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Wahlkampf-Blog Die Wodka-Koalition

Linken-Kandidat Gysi: Politiker mit trainierter Blase sitzen am längeren Hebel Zur Großansicht
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Linken-Kandidat Gysi: Politiker mit trainierter Blase sitzen am längeren Hebel

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Die Manyo-Bar in Berlin-Treptow ist so was wie der Gegenentwurf zum Promi-Restaurant Borchardts in Berlin Mitte. Während im Borchardts beim Schnitzel Auslandseinsätze beschlossen werden, kann man im Manyo bei billigem Bier und edlem Wodka der Marke "Held" der Selbstzerstörung zweier talentierter Nachwuchspolitiker zusehen.

Das Manyo, in Friedenszeiten illegale Zentrale, Wahlkampfbasiscamp und intellektuelles Zentrum der Partei "Die Partei", liegt im Wahlkreis von Gregor Gysi. Und weil Wahlkampf bedeutet, dass Politiker bereit sind, so ziemliches jedes Forum zu nutzen, hat sich der Fraktionschef der Linken überreden lassen zu einem Thekengespräch mit dem Ex-Chef des Satiremagazins "Titanic", Martin Sonneborn - im wahren Leben auch Vorsitzender der Partei "Die Partei", die in der bürgerlichen Presse gerne mal als Spaßpartei diskriminiert wird.

Vor laufenden Kameras und handverlesenen Claqueuren beider Parteien sowie streng limitierten und zur Selbstzensur bereiten Journalisten ("Neues Deutschland", "Welt", SPIEGEL), mühten sich Sonneborn und Gysi am Donnerstagabend um eine Kopie des "Dittsche"-Formats von Olli Dittrich. Leider vergeblich.

Wer ein Gipfeltreffen der Gag-Giganten erwartete, musste sehr viel trinken, um über den Abend zu kommen.

Sonneborn, sonst begnadet in der Dekonstruktion von Politikern, findet den Gysi offensichtlich viel zu nett, um ihn so richtig auflaufen zu lassen. Und Gysi, der sonst keine Pointe verschenkt, blieb rhetorisch eingeschnürt im Wahlkampfkorsett. So wurde ein trauriges Glas Wodka zum Symbol des Abends - sie schoben es sich immer wieder gegenseitig zu, aber keiner wollte ihn freiwillig trinken: ein Gespräch ohne Sp(i)rit. Denn beide rissen, auch was die Promille angeht, die Fünfprozenthürde: Gysi, der nachdem er 13 Kilo abgenommen hat, sehr auf rote Linien achtet beim Gewicht, schaffte ein Bier (sollte aber 14 bezahlen) und Sonneborn kopierte Edmund Stoiber. Der trank auch gerne alkoholfreies Bier aus großen Krügen, um dann richtig lustige Reden zu halten.

Dabei hätte Linkspolitiker Gysi an diesem Abend schon mal das Gefühl testen können, wie es ist, wenn doch noch eine Partei mit ihm koalieren will. "Die Partei" leidet sehr darunter, dass man sie desöfteren mit den Piraten verwechselt, und bietet programmatisch (mal eben die Welt erklären) und personell (sehr junge attraktive Funktionäre) die ideale Ergänzung zur Linken (mal eben die Welt retten und sehr alte Funktionäre): Beide Organisationen arbeiten mehr oder minder erfolgreich an der endgültigen Teilung Deutschlands, die Linke innerparteilich, "Die Partei" außerparlamentarisch.

Auch mit dem Motto des Sonneborn-Wahlprogramms "Inhalte überwinden" müsste Die Linke sich anfreunden können. Und der Personenkult - Sonneborn lässt sich als GröVaZ (Größter Vorsitzender aller Zeiten) anbeten - ist den Linken aus Lafontaine-Zeiten noch sehr vertraut. Welch ein Ruckeln ginge durchs Land, wenn Sonneborns Talent sich multiplizieren ließe mit den SED-Milliarden! Das erklärte Wahlziel beider Spitzenpolitiker von 100 Prozent plus X müsste kein Traum bleiben, vorausgesetzt der ehemalige Ehrenvorsitzende der Linken, Hans Modrow, organisiert die Auszählung.

Sonneborn hatte sogar die Beine des Barhockers absägen lassen, damit er nicht von oben herab zu Gysi spricht. Leider wurde damit auch das Gesprächsniveau tiefergelegt. Vielleicht ist "Die Partei" den Linken schon zu hörig, nachdem die Linksfraktion im Bundestag eine Debatte darüber durchgesetzt hat, warum "Die Partei" 2009 nicht zur Bundestagswahl zugelassen wurde. Dafür wurden mehrere linke Bundestagsabgeordnete im vergangenen Jahr im Manyo mit einer Ehrenmitgliedschaft der Partei "Die Partei" ausgezeichnet, erste Fusionsgerüchte beunruhigten das politische Berlin.

Immerhin hat man an diesem Abend erfahren, dass Sonneborn Satire als eine Verlängerung der Pubertät betrachtet und "Titanic"-Angestellte keine Steuern zahlen. Und Gysi, jahrzehntelang gestählt im Sitzungs-Sozialismus, bewies: Politiker mit trainierter Blase sitzen am längeren Hebel. Als Sonneborn aufs Klo ging, kippte Gysi den Wanderwodka in Sonneborns Glas. Das war dann schon der Höhepunkt eines Abends, den man als "nett" bezeichnen kann. Und "nett", so bilanzierte es eine Linke später am Abend, ist "die kleine Schwester von Scheiße".

Geht doch.

PS: Eine Zusammenfassung der Aufzeichnung des Abends wird am Sonntag parallel als Alternative zum TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück über die YouTube- und Facebook-Kanäle beider Parteien angeboten.

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