Wahlforscher
FDP nimmt Union Zweitstimmen weg
Montag, 19.09.2005 11:55 Uhr
Berlin - Die Abneigung vieler Unionsanhänger gegen eine Große Koalition führte nach Einschätzung der Forschungsgruppe Wahlen zum zweistelligen Stimmenanteil der FDP bei der Bundestagswahl. Nur 36 Prozent der Sympathisanten von CDU und CSU konnten sich in Befragungen mit einer Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten anfreunden, hieß es am Sonntagabend im ZDF. Viele hätten deshalb ihre Zweitstimme den Freien Demokraten gegeben. Bei den SPD-Anhängern hätten dagegen 52 Prozent eine große Koalition für eine mögliche Alternative zu Rot-Grün gehalten.
Nach Befragungen des Instituts Infratest dimap im Auftrag der ARD wandten sich viele Wähler, die bis zum Wahltag noch unentschlossen waren, noch in letzter Minute weg von der Union und hin zur FDP. So hätten CDU und CSU in dieser Wählergruppe nur 30 Prozent der Stimmen für sich sichern können, die FDP dagegen 13 Prozent und damit deutlich mehr als im Bundestrend. Laut Forschungsgruppe Wahlen haben insgesamt 41 Prozent der FDP-Anhänger angegeben, dass ihnen die CDU/CSU eigentlich besser gefällt als die FDP.
Die FDP hatte in den letzten Tagen vor der Wahl mit einer massiven Kampagne die Wähler wiederholt aufgerufen, ihre Zweitstimme den Liberalen zu geben, um eine Große Koalition zu verhindern.
Bei ihrer Wahlentscheidung achteten die meisten Wähler nach Einschätzung der Demoskopen vor allem auf die Programme der Parteien. Diese seien für mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten wichtiger gewesen, als die Person des jeweiligen Spitzenkandidaten, berichteten ARD und ZDF am Sonntag noch vor Schließung der Wahllokale. Obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) deutlich mehr Sympathie beim Wahlvolk genieße, sei seine Herausforderin Angela Merkel (CDU) als glaubwürdiger bewertet worden.
Allerdings äußerten nach Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen 26 Prozent der Unionsanhänger die Ansicht, dass die Erfolgsaussichten von CDU/CSU mit einem anderen Kanzlerkandidaten besser gewesen wären. Dies sei als Zeichen zu werten, dass die Partei nicht geschlossen hinter der Spitzenkandidatin gestanden habe. Infratest dimap sah in der Tatsache, dass mit Merkel erstmals eine Frau und erstmals eine Ostdeutsche nach dem Kanzleramt strebte, keinen entscheidenden Wahlfaktor. Nur 9 Prozent der Bürger hätten anders gewählt, wenn die Union mit einem West-Mann an der Spitze in den Wahlkampf gezogen wäre, berichtete die ARD aus Befragungen des Instituts.
Nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen spielte auch die Berufung Paul Kirchhofs in das Kompetenzteam der Union eine wahlentscheidende Rolle. Nur 16 Prozent aller Wähler seien der Meinung, Kirchhof habe der Union genutzt, 68 Prozent hingegen glaubten, die Berufung des Steuerexperten habe der Union geschadet. Selbst bei den Unionsanhängern sei mit 23 Prozent weniger als ein Viertel von einem positivem Effekt von der Berufung Kirchhofs ausgegangen.