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Wahlkampf-Blog Es fliegt ein einsamer Ballon

Christian Ude beim Gillamoos: "Prüfen Sie die Konzepte" Zur Großansicht
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Christian Ude beim Gillamoos: "Prüfen Sie die Konzepte"

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Die Welt ist so schön übersichtlich an diesem Montag im niederbayerischen Abensberg. Der Besucher auf dem Volksfest Gillamoos muss nur zwei Glaubensfragen entscheiden. Die erste: "A Bier oder a Radler?" Klare Sache, Mischgetränke sind hier auch am Vormittag nicht sonderlich beliebt.

Die zweite Frage ist wegen der größeren Auswahl schon etwas komplizierter, für die meisten dann aber doch lösbar: Seehofer, Ude, Aiwanger, Döring oder Göring-Eckardt?

Der politische Frühschoppen auf einem der größten Volksfeste Niederbayerns ist in diesem Jahr so etwas wie der Auftakt für den Schlussspurt im bayerischen Landtagwahlkampf. Deswegen gibt es hier nicht nur die üblichen Jahrmarktstände, sondern auch Auftritte von Spitzenpolitikern aus München und Berlin. Fernduelle in Bierzelten, bevor am Mittwoch der eigentliche Schlagabtausch folgt - dann treffen Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Herausforderer Christian Ude (SPD) im Bayerischen Rundfunk direkt aufeinander.

Die FDP hat es in Abensberg zumindest auf dem Papier am besten erwischt. "Liebesinsel" heißt der Ort, an dem die Liberalen für sich werben. Klingt zwar süß, ist es aber nicht. Die Wegbeschreibung auf dem Festgelände zum Auftritt von Generalsekretär Patrick Döring, der kurzfristig für Außenminister Guido Westerwelle eingesprungen war, ging in etwa so: Vom Hauptplatz aus einige Schritte links halten, vorbei an den Containern für Altpapier und Restmüll, schließlich über eine Brücke und dann ist man da - und damit auch schon wieder ziemlich weitab vom Schuss. "Bayerns treibende Kraft" haben sie bei der FDP auf ein Plakat geschrieben. Na ja, in Umfragen liegt die Partei weiter unter fünf Prozent.

Die Rolle des Nebendarstellers spielt die FDP beim Gillamoos nicht allein. Sie teilt sie sich mit den Freien Wählern und den Grünen, auch wenn Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger als Niederbayer hier einen gewissen Heimvorteil hat. Im Grunde geht es beim politischen Frühschoppen aber nur um die Frage, ob Seehofer das Bierzelt stärker in Wallung bringt - oder Ude?

Wenn allein die Größe des Zeltes entscheidet, dann ist schon lange vor den Reden klar, wer hier der Platzhirsch ist. Nirgendwo stehen so viele Bänke und Tische wie bei der CSU, und nirgendwo brummt es schon am frühen Morgen so stark wie bei den Christsozialen.

Ihren populistischen Wahlkampfschlager hat die Partei jetzt auch aufs Postkartenformat gebracht: "Wenn Sie in ÖSTERREICH ITALIEN SCHWEIZ Maut bezahlen, dann sollten Reisende aus dem Ausland auch bei uns Maut bezahlen." Nach dem Defiliermarsch und Seehofers wahlkampfüblicher Schwärmerei über Bayern ("Vorstufe zum Paradies") dauert es gar nicht lange, bis der CSU-Chef bei der Maut landet. Was bleibt ihm auch anderes übrig nach der jüngsten Absage von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an eine Maut? O-Ton Seehofer über sein Verhältnis zur Kanzlerin: "Wir arbeiten sehr gut zusammen, und so wird's bei der Maut auch laufen, seien Sie unbesorgt." Applaus im Zelt.

Ein echter Bierzeltredner ist Seehofer nicht, trotzdem gelingt es ihm in Abensberg ein paar Mal, sein Publikum bei guter Laune zu halten. Etwa als er erzählt, dass er die portugiesische Protokollabteilung einst bei einem Besuch in dem Glauben belassen habe, dass Bayern ein eigenständiges Land sei. Großes Gelächter. Oder als er das Bild von einer Fußball-Bundesliga entwirft, in der auch Greuther Fürth, 1860 München und der FC Ingolstadt vertreten sind. "Eine bayerische Bundesliga, dann können wir uns da auch selbständig machen." Applaus. Seehofer spielt mal wieder die Bayern-ist-toll-und-verdankt-das-seinen-Bürgern-Karte.

Und Ude? Arbeitet sich beim Gillamoos vor allem an der CSU ab. Die Mautpläne Seehofers seien Ausdruck einer "ziemlich moralischen Verkommenheit". Schließlich wisse man bei den Christsozialen, dass aus der Mautforderung allein aus europarechtlichen Gründen nichts werden könne. Es handele sich also um eine "bewusste Irreführung" der Bevölkerung". Die einzige "geniale Idee" der CSU sei es gewesen, immer wieder bei der SPD abzuschreiben - dazu nennt Ude die Kurswechsel der CSU bei den Atomlaufzeiten, beim Donauausbau oder bei den Studiengebühren.

Der Vorwurf ist nicht unbegründet. Und trotzdem schleppt sich Udes Rede. Er wolle kein "derbes Bauerntheater" abliefern, hatte er vor seinem Auftritt gesagt. Am Ende wird es ein sperriges Referat, das nicht so recht in ein Bierzelt passt. Der Applaus bleibt meist in den vorderen Sitzreihen stecken und schafft es nicht bis nach hinten. "Prüfen Sie die Konzepte, die wir Ihnen anbieten", ruft Ude und betont dabei jede Silbe. Die Wahl sei noch überhaupt nicht gelaufen, sagt der Herausforderer, der in Umfragen mit seiner Partei 30 Punkte hinter der CSU liegt.

Über dem Zelt der Genossen hängt ein roter SPD-Ballon an einem Band. Er sieht an diesem Montag auf dem Gillamoos ziemlich verloren und einsam aus.

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5 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
BettyB. 02.09.2013
himmehargodsakrament 02.09.2013
haraldf56 02.09.2013
mps58 02.09.2013
lronmcbong 03.09.2013
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