Beobachtungen zum Wahlkampf Selfies, Wut und viele Zahlen

Der Bundestagswahlkampf geht zu Ende. Am Sonntagabend werden die einen feiern, die anderen trauern. Was bleibt von diesen Wochen? Fünf Beobachtungen.

Schulz im Selfie-Wahlkampf
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Schulz im Selfie-Wahlkampf

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1. Bilder

Früher ging man auf Parteikundgebungen und holte sich anschließend eine gedruckte Autogrammkarte. Wer es richtig authentisch haben wollte, der wartete am Rande der Bühne und ließ sich am Ende eine Broschüre persönlich signieren. Das Autogramm von heute ist das Selfie. Je prominenter der Politiker, desto begehrter ein gemeinsames Bild per Smartphone.

Ganz oben auf der Liste der begehrtesten Motive steht natürlich die Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel, aber auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz brauchte bei seinen Veranstaltungen minutenlang für den Weg bis zum Rednerpult - Selfie hier, Selfie da. Im Spitzenfeld dieser Liga spielt allerdings auch FDP-Frontmann Christian Lindner. Lindner war im Wahlkampf der Meister der Selbstvermarktung, was offenbar auch seinem Selfie-Marktwert geholfen hat.

2. Hass

Es gab Wahlkämpfe, die viel erbitterter geführt wurden als dieser. Gegen die Auseinandersetzungen beispielsweise, die sich SPD und Union vor den Wahlsonntagen 1976 und 1980 lieferten, wirkte der Umgang zwischen Sozialdemokraten und Konservativen in den zurückliegenden Wochen wie rhetorisches Wattebäuschchen-Werfen. Wenn Helmut Kohl oder Franz-Josef Strauß im TV-Studio auf den damaligen SPD-Kanzler Helmut Schmidt trafen, flogen richtig die Fetzen, auf den Marktplätzen trillerte und pfiff man schon mal gegen den politischen Gegner. Aber es ging immer um das Argument, so scharf es mitunter auch angespitzt war.

Animation: So wird der Bundestag gewählt

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In diesen Wahlkampf dagegen schwappte pure Wut. Und Hass. Auf das Establishment, also die sogenannten Altparteien und ihre Vertreter, allen voran die Kanzlerin. Zum Teil gut organisiert von der AfD und befreundeten Gruppierungen, die ihre Störer bestens postierten, wenn Merkel auftrat - mitunter wich sie wegen der Dauerpöbler sogar von den Marktplätzen in Hallen und Säle aus. Wut und Hass werden die AfD wohl in den neuen Bundestag tragen, die Politik haben sie bereits in diesem Wahlkampf verändert.

3. Unterscheidbarkeit

Angela Merkel musste in diesem Wahlkampf nur Angela Merkel sein. Es dürfte, wieder einmal, gereicht haben, um weiter regieren zu können. Bloß nicht anecken, Erfolge betonen, alles wird gut. Als beliebte Kanzlerin kann man so durchkommen. Abgesehen von der AfD, die allein wegen ihrer Wut- und Anti-Haltung in den Bundestag einziehen dürfte, hatten es dagegen alle Parteien schwer.

Manche haben die richtigen Schlüsse gezogen: FDP-Spitzenmann Lindner inszenierte sich als Mischung aus Popstar und liberalem Nonkonformisten - man konnte sich über Lindner herrlich aufregen, diese Reibung verschaffte ihm Profil. Das gelang auch Linken-Spitzenfrau Sahra Wagenknecht, die zwar im Wahlkampf nichts anders machte als sonst, also eine Art 2017er Rosa Luxemburg zu sein, aber das funktionierte, weil es ihre Partei unterscheidbar machte.

Linken-Politikerin Wagenknecht
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Linken-Politikerin Wagenknecht

Die Grünen-Spitzenleute dagegen versuchten, es allen recht zu machen, mal Richtung SPD zu blinken, am Ende wieder Richtung Union, dabei so geschliffen und arriviert in der Anmutung, dass von grüner Stacheligkeit bei Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir nichts mehr zu spüren war. Und auch die SPD wird in der Fehleranalyse feststellen müssen, dass sie Martin Schulz zu viele Kanten abgehobelt hat.

4. Neugier

Ein langweiliger Wahlkampf sei das gewesen, wird häufig behauptet. Das Interesse der Bürger an dem, was in den vergangenen Wochen passierte, spricht jedenfalls dagegen. Die Menschen sind neugierig gewesen - auf diesen Schulz von der SPD, zu dessen Auftritten bis zu 5000 Menschen kamen, auf die ewige Kanzlerin Merkel sowieso, die wollten in Heilbronn sogar 7000 sehen und hören, auch die Spitzenleute der kleineren Parteien zogen mehr Zuhörer an als erwartet. Die Social-Media-Kanäle der Parteien brummten wie noch nie, YouTube-Interviews für jüngere Wähler gehören inzwischen zum Standard. Auch die Quoten der unzähligen Wahlformate im Fernsehen waren in der Regel gut.

Und nicht zu vergessen: Die große Zahl von Neueintritten in die demokratischen Parteien, allein 22.000 verzeichnete die SPD seit Jahresanfang. Eine entpolitisierte Gesellschaft? Diese Zahlen sprechen dagegen.

5. Zahlen

Infratest, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, Insa, Emnid, GMS, YouGov - und natürlich auch die Demoskopen von Civey, mit denen SPIEGEL ONLINE zusammenarbeitet. Noch nie gab es in einem Wahlkampf so viele Meinungsforschungsinstitute, die pausenlos Zahlen zur politischen Stimmung lieferten. Die Parteien und ihre Spitzenakteure werden ständig neu vermessen - und stürzen sich selbst genauso gierig auf die Daten wie die Medien.

Alle sind besessen von den Zahlen, als ob Politik wie die Fußball-Bundesliga funktioniere, in der sich die Tabelle nach jedem Spiel verändert. Gleichzeitig hat diese sich ständig bewegende Politiktabelle Auswirkungen auf die Entscheidung der Bürger im Wahlkampf. Am Sonntag, ab 18 Uhr, wird sich zeigen, wie nah die Demoskopen dem tatsächlichen Ergebnis gekommen sind.

insgesamt 43 Beiträge
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fallobst24 23.09.2017
1.
Sie verstehen es nicht oder wollen es einfach nicht verstehen. Es geht darum, dass es keine wirkliche, ehrliche, bemühte Diskussion über die Zukunft unseres Landes gibt. Merkel entzieht sich höchst erfolgreich mit ihrem "Sie kennen mich", "in einem Land, in dem wir gerne leben", dem Vorschreiben wie das TV-Duell ablaufen soll und wie oft es stattfinden darf und vielem mehr. Es gibt keine greifbare Sach-Diskussion. Merkels Antwort auf all das ist: das wird schon und es wird alles gut. Wieso erklärt sie nicht. Diese unglaubliche Arroganz wirkt auf viele Bürger fast, als dürfte man sich freuen dieses Gottesgeschenk Merkel wählen zu dürfen. Der Preis für den gefühlten Merkel'schen Absolutismus ist eine AFD, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Stand mit zweistelligem Ergebnis in den Bundestag einziehen wird, und wahrscheinlich zudem als 3. stärkste Partei.
wynkendewild 23.09.2017
2. Überraschung
Der Bürger ist mitnichten zufrieden mit dert politischen Klasse und die Leute als Schreihälse abtun zu wollen sollte man tunlichst unterlassen. Die Bürger dürfen ihrem Unmut auf jeden Fall Ausdruck verleihen. Der jährliche Armustbericht sowie die steigende Anzahl derer die in prokären Arbeitsverhältnissen ihr Dasein fristen müssen lassen sich nicht wegdiskutieren. Und die Parteien egal welcher Couleur "spielen" nur mit dem Wähler und dessen Emotionen. Dieses Land ist vom System her schließlich ein zivilier Industriestandort sowie finanzieller und logistischer Knotenpunkt Europas. Die eigentlichen Gewinner werden deshalb nicht in den Bundestag einziehen sondern auch weiterhin im Hintergrund agieren. Vergleichen möchte ich die Situation mit jemanden der Zahnschmerzen hat, diese aber ignoriert. Er nimmt ne Tablette und am Ende läuft es dann trotzdem auf eine Wurzelbehandlung hinaus. Nur deshalb werden wir morgen völlig überraschend mit der Wiederwahl der CDU als stärkste Kraft rechnen dürfen...... MfG: wynkendewild
tialo 23.09.2017
3.
Ich war letzte Woche auf einer Wahlkampfveranstaltung von Frau Merkel. Die Rede von ihr war okay, kein Highlight, aber durchaus einige gute Punkte angesprochen. Unter den rund 4000 Zuhörern waren auch einige AfDler und NPDler, die lautstark die Veranstaltung störten. Jetzt ist Kritik und Gegensatz in einer Demokratie natürlich erlaubt und erwünscht, aber was dort los war, hat mich echt fassungslos gemacht. Die Störer pfiffen 90 Minuten lang lautstark in ihre Trillerpfeiffen, hielten Plakate hoch auf denen solche netten Sätze wie "Flüchtlinge raus" oder "Merkel, die Volksverräterin" standen und brüllten in einer Tour irgendwelche Beleidgungen und Parolen in Richtung Bühne - das war einfach nur unterirdisch. Ich habe vorgestern per Brief gewählt und dort der Union und Frau Merkel meine Stimme gegeben. Bin eigentlich eher der Typ Wechselwähler, habe die letzten Wahlen meistens zwischen CDU, SPD , FDP oder einer kleineren Partei geschwankt, aber diese ganzen Schreihälse und Aggro-Vollpfosten haben mich tatsächlich mit Frau Merkel solidarisieren lassen, obwohl ich vor einigen Wochen mein Kreuz eigentlich noch woanders machen wollte. Solange die AfD solche Menschen anzieht und in solchen Millieus verkehrt, sind die für mich echt unwählbar und ich hoffe, dass wir morgen eine hohe Wahlbeteiligung sehen werden.
keine Zensur nötig 23.09.2017
4. Sie haben leider auch keine Ahnung -
da sie Millionen ausblenden, die Aufstocken oder sonstwie hinten an stehen. Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet und der hochgelobte Mittelstand massiv erodiert - Ihnen egal. ja - alle sind alternativlos zufrieden. Bis - ja, das eigene Eigenheimchen geplündert wurde, der ökologische Familienpanzer weg ist, die Frau oder Tochter Opfer von eher nicht migrierter Mitbürgern wird und und. Wieviele der Enttäuschten udn Abgehängten morgen die Blaulackierten wählen wird man sehen. Und ich wünsche mir keine solide Regierungsarbeit am Parlament und Gesetz vorbei, sondern die Erfüllung von grundgesetzlich vorgesehenen Pflichten. Hinweis - die Mutterpartei der CDU, die Zentrumspartei, hievte da am 30.01.1933 auch so einen unterschätzten Vertreter der Unzufriedenen an die Macht, weil es zuviele Unzufriedene gab.
derinvestigator 23.09.2017
5. Man darf nicht Ursache und Wirkung miteinander vertauschen!
Wenn eine Partei, wie der AfD unterstellt wird, so viel an Wut und Frust bei vielen Bürgern auslösen kann, wie die Kanzlerin während ihrer Wahlkampagne kennen lernen durfte, wäre es doch mal an der Zeit, nach den Ursachen zu fragen. Auch hier gilt das simple Gesetz: Von nichts kommt nichts! Die etablierten Parteien wollen nicht wahr haben, dass das Staatsversagen in der völlig unregulierten Flüchtlingspolitik der Merkelregierung eine wesentliche Ursache ist. Die unsägliche Flüchtlingspolitik, die bis zum heutigen Tag offene Grenzen erfordert und Tausende von Menschen unidentifiziert ins Land lässt, ist es, die diesen Zorn und Hass möglich macht, wie er sich z. B. am Tag der deutschen Einheit in einer extremen Form entladen hat. Die etablierten Parteien halten sich völlig bedeckt, wie sie dieses milliardenschwere Problem lösen und dessen Kosten auf die Bevölkerung verteilen können; wir reden von ca. 25 – 30 Milliarden pro Jahr. Die absolute Nichtbeachtung bürgerlicher Sorgen und das Hinwegregieren über deren Köpfe erbost die Menschen, die sich das nicht mehr gefallen lassen wollen. Die Konsequenz: Nun dienen die empörten Pöbler und Wutbürger als Feindbild gegen die Demokratie und die auf Hofberichterstattung eingeschworenen Journalisten. Dabei ist die Lösung des Problems relativ einfach: Nur eine Änderung der merkelschen Flüchtlingspolitik kann zu einer Befriedung im Lande führen.
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