Wahlkämpfer Fischer Joschkas Erbe stahl dem Altmeister die Show

Die rot-grünen Recken melden sich zurück: Nach Gerhard Schröder in Hamburg wollte nun Joschka Fischer in Hessen den Wahlkampf-Haudegen geben. Doch den besseren Fischer gab ausgerechnet sein Erbe: der Grünen-Spitzenkandidat Al-Wazir.

Von , Wiesbaden


Wiesbaden – Die Gäste im Wiesbadener Kurhaus erleben am Montagabend eine furiose Wahlkampfrede. Gespickt mit scharfen, grimmigen Attacken gegen den politischen Gegner, aber auch voller nachdenklicher, leiser Töne. Der Saal tobt.

Dann betritt Joschka Fischer die Bühne. Er klopft seinem gefeierten Vorredner auf die Schulter, gratuliert und beginnt selbst zu sprechen.

Fischer, Al-Wazir: Der Veteran und sein gefeierter Vorredner
REUTERS

Fischer, Al-Wazir: Der Veteran und sein gefeierter Vorredner

Nein, sechs Tage vor den hessischen Wahlen ist es nicht Fischer, der die Grünen mitreißt. Es ist sein Gastgeber - Tarek Al-Wazir, Chef der hessischen Landespartei, gerade 37 Jahre alt. Dabei galt doch der grüne Altmeister stets als Wahlkämpfer schlechthin, denkt man etwa an sein Mammutprogramm vor der Bundestagswahl 2005. Fischer absolvierte über 80 Auftritte in sechs Wochen, reiste 14.000 Kilometer und sprach live vor 100.000 Menschen - bis seine Stimme nur noch ein heiseres Krächzen war.

Wie sein alter Kumpel aus rot-grünen Regierungszeiten, Gerhard Schröder, konnte auch Fischer der Versuchung nicht widerstehen, zweieinhalb Jahre später noch einmal in den politischen Nahkampf zu gehen. Für Alphatiere wie Fischer ist Wahlkampf die Königsdisziplin der Politik. Hier ist weder Abwägen noch Verhandeln gefragt, sondern Aggressivität und individuelle Stärke. Doch anders als Schröder zuletzt bei seinem Auftritt in Hamburg merkt man Fischer an, dass er genug hat vom Politikzirkus. Fischer muss und will es niemandem mehr beweisen. Er gibt in Wiesbaden kein gefeiertes Comeback, sondern lediglich eine Abschiedsvorstellung.

So setzt Fischer mit seiner Rede kaum eigene Akzente. Anders als Schröder vor zwei Wochen beim Hamburger SPD-Kandidaten Michael Naumann hat er allerdings auch einen Vorredner, der ihm wenig Platz zur Entfaltung lässt. Naumann wirkte im Vergleich zu Schröder wie ein Intellektueller, der sich in die Politik verirrt hat. Al-Wazir hingegen kontrolliert den Saal, sorgt immer wieder für großes Gelächter und arbeitet sich genüsslich an seinem Intimfeind Roland Koch ab.

Da bleibt für Fischer wenig übrig. Er stellt Koch in eine Reihe mit Alfred Dregger und Manfred Kanther – wie zuvor Al-Wazir. Er nennt Kochs Kampagne gegen kriminelle Ausländer unanständig – Al-Wazir hatte das Wort "schmutzig" gewählt. Wie klar Hessens Grünen-Chef den Alt-Profi Fischer an diesem Tag aussticht, offenbart sich, als er das neueste Wahlplakat der CDU ins Visier nimmt. Koch spiele mit den ausländischen Namen der Spitzenkandidaten von SPD und Grünen, sagt der 37-Jährige. "Da steht ja nun mal groß geschrieben: Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten verhindern."

"Dill, Knirsch und die Kommunisten"

Und dann punktet er mit einer ebenso kreativen wie überraschenden Frage: Wenn die sozialdemokratische Spitzenkandidatin heute noch ihren Mädchennamen Dill tragen würde und er nach seiner Mutter Knirsch hieße, "würde die CDU dann plakatieren: Dill, Knirsch und die Kommunisten verhindern?" Doch wohl kaum. Die Wiesbadener Grünen schütteln sich vor Lachen. "Das hat Methode bei Koch", legt Al-Wazir nach. Bereits 1999 habe er die Auswirkungen von Kochs Spiel mit ausländerfeindlichen Ressentiments am eigenen Leib erfahren müssen. Am Wahlkampfstand forderten ihn Bürger auf, dahin zurückzugehen, woher er komme. Wenn er dann sagte, das sei Offenbach, erntete er Unverständnis. Das werde er Koch nie verzeihen, sagt er.

Fischer bleibt 30 Minuten später nur noch, seine Zustimmung zu äußern: "Zu den Plakaten mit den ausländischen Namen hat Tarek ja bereits alles gesagt." Fast ein wenig überrascht wirkt er angesichts der rhetorischen Stärke seines Gastgebers. Dabei ist Al-Wazirs Entwicklung auch Fischers Verdienst. Er war derjenige, der eine grüne Partei dahin brachte, Stars an ihrer Spitze auszuhalten und zu akzeptieren. Das war für die in ihrem Selbstverständnis als "Anti-Parteien-Partei" gegründeten Grünen ein schmerzhafter Prozess. Der letztlich in Fischers alleiniger Spitzenkandidatur 2005 gipfelte. Davon profitierte auch Al-Wazir. Als Partei- und Fraktionschef verfügt er in Hessen über eine Machtposition, die bei den Grünen vor Jahren noch unvorstellbar war.

Fischer weiß um die Stärke des 37-Jährigen. Aufmerksam wurde er auf ihn bereits vor 17 Jahren. Al-Wazir stellte auf einem Parteitag 1991 eine kritische Frage zum Thema Golfkrieg. Was dazu führte, dass der Antrag von Fischers Leuten scheiterte. "Kennengelernt habe ich ihn damals als jugendlichen Hitzkopf aus Offenbach", sagte Fischer zu SPIEGEL ONLINE. "Und er hat mich sicherlich hin und wieder zur Weißglut getrieben." Aber heute betrachte er das Ergebnis, sprich Al-Wazirs politische Karriere mit großem Wohlgefallen.

"Ausschlafen könnt ihr nächste Woche"

Zweifellos hat auch Fischer starke Passagen in seiner Rede. Kurz vor Schluss steigert er sich in einen Rausch, der von den Gästen erleichtert aufgenommen wird. Jetzt trieft sein Hemd vor Schweiß – wie Mitglieder der Grünen Jugend es vor der Rede grinsend gefordert hatten. "Das nassgeschwitzte Hemd ist ein Markenzeichen von Fischer", sagt der 22-jährige Benjamin Weiß. "Das darf nicht fehlen." Und der Politikstudent bekommt seinen Willen: Fischer gibt auf der Schlussgeraden alles. Obwohl dies keine Wahlkampfsternstunde von ihm ist, weiß er noch, wie er die Leute aufrütteln kann. Er spornt sie an, in den letzten Tagen bis zur Wahl noch einmal alles zu geben. "Jetzt geht es in die entscheidende Phase", donnert er vom Pult. Niemand dürfe schlappmachen. "Ausschlafen könnt ihr in der nächsten Woche."

Als Fischer später längst gen Flughafen aufgebrochen ist, kommt ein anderer alteingesessener Grüner auf Al-Wazir zu - Daniel Cohn-Bendit. Auch er ist bei den hessischen Grünen groß geworden. Überschwänglich gratuliert er dem Spitzenkandidat zu seiner Rede. "Die Stelle mit Dill, Knirsch und den Kommunisten war wirklich spektakulär", schwärmt der Alt-Grüne. Al-Wazir reagiert gelassen und winkt ab. Darüber hinaus zeigt er keinerlei Regung. Cohn-Bendit wirkt ob dieser Reaktion sichtlich irritiert.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.