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25. September 2008, 21:26 Uhr

Wahlkampf-Endspurt in Bayern

Müntefering liest der CSU die Leviten

Von , München

"Waschlappen", "Bonsai", "Die können es nicht": Beim SPD-Wahlkampfabschluss in München hat der designierte Parteichef Franz Müntefering mit der CSU abgerechnet - und seinen Genossen bei strömendem Regen eingeheizt. Trotzdem sehen die Sozialdemokraten dem Sonntag mit Bange entgegen.

München/Ingolstadt - Die bayerische Sozialdemokratie hat einfach kein Glück. Kurz vor der Wahl hängt sie in den Umfragen an der 20-Prozent-Marke fest - und nun verregnet es ihr auch noch die Abschlusskundgebung auf dem Münchner Marienplatz.

Müntefering auf dem Marienplatz: "Schickt Huber und Beckstein nach Hause"
Getty Images

Müntefering auf dem Marienplatz: "Schickt Huber und Beckstein nach Hause"

Der Regen prasselt auf den Hightech-Truck mit integrierter Bühne und 30-Quadratmeter-Großbildwand, auf der nun der Image-Film für Spitzenkandidat Franz Maget läuft. Davor nur ein paar hundert treue Anhänger, bunte Regenschirme in der Hand. Klatschen geht nicht.

Eine Band mit dem mutigen Namen "Edelweißpiraten" rattert danach selbstgedichtete Lieder mit einem Schuss Sozialkritik runter - und erinnert mit dem Klagesong "Rache für Bruno" an jenen dereinst von der CSU-Staatsregierung zum Abschuss freigegebenen Braunbären im österreichisch-bayerischen Grenzgebiet. Wobei der griffige Refrain lautet: "Leck' mich doch am Arsch, du saudummer Jäger."

Tristesse pur auf dem Marienplatz.

Bis Franz Müntefering kommt. Der Stargast, der für Kurt Beck einspringt. Der Umbau an der SPD-Spitze hat die Pläne der wahlkämpfenden Genossen umgeworfen. "Wie gut, dass der Beck keine Sprechrolle im Werbefilm vom Maget hat", scherzt noch schnell ein Zuschauer, bevor es losgeht mit Münte-Sprech - und tatsächlich der Regen stoppt.

"Die CSU ist feste in ihrer Schmelze", ruft Franz Müntefering in die Menge: "Die Zeit ist reif, zieht durch, helft mit." Den eigenen Kindern könne später erzählt werden, "dass Ihr bei der historischen Entscheidung dabei gewesen seid".

Immer mehr Leute bleiben stehen. In wenigen Minuten hat Müntefering - mit rotem Schal, roter Krawatte, beigefarbenem Trenchcoat - hundert zusätzliche Zuhörer gewonnen.

Mit scharfen Attacken auf die CSU geht es weiter: Franz Josef Strauß sei ein großer Stratege gewesen und "sein blonder Jünger Stoiber hat gut gelernt". Doch CSU-Chef Erwin Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein - "die können es nicht", lästert Müntefering. Und erinnert damit an einen Ausspruch aus dem Bundestagswahlkampf 2005. Damals hatte er Angela Merkel attestiert: "Die kann es nicht."

Drei Jahre später appelliert er an die bayerischen Wähler: "Schickt Huber und Beckstein nach Hause, Bonsai ist eine Zierpflanze, Bonsai reicht nicht, um dieses Land zu regieren." Irgendwann gehe auch "mal die schönste Serie zu Ende, irgendwann ist genug", sagt Müntefering in Anspielung auf die nun fünf Jahrzehnte währende Regierungszeit der CSU.

Er komme gerade aus dem Bundestag, von einer "gespenstischen Situation" wolle er berichten: Die CSU habe gegen die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale gestimmt. Genau die aber fordere sie im bayerischen Wahlkampf zurück. "Was sind das eigentlich für Waschlappen?", ruft Müntefering in Anlehnung an seine umjubelte Rede im Münchner Hofbräukeller, die Anfang September sein Comeback in der SPD eingeleitet hatte.

Und wie vor drei Wochen versucht Müntefering, sozialdemokratisches Terrain zu markieren. Die Welt dürfe nicht vom Geld regiert werden: "Wir kämpfen gegen diese Form des Kapitalismus." Zudem sei Bildung eines der wichtigsten Themen: "Die deutsche Sozialdemokratie ist als Arbeiterbildungsverein gegründet worden; wenn man will, dass die Menschen Bescheid wissen, dass sie nicht untergebuttert werden, dann braucht man Bildung." Dies sei "ein Menschenrecht".

Der ein oder andere Genosse auf dem Marienplatz ruft jetzt sogar "Bravo". Müntefering hat die Tristesse vertrieben. Wenigstens bis zum Wahlsonntag. Wenn dann die Umfragen wahr werden sollten, steht die bayerische SPD vor einem weiteren Neuanfang.

Am Freitag gehört der Marienplatz dann der CSU, die dort ebenfalls ihren Wahlkampfabschluss in der Landeshauptstadt zelebrieren wird. Schon am Donnerstag, zeitgleich mit Müntefering, trat Kanzlerin Merkel in Ingolstadt auf und appellierte an die noch unentschlossenen Wähler, am Sonntag an die Urnen zu gehen: "Wir brauchen viele Stimmen für die CSU, damit es mit Bayern weitergeht", sagte Merkel. Nur ein starker Ministerpräsident Beckstein könne "sein Wort in die Waagschale werfen und andere überzeugen, etwas besser zu machen".

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle attackierte die CSU bei einer Kundgebung im Münchner Postpalast. Die Christsozialen hätten in Berlin die größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik mitbeschlossen und starteten jetzt Unterschriftenaktionen gegen ihre eigene Politik: "In der Politik nenne ich das Heuchelei, zu Hause würde ich sagen: 'Geh' zum Arzt'", spottete Westerwelle.

Nach Spekulationen um die zukünftige Rolle des CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber im Falle einer Wahlniederlage meldete sich am Donnerstag CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer zu Wort: Eine Rückkehr Stoibers in die "erste Reihe" ihrer Partei schloss sie aus. "Stoiber hat Großartiges für Bayern geleistet und sich auch kraftvoll in diesen Wahlkampf eingebracht. Aber nun sind andere in der Verantwortung", sagte sie der "Leipziger Volkszeitung".

Mit Material von dpa

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