingartenarbeit genießt."

Für den gebürtigen Eisenhüttenstädter ist die in der Modellstadt besonders intensive sozialistische Prägung dafür verantwortlich, dass sich kaum jemand politisch engagiert. Vor allem die Alten hier haben die Stadt um das Hüttenwerk mit aufgebaut. Standen hinter ihrer Vorzeigestadt für die Arbeiterklasse, in der die Idee eines besseren Lebens verwirklicht werden sollte.

Die Träume von damals sind in der Wand der Rathausvorhalle verewigt. "Unser neues Leben" heißt das große Natursteinmosaik des DDR-Staatskünstlers Walter Womacka. Es zeigt in DDR-Agitations-Manier den Weg von Steine klopfenden Trümmerfrauen über hämmernde Männer, die das Stahlwerk aufbauen, bis hin zum Paradies: Dort sieht man lachende Frauen mit spielenden Kindern. "Man wollte das Ideal eines besseren Lebens verwirklichen. Aber die Wirklichkeit hielt dem Anspruch nicht stand. Als die Arbeiterstadt gebaut war, hat sie das Utopistische verloren" sagt Kaden und deutet auf die vielen Friedenstauben im Mosaik. Neben den glücklichen Frauen und Kindern sind im sozialistischen Garten Eden keine Männer zu sehen.

"So viele Schichten, wie wir geschoben haben"

Dafür aber im gegenüberliegenden Imbiss "Automat". Zwei von ihnen sitzen unter einem Sonnenschirm, einer vorm Bier, der andere vor einem Kaffee, und gucken den Autos auf der Straße der Republik hinterher. Was bewegt die Stadt gerade am meisten? "Die Kurzarbeit in der EKO und dass so viele von hier abgehauen sind und nun ganze Wohnkomplexe abgerissen werden", erzählt einer der beiden. Sein weißes Hemd, die Goldkette und die Frisur - oben kurz, hinten lang - erinnert an die 80er Jahre. Lokbauer sei er früher bei der EKO gewesen, doch als er seinen Job verlor und ihn seine Frau verließ, habe er sich mit dem Alkohol verbrüdert. "Aber ich hab' mich da wieder rausgezogen, arbeite jetzt als Fahrer bei der Stadt", sagt er und wird unterbrochen von dem anderen Gast. "Was erzählt du denn für'n Scheiß, was redest du überhaupt mit denen", schreit der plötzlich vor seinem Bier. "Ich will erzählen, dass wir was geleistet haben hier in der Stadt. Ich auf der Lok und du doch auch. So viele Schichten, wie wir geschoben haben."

Von den 13.000 Arbeitern von damals arbeiten heute nur noch knapp 3000 im Stahlwerk, das inzwischen nach dem internationalen Mutterkonzern "ArcelorMittal" umbenannt wurde. Viele von denen, die in den Nachwendejahren ihre Arbeit verloren haben, hatten nicht so ein Glück wie der ehemalige Lokbauer - und sind schon mittags in den Imbissen der Stadt anzutreffen.

Der Blogger Kaden fährt mit seinem Auto vorbei an den ersten Wohnkomplexen, die in den fünfziger und sechziger Jahren rund um das Hüttenwerk gebaut wurden. Die sand- und rosafarbenen klassizistischen Prachtbauten im sogenannten stalinistischen Zuckerbäckerstil bilden heute das größte deutsche Flächendenkmal. Ein krasser Gegensatz zu den später hochgezogenen Plattenbaukomplexen, die ein Stück weiter entfernt vom Stadtkern entfernt liegen.

Kaden legt eine DDR-Aufnahme eines Kinderhörspiel von Paul Hindemith ein. "Wir bauen eine neue Stadt, die soll die allerschönste sein", singt der Kinderchor, während der Wagen durch die halb untergegangenen Stadtteile fährt, in deren Häusern oft nur noch ein paar Wohnungen bewohnt sind. Zwischendrin immer wieder Brachland, wo bereits Ende der Neunziger Häuser abgerissen wurden; längst ist dort schon wieder Gras über die leeren Flächen gewachsen.

"Zu DDR-Zeiten wollten alle nach Eisenhüttenstadt wegen der Neubauten", erzählt eine Eisenhüttenstädterin, die mit Lockenwicklern im "Hier Hair" sitzt. Wie eine letzte Bastion wirkt der Friseursalon mit seinem grellgelben Ladenschild im Erdgeschoss des grau- und altrosafarbenen Plattenbaus, in dem kaum noch Gardinen an den Fenstern hängen. In spätestens zwei Jahren soll auch dieser Komplex abgerissen werden, die Stadt kann sich den Leerstand nicht leisten. 1988 haben hier 53.000 Menschen gelebt, heute sind es rund 20.000 weniger. "Wenn ich hier weg muss, kann ich dichtmachen. Meine ganze Kundschaft wohnt hier, und meine Mädels verlieren ihre Arbeit, wir müssen doch auch ein paar Junge in der Stadt halten", sagt die Besitzerin Monika Langkabel.

"Der Werner ist seit 19 Jahren im Amt"

Zwei Friseurinnen hat sie ausgebildet, in drei Jahren will sie aufhören, und die beiden sollen den Salon übernehmen. Fragt man die Friseurmeisterin nach den bevorstehenden Wahlen, ist das 130 Kilometer entfernte Berlin weit, denn am selben Tag ist in der Stadt Bürgermeisterwahl. "Der Werner ist seit 19 Jahren im Amt, der bleibt bestimmt auch", sagt sie. Vor ein paar Tagen hatte sie einen Termin bei dem SPD-Mann, nach den Linken bilden die Sozialdemokraten die zweitstärkste Fraktion im Stadtrat. Über den geplanten Abriss ihres Salons hat sie mit ihm gesprochen. Nett sei er gewesen, versprochen habe er nichts.

"Man muss die Bevölkerung mehr einbeziehen", schimpft sie. In Schwedt, einer anderen ehemaligen DDR-Planstadt, in der sie früher auch ein paar Jahre gelebt hat, hat man die Plattenbauten nicht einfach abgerissen, sondern die oberen Stockwerke abgetragen und so die zusammengewachsenen Hausgemeinschaften erhalten. "Na man muss Optimist bleiben in dieser Stadt", sagt die Friseurin, während sie ihrer Kundin die aufgerollten Haare mit einer nach Ammoniak riechenden Lösung betupft.

Ben Kaden fährt zurück in die Lindenallee, wo sich auf dem Theatervorplatz zehn Eisenhüttenstädter zu einer Montagsdemo treffen. Eine Mittfünfzigerin mit rot gefärbten Haaren singt über Lautsprecher: "Wenn Münte sagt, die Rente steigt jetzt gut/dann fühl ich wie jetzt kocht in mir das Blut/nicht mal ein Prozent ist wie 'n Schlag ins Gesicht/Münte merk dir gut, Rentner verarscht man nicht!" Seit genau fünf Jahren stehen sie jeden Montag hier und träumen von einer sozialeren Welt.

"Die Demo entspringt eher dem Trotz, den Regierenden eins auszuwischen, als sich im jetzigen System politisch einzubringen", sagt Ben Kaden.

Am Ende der Allee legt sich die Abenddämmerung über die Hochöfen.

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insgesamt 2 Beiträge
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mapau 14.08.2009
1. Klischee?
... ich kann dem Artikel nicht folgen. Klar - auch ich bin aus beruflichen Gründen nicht in Eisenhüttenstadt geblieben. Trotzdem komme ich gern und so oft es geht wieder in meine alte Heimat zu meiner Familie. Dabei sehe ich auch, das Wohnungen leer stehen und ganze Wohnkomplexe nicht mehr exisitieren. Die Menschen die ich treffe, machen aber nicht den Eindruck, den Kopf in den Sand stecken zu wollen. Man sieht mehr Jugendliche oder junge Familien mit kleinen Kindern als in so manchem Ort in den alten Bundesländern. Kein Wort auch von der derzeit durchgeführten Großinvestition eines Papierherstellers - und das trotz Wirtschaftskrise. Leider bedient der Artikel das Klischee der ehemals sozialistischen Vorzeigestadt, mit Einwohnern die den alten Zeiten hinterher hängen nur zu gut. Man kann Menschen auch Motivation und Hoffnung nehmen, in dem man Ihnen einredet das alles schlecht ist.
jensadolf 14.08.2009
2. Politikfreie Zone!
So ist das auch bei mir! Die Menschen wurden zur DDR Zeit für dumm verkauft und heute das selbe nur viel viel schlimmer als es im Osten möglich war. Bändeweise könnte man erzählen über die boshaftigfkeit der Bonzen aus dem Westen. Für mich ist eine Politiker Freie Zone genau die richtige Antwort
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