Wahlkampf der Spitzenpolitiker Gaudi und Gähnen in Bayerns Bierzelten

Wahlkampf in Weißblau: Kanzlerin Merkel, Wirtschaftsminister Guttenberg und Finanzminister Steinbrück poltern in bayerischen Bierzelten. Während Merkel matt bleibt, legt Guttenberg ein furioses Finale hin - im Heavy-Metal-Shirt.

Aus Abensberg und Keferloh berichtet

dpa

Horst Seehofer macht dem SPD-Bürgermeister schon draußen vorm Keferloher Festzelt im Osten von München klar, dass von ihm heute nichts kommt: "Ich red' jetzt nix Parteipolitisches, sondern nur, dass wir uns gern haben - und den Rest macht die Kanzlerin." Und daran hält sich der CSU-Vorsitzende auch vor den 1500 Leuten im Zelt. Beinahe jedenfalls. Denn ein bisschen Ironie muss dann schon sein.

Gleich komme die "Chefin" und da werde er "präventiv nix sagen", da er nicht wisse, "ob das mit dem übereinstimmt, was Sie nachher hören".

Man lacht. Seehofer grinst. Von seinen Widerständigkeiten gegen Merkel bleibt drei Wochen vor der Bundestagswahl nur Koketterie. Seehofer also sagt nix. Und Angela Merkel, die kurz darauf mit der Kutsche vorgefahren wird, redet zwar - sagt aber auch nichts.

Es ist eine defensive, knappe Rede, die sie da hält. Eine Rede, der man den Wahlkampf nicht anmerken muss. Die hätte sie so auch im Vorjahr halten können. Die eine Hälfte Finanzkrise, die andere DDR-Historie und Lehren daraus - das ist Merkels grobe thematische Aufteilung. Kurz gesagt: Es geht gegen gierige Manager und den Linken Lafontaine.

Merkel warnt vor rot-roten Bündnissen "in den Ländern und im Bund", die Linke sage zu allem Nein, "zur Schuldenbremse, zur Föderalismusreform, zum EU-Vertrag". Dabei war es auch der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler, der wie die Linke vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Lissabonner Vertrag klagte. Dann knöpft sich Merkel die Banker und Manager vor. Manche bekämen "den Rachen nicht voll", sagt sie in Anspielung auf Ex-Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick: "Jemand, der sechs Monate bei Arcandor gearbeitet hat und dann noch 15 Millionen Euro kriegt - das geht nicht."

Das war's. SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier und seine Partei? Kommen nicht vor. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan im Allgemeinen und der umstrittene Luftangriff auf zwei Tanklastzüge im Speziellen? Kein Wort vorm Bierzeltpublikum.

Wie schon beim großen Wahlkampfauftakt der Union in Düsseldorf am Sonntag sucht Merkel nicht zu polarisieren, sondern sich als Präsidialkanzlerin über den Dingen zu positionieren. Als Kanzlerin des Volkes will sie in die Wahl gehen, nicht als Vorsitzende einer Partei: "Wir schaffen das nur gemeinsam", ruft sie dem parteipolitisch bunt gemischten Bierzeltvolk von Keferloh zu.

Keine Steuermilliarden unter "bräsige Hintern"

Hundert Kilometer weiter nördlich die nächsten Kundgebungen: Im niederbayerischen Abensberg messen sich CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und SPD-Finanzminister Peer Steinbrück gar Zelt an Zelt, nur ein paar hundert Meter trennen sie. Auch FDP, Freie Wähler und die Grünen haben hier ihren Auftritt. Bei Guttenberg dominiert die Krise - und er sendet nahezu identische Botschaften wie Merkel. Manche Banker, sagt der Minister, hätten Milliarden "verjauchzt und verjuxt" und sich dann auch noch Bonuszahlungen genehmigt. Nein, es bedürfe in Zukunft neben der Bonus- auch eine Malusregelung. Man dürfe gescheiterten Unternehmern keine Steuermilliarden "unter den bräsigen Hintern" schieben.

Während Merkel nur an der Oberfläche kratzt, geht Guttenberg in die Tiefe: verteidigt aufs Neue die Möglichkeiten des deutschen Insolvenzrechts. Und kritisiert auch die Politik. Es gebe wegen mangelnder Aufsichts- und Regulierungsstrukturen eine staatliche Mitverantwortung für die Finanzkrise: "Wir hätten hier mehr tun können und mehr tun müssen."

Nun dürfe man nicht warten, bis eine neue Regierung im Amt sei, sondern schon auf dem G-20-Gipfel in Pittsburgh müsse man eigene "Handschrift" deutlich machen -"statt nur Wahlkampfgebrabbel". Guttenberg: "Da kann mehr von uns kommen." SPD-Mann Steinbrück nebenan bleibt ebenfalls über weite Strecken sachlich, spricht fast ausschließlich über die Finanz- und Wirtschaftskrise. Und die Sache mit den Steuersenkungen. Da allerdings greift er Union und FDP scharf an: "Glaubt nicht deren Versprechungen. Ich versprech' euch nix, also glaubt mir." Besonders Seehofer sei "das größte Irrlicht in der Republik".

Guttenberg wippt zu "Highway to Hell"

So wird dem Bierzeltvolk an diesem Montag eine matte Merkel sowie ein zurückhaltendes Duell Steinbrück versus Guttenberg geboten. Allein vom Finale an diesem Tag gibt es Furioses zu berichten. Denn dem AC/DC-Fan Guttenberg wird nach der Bayern- und Deutschlandhymne vom örtlichen CSU-Abgeordneten noch eine Überraschung angekündigt.

Es fällt der Vorhang hinter ihm und eine Cover-Band brüllt dem verblüfften, die demografische Zukunft Deutschlands recht deutlich abbildenden Publikum "Highway to Hell" und "Rock'n'Roll Train" entgegen. Guttenberg aber streift ein schwarzes AC/DC-Shirt über, hängt sich eine Bayern-Fahne wie ein Boxer um den Hals und wippt glücklich im Takt.

Merkels nächster großer Wahlkampfauftritt übrigens wird eine Fahrt im historischen Rheingold-Express von Bonn über Leipzig nach Berlin sein. Es ist wieder etwas Historisches. Sie will an Adenauers erste Kanzlerschaft erinnern. Es wird wohl alles andere als ein Rock'n'Roll Train.

Mit Material von AP und dpa



Forum - Hat die Union den Wahlsieg schon in der Tasche?
insgesamt 1811 Beiträge
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Seite 1
heuss 17.08.2009
1.
Zitat von sysopBei Umfragen zur kommenden Bundestagswahl liegen CDU und CSU derzeit sicher vorn. Müssen sich die Schwesterparteien keine Sorgen mehr um den Sieg machen? Wie sehen Sie den möglichen Ausgang der Wahl?
Die sollen sich mal keine Sorgen machen, wird schon werden.
kdshp 17.08.2009
2.
Hat die Union den Wahlsieg schon in der Tasche? Hallo, auch wenn ich weder FDP noch CDU/CSU gut finde aber JA ich denke die die katze im sack. Die waren einfach zu gut in der PR und haben es auch geschaft sich aus vielen dingen rauszuhalten wo ide SPD immer wieder meinte was sagen zu müssen selbst wenns nicht deren fachgebiet (minister) war. So was sehe ich als klassichen aufläufer (kicher) und der war dieses mal sehr gut gemacht von der FDP/CSU/CDU. Respekt ! GUTE Nacht DEUTSCHLAND !
kdshp 17.08.2009
3.
Zitat von heussDie sollen sich mal keine Sorgen machen, wird schon werden.
Hallo, die union sicherlich nicht (Hat die Union den Wahlsieg schon in der Tasche?) aber die FDP ! KOALITIONS-PLANSPIELE Westerwelle beschwört schwarz-gelbe Mini-Mehrheit http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,643103,00.html
oliver twist aka maga 17.08.2009
4.
Zitat von kdshpHallo, die union sicherlich nicht (Hat die Union den Wahlsieg schon in der Tasche?) aber die FDP ! KOALITIONS-PLANSPIELE Westerwelle beschwört schwarz-gelbe Mini-Mehrheit http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,643103,00.html
Merkel glaubt, wieder einmal im Schlafwagen in Richtung schwarz-gelber Mehrheit fahren zu können. Beim letzten Mal hat's trotz hervorragender Umfragewerte nicht geklappt. Und dieses Mal soll es mit "Mini-Mehrheit" klappen?
cathys 17.08.2009
5. ??
Zitat von sysopBei Umfragen zur kommenden Bundestagswahl liegen CDU und CSU derzeit sicher vorn. Müssen sich die Schwesterparteien keine Sorgen mehr um den Sieg machen? Wie sehen Sie den möglichen Ausgang der Wahl?
Wenn CDU und vor allen Dingen die CSU so weitermachen dann ist Schluss mit Lustig. Der CDU ist es sowieso lieber mit der einfältigen SPD zu koalieren, als sich mit der FDP anzustrengen. Selbst wenn es nochmals zu der heißgeliebten Groko kommen sollte rasselts relativ schnell im Karton. Also Wulff, Seehofer und Konsorten haltet einfach mal die Klappe, ihr seid entlarvt.
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